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Letztes Update: 05.06.2004

"Die Eltern" oder "Der Vater" der Relativitätstheorie?

Zum Streit über den Anteil von Mileva Maric an der Entstehung der Relativitätstheorie.

von Margarete Maurer

Die einen führen ihren Namen noch nicht einmal im Personenregister ihrer wissenschaftlichen Werke zu Albert Einstein an, die anderen vertreten die Ansicht, daß ihr ein wesentlicher Anteil - wenn nicht sogar die Koautorinnenschaft - an den frühen Arbeiten Einsteins zukommt, für die später (1921/22) ER mit dem Nobelpreis geehrt wurde: der Studienkollegin und dann auch Ehefrau Albert Einsteins, Mileva Maric. Die Art der Diskussion über diese Frage macht die Schwierigkeiten deutlich, die einer angemessenen Rekonstruktion der Wissenschaftsgeschichte manchmal im Wege stehen - und zwar nicht nur deswegen, weil die Quellenlage unbefriedigend ist und weder für die eine noch für die andere Seite absolute Beweise liefert. Auch Vorurteile, vermeintlich angegriffene Selbstwertgefühle und andere Emotionen können den Blick auf die Tatsachen verstellen oder deren angemessene Interpretation verhindern. Die Kontroverse um Mileva Maric-Einstein stellt hierfür ein charakteristisches Beispiel dar.

Im folgenden Beitrag werden die Struktur, die Formen und Argumentationsweisen dieses wissenschaftsgeschichtlichen Diskurses analysiert und die mit ihnen zusammenhängenden Positionen. Wer geht wie mit den Quellen um, und was trägt zu den so unterschiedlichen Bewertungen der Rolle Mileva Maric's und ihrer Zusammenarbeit mit Albert Einstein bei?

Mileva Maric kam im selben Winter-Semester 1896 wie Albert Einstein an die ETH Zürich und war die fünfte Frau, die dort Physik studierte, in ihrem Jahrgang jedoch die einzige. Sie entstammte einer wohlhabenden Familie im heutigen Jugoslawien, damals zu österreichisch-ungarischen Monarchie gehörend. Ihr Vater beendete einen Monat nach ihrer Geburt (19.12.1875) seine Karriere im Militärdienst und wechselte als Kanzlist in das Bezirksgericht Ruma, später an den Obersten Gerichtshof in Agram, dem heutigen Zagreb; er war gleichzeitig Gutsbesitzer - weshalb Maric bei einigen Biographen Einsteins, die ungenau recherchiert haben, als "Tochter eines slawischen Bauern", "aus einer rechtschaffenen serbischen Bauernfamilie stammend" oder gar als "Bauernmädchen" gilt (Clark 1981, S.40; Seelig 1954, S.52; Wickert 1972, S. 19). [...]

Zwischen den beiden außergewöhnlichen Menschen entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit, das gemeinsame (Privat-)Studium großer physikalischer Werke und dann eine damit verwobene innige Liebesbeziehung: Liebe und Physik wurden eins.

Insbesondere an der folgenden Briefstelle entzündete sich eine Diskussion über die Bedeutung und Rolle Mileva Marics in dieser Kooperation, und damit ihres Anteils an den Arbeiten, mit denen Albert Einstein ab 1905 berühmt wurde: "Wie stolz und glücklich werde ich sein, wenn wir beide zusammen unsere Arbeit über die Relativbewegung siegreich zu Ende geführt haben. Wenn ich so andre Leute sehe, da kommt mir's so recht, was an Dir ist!" (Einstein an Maric, Dok. 94, 27. März 1901).

Das gemeinsame Studium und die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Maric waren für Einstein auch deshalb besonders wichtig, weil er als Student und dann als Arbeitsloser (er fand erst 1902 eine Anstellung am Patentamt in Bern) auf sich gestellt war und in dieser Zeit keinen Zugang zu akademischen Diskussionszusammenhängen hatte (Clark 1981, S. 43). Die Diskussionen mit Mileva Maric boten ihm das intellektuelle Klima, das notwendig ist, um überhaupt Gedanken entwickeln und weiterentwickeln zu können. Mileva Maric war die erste Ansprechpartnerin Albert Einsteins, wenn es um die mathematischen Formulierungen seiner (oder ihrer gemeinsamen?) Ideen ging, wie indirekt aus Michelmores Biographie zu entnehmen ist (1968, S. 56); zu weiteren engen mathematischen Freunden wurden der gemeinsame Studienkollege Marcel Grossmann und später in Bern Albert Einsteins Kollege am Patentamt, Michele Besso. "Grossmann hatte die Gabe, sofort zum Kern jedes neuen Problems vorzustoßen und sich selbst Lösungen zu erarbeiten", notiert dazu Michelmore (1968, S. 35) und über Mileva Maric: "Sie war in Mathematik ebenso gut wie Marcel." (S. 36). Das "annus mirabilis" 1905 (Cassidy 1986), mit seinen wichtigen Veröffentlichungen in den "Annalen der Physik", war der Höhepunkt dieser gemeinsamen Zeit; viele Biographen Albert Einsteins haben sich vor 1987 gewundert, wie er in dieser isolierten Situation dermaßen produktiv werden konnte (z.B. Holton 1984, S. 66). Ob dies auch an Maric gelegen haben könnte, und ob sie im originären Sinne an der Entwicklung dieser Ideen beteiligt war, kann zwar auch nach der Veröffentlichung der Collected Papers nicht abschließend entschieden werden und bleibt eine offene Frage. Für die meisten Biographen Albert Einsteins lag sie vor 1987 jedoch noch nicht einmal als Frage im Blickfeld ihrer Untersuchungen. [...]

Ein darüberhinaus in vielen Aspekten ausgesprochen negatives Bild zeichnen die beiden frühen Einstein-Biographen Philipp Frank (englisch 1947/1948, deutsch 1979) und Carl Seelig (1954): Frank erwähnt in seiner ebenfalls von Einstein autorisierten Darstellung zwar das gemeinsame Studium der Werke großer Physiker, bemängelt aber an Maric: "Wenn er ihr als Fachkollegin seine Ideen, von denen er überfloß, mitteilen wollte, war ihre Reaktion so dürftig und schwach, daß er oft nicht recht wußte, ob sie sich dafür interessierte oder nicht." (1979, S. 44). Seelig übertrifft dies noch: "Ohne Einstein hätte sie das Abgangszeugnis vielleicht nie erworben. Ihre grüblerische Schwermütigkeit machten ihr das Studium und das Leben oft sauer. Auf ihre Umgebung wirkte Mileva leicht düster, wortkarg und mißtrauisch." (1954, S. 52-53).

Dieser zur "Bauerntochter" gut passende Konstruktionsplan für die historische Herabsetzung Marics wurde in der Standardbiographie Ronald Clarks (englisch 1973, deutsch 1981) weiter ausgebaut (vgl. dazu auch Agnes Hüfner 1989): Einstein würde sich laut Clark "physisch verbraucht" haben, "wenn er seine Frau nicht auf eine gewisse Distanz hätte halten können." (1981, S. 40). - Wie will Clark dies aber wissen, wenn er einige Zeilen vorher doch selbst festgestellt hat: "Die Frage, ob Mileva ihrem Mann half, die Leiter des Erfolges zu erklettern, oder ob sie ihn bremste, bleibt ungeklärt" (1981, S. 40)?

Auch wenn einige Biographen das gemeinsame Privatstudium und ihre enge Freundschaft nicht verschwiegen haben (z.B. Wickert 1972, S. 19, Frank 1979), so kommt Maric in der Auflistung der Freunde und Mitarbeiter Albert Einsteins bei vielen dennoch nicht vor: So listet Abraham Pais in seiner wissenschaftlichen Biographie Einsteins (nur) wichtige Diskussionspartner mit "Folgeaktivitäten" auf. Er erwähnt daher als fehlend Michele Besso, aber Mileva Maric noch nicht einmal als fehlend (1986, S. 486); außerdem setzt auch er die Negativberichterstattung über Maric fort: "seine Ehe war vielleicht nicht ideal." (S. 48). Auch Lewis Pyenson, der sich (zwar 4 Jahre später) in der Rezension der "Collected Papers" (1989) mit Maric beschäftigt hat (siehe oben), erwähnt sie nicht in seinem Werk "The Young Einstein" (1985) - obwohl es gerade in diesem Werk ausdrücklich auch um die mathematischen Beziehungen Einsteins mit anderen insbesondere in der frühen Zeit, geht. Pyenson erwähnt lediglich die Studienkollegen Louis Kollros und Marcel Grossmann, diese allerdings auch nicht als Mitarbeiter, sondern nur vergleichsweise hinsichtlich der belegten mathematischen Lehrveranstaltungen. (1985, S. 21). [...]

Und sollte Albert Einsteins Sprechweise des "wir" die des verliebten Mannes gewesen sein, so fragt sich, warum Stachel dann nicht berücksichtigt, was durch viele historische Beispiele viel besser belegt und plausibler ist: daß es bei Frauen, die mit einem Mann (Vater, Bruder, Ehemann) zusammenarbeiteten, sehr häufig war, sich hinsichtlich der gemeinsamen und sogar auch der eigenen alleinigen Arbeiten einzig auf den geliebten Mann zu beziehen, von "seiner" Arbeit zu sprechen und "freiwillig" hinter ihm zu verschwinden (bekanntestes Beispiel: Caroline Herschel hinsichtlich ihres Bruder)? Warum argumentiert Stachel also nicht entsprechend, bei Mileva Maric, es bedeute nichts, wenn sie von "seiner" Arbeit spreche - denn dies sei (oder ist) die Sprache einer verliebten Frau. [...]

Leider diskutiert Stachel die vielen Argumente für eine "bedeutendere" Rolle Marics, die von Desanka Trbuhovic-Gjuric (1669/1982) bereits vorgetragen wurden, in seiner Einleitung zu den "Collected Papers" nicht - ihr Buch wird zwar hinten (auf der genannten Seite 381) als Quelle angegeben, aber es wird weder ausreichend gewürdigt noch in die Interpretation oder in den Kommentar einbezogen, obwohl es eine sehr wertvolle Quelle darstellt: geschrieben von einer Physikerin und Universitätsprofessorin, die nicht nur wie Maric aus Jugoslawien stammte und serbisch sprach, sondern auch zu Zürich enge Beziehungen hatte, enthält es die Auswertung von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und Dokumenten und die Ergebnisse umfangreicher persönlicher Recherchen der Autorin, nämlich der Befragung von Zeitgenossen, Verwandten, FreundInnen und ehemaligen StudienkollegInnen - diese lebten damals noch. Hätte der Herausgeber der "Collected Papers" es sich leisten können, eine solche Quelle in seiner Interpretation unberücksichtigt zu lassen, wenn sie von einem Mann, und nicht von einer Frau, wenn sie von einem Mitglied einer US-amerikanischen Hochschule und nicht von einer Professorin der Technischen Hochschule und der Universität in Belgrad, verfaßt worden wäre? [...]

Als "ärgerlicher Unsinn" werden alle oben genannten Argumente in einem mehr als halbseitigen Zeit-Artikel des Wissenschaftsjournalisten Albrecht Fölsing bezeichnet, und zwar unter der Überschrift "Keine Mutter der Relativitätstheorie", eine Anspielung auf einen "Emma"-Artikel vom Oktober 1990. Die Debatte um Mileva Maric resultiere allein aus feministischer Voreingenommenheit, behauptet Fölsing, nämlich der, "daß einer Frau in der Männerwelt der Wissenschaft nur schlimmes Unrecht widerfahren konnte" (Die Zeit, 16.11.1990). Die Monographie Desanka Trbuhovic-Gjurics ist ihm "eine eigenwillige Mischung aus belletristischer Erfindung und Pseudodokumentation"; Fölsing behauptet, sie gebe keine Quellen an. "Die Berichtigung aller Fehler würde ein Buch füllen", wirft Fölsing der Autorin vor. Sein 'Beweis' hierfür: "So behauptet die Autorin, der russische Physiker Abraham Joffe schreibe in seinen 'Erinnerungen an Albert Einstein', daß die drei Veröffentlichungen aus dem Jahre 1905 im Original mit 'Einstein-Maric' gezeichnet waren"; als Beleg zitiert Fölsing aus ihrem Buch (S. 79): "Joffe hatte die Originale als Assistent von Röntgen gesehen, der dem Kuratorium der 'Annalen' angehörte, das die bei der Redaktion eingereichten Beiträge zu begutachten hatte." Fölsing behauptet nun, dies sei alles falsch und könne nicht sein, unter anderem, weil in Joffes Buch "Begegnungen mit Physikern" nichts dergleichen geschrieben stehe. Dabei schreibt er ja selbst, daß Trbuhovic-Gjuric als Quelle gerade nicht dieses Buch nennt, sondern sich auf Joffes "Erinnerungen an Einstein" bezieht. Fölsing interpretiert und zitiert sie also falsch. [...]

Zwischenergebnis zu A. Fölsings Artikel: Die Fehler, die Fölsing Desanka Trbuhovic-Gjuric in der "Zeit" vorwirft, macht nicht sie, sondern er. Albrecht Fölsing ist es, der unbewiesene und/oder fragwürdige Behauptungen aufstellt, er ist es, der seine Quellen nicht nennt und der nicht ausreichend recherchiert hat - und dies, obwohl dies gerade von einem Zeit-Journalisten erwartet werden kann. Fölsing hätte (so wie ich) eine Kopie der Seite und die genauen Quellenangaben ohne weiteres von Ljubomir Trbuhovic erhalten können. Dieser teilte mir mit, daß Albrecht Fölsing - im Gegensatz zu einer Reihe anderer JournalistInnen, die über Einstein und/oder Mileva Maric recherchiert haben - nie bei ihm und seines Wissens auch nicht bei seiner inzwischen verstorbenen Mutter deswegen angefragt habe (Gespräch in Zürich, im Februar 1992).

Dort (oder an der ETH) hätte Fölsing außerdem das serbische Original einsehen können und dann festgestellt, daß Desanka Trbuhovic-Gjuric sehr wohl ihre Quellen angegeben hat, diese jedoch vom Paul-Haupt-Verlag nicht alle in die Übersetzung übernommen worden sind. Dennoch sind auch in der deutschen Fassung des Buches genügend Hinweise vorhanden, die deutlich machen, daß die Autorin genau gearbeitet hat. [...]

Hätte Albrecht Fölsing sich während der Arbeit an seiner "umfangreichen Einstein-Biographie" (Die Zeit) auch nur einmal die Mühe gemacht, ein Gespräch mit Prof. Ljubomir Trbuhovic zu führen, hätte er über die Arbeitsweise der Autorin noch Detaillierteres erfahren können, zum Beispiel: daß sich Desanka Trbuhovic-Gjuric viele Nachmittage lang mit Elisabeth Hurwirtz traf, der Ehefrau des Mathematikers Prof. Hurwirtz, in deren Haus die beiden Einsteins häufig zu Gast waren, und daß sie gemeinsam mit Elisabeth Hurwirtz nach deren Tagebuchaufzeichnungen die entsprechenden Textstellen ihres Buches erarbeitete. Fölsing hätte auch erfahren können, daß Desanka Trbuhovic-Gjuric damals noch vorhandene Briefe zwischen Albert Einstein und den direkten gemeinsamen StudienkollegInnen einsehen und auswerten konnte (Ljubomir Trbuhovic, persönliche Mitteilung an d.A.). [...]

Polemisch und frauenfeindlich ist der gesamte Zeit-Artikel Albrecht Föslings gehalten. Er referiert auf Mileva Maric zumeist als "Mileva", und auf Albert Einstein als "Einstein". - Mileva Marics Fähigkeiten in Mathematik und Physik bezweifelt Fölsing schon deswegen, weil sie zweimal die Diplomprüfung nicht bestanden hat. Hier mißt er mit doppeltem Maß, denn auch Albert Einstein fiel durch Prüfungen, und er mußte zu seiner Doktorarbeit zweimal ansetzen. Fölsing berücksichtigt dabei auch nicht, was die "Collected Papers" an den Tag brachten: daß Mileva Maric bei der zweiten Prüfung schwanger war, und daß diese Schwangerschaft, die sie verheimlichen mußte, letztlich zum Abbruch ihres Studiums führte und darüberhinaus lang wirkende Schatten auf das Leben mit Albert Einstein warf - wie der Einstein-Biograph Peter Michelmore (1962/1968) festgestellt hatte, ohne dies jedoch erklären zu können: "Freunde hatten bemerkt, daß Milevas Haltung sich verändert hatte und meinten schon, die Beziehung zu Albert sei zu Ende. Etwas war zwischen den beiden vorgefallen, doch Mileva sagte nur, es sei 'äußerst persönlich'. Was immer es auch sein mochte, sie brütete darüber, und irgendwie schien Albert daran die Schuld zu tragen." (Michelmore 1968, S. 42).

Den Schmerz und die Trauer über den Verlust ihrer Tochter hat Mileva Maric zeitlebens tief in ihrem Innern vergraben: Das Lieserl wurde im Januar 1902 geboren und ist wahrscheinlich zur Adoption freigegeben worden, obwohl Albert Einstein in einem Brief an Mileva Maric vom 12. Dezember 1901 meinte, er wolle nicht, "daß wir es aus der Hand geben müssen. Frag' einmal Deinen Papa, er ist ein erfahrener Mann und kennt die Welt besser als Dein verstrebter, unpraktischer Johonzel." (Dok. 127). Die letzte dokumentierte und bekannte Nachricht über das "Lieserl" geht laut John Stachel aus einem späteren Brief Albert Einsteins hervor: sie habe 1903 eine Scharlach-Erkrankung überstanden (Collected Papers, Einleitung, S.XXXVIII).

Der Skandal des Zeit-Artikels von Albrecht Fölsing liegt darin, daß eine sonst als seriös geltende große Wochenzeitung damit eine Arbeit veröffentlicht hat, die falsche Beschuldigungen gegen eine Autorin enthält, schlecht recherchiert und von fundamentaler Frauenfeindlichkeit geprägt ist. Hinsichtlich des Autors kann dieser Fall nur durch eine psychologische Hypothese erklärt werden bzw. hinterläßt sein Artikel den folgenden Eindruck über dessen Verfasser: schon durch die bloße Frage, ob eine Wissenschaftlerin an den genialen Entdeckungen Einsteins beteiligt sein könne, fühlt er sich in seiner Identität bedroht, die auf einer Überidentifikation mit dem Physiker-Idol Albert Einstein und dessen Mythologisierung beruht - dies Idol scheint ihm in Gefahr und er schlägt mit verbalen Angriffen um sich. [...]

Albert Einstein hat zwei Leben gelebt: eines, in dem Wissenschaft und Liebe eins waren, und das seinen wissenschaftlichen Ruhm und seine Universitätskarriere begründete, und eines, in dem beide Bereiche strikt getrennt waren: seine zweite Frau verstand nichts von Physik - "die erste tat's nämlich!" - wie er betonte. Elsa Einstein legte Wert auf Repräsentation und Ruhm, und sie war eine Repräsentantin desjenigen Teils seiner Familie, der von Beginn an gegen seine Verbindung mit Mileva Maric eingestellt gewesen war: "Sie ist ein Buch wie Du - Du solltest aber eine Frau haben", hatte ihm seine Mutter (Schwester der Mutter Elsa Löwenthals) vorgehalten (Dok 68, 29? Juli 1900).

Sollte es hiermit zusammenhängen, daß nur noch so wenige Briefe von Mileva Maric bekannt sind? Sollte sie nicht nur aus der Familiengeschichte, sondern zu diesem Zweck auch aus der Wissenschaftsgeschichte verdrängt werden, die sich hier zu ungunsten einer Frau verzahnen? Laut Clark (1981) hat sich Albert Einstein geweigert, bestimmte Details aus seinem früheren Leben (zum "Privatleben" deklariert) bekanntzugeben, und seine Nachlaßverwalter (Helen Dukas und andere) haben "eine ganze Anzahl von Briefen zurückbehalten." (Clark 1981, S. 40). Frage: warum taten sie das? [...]

Fazit: es kommt mir nicht so sehr darauf an, ob Mileva Einstein-Maric die spezielle Relativitätstheorie mitgeschaffen hat, und ob ihr die Hälfte des Nobelpreises für Physik von 1921 zugestanden hätte, obwohl eine Vielzahl von Sachverhalten dies wahrscheinlich macht. Selbst die sichere Beantwortung dieser Fragen mit "ja" würde die Bedeutung Albert Einsteins für die moderne Physik nicht schmälern. Aber schon eine hohe Wahrscheinlichkeit kann die Bedeutung Mileva Einstein-Marics in ein angemessenes Licht rücken. Obwohl weiteres Material möglicherweise noch im Verborgenen existiert, hatte ich deswegen hier nicht den Anspruch, neue Quellen zur Entscheidung dieser Fragen ausfindig zu machen.

Schon aus den vorhandenen Veröffentlichungen, die hier sinnvollerweise "gegen den Strich gelesen" werden mußten, wird meines Erachtens ausreichend deutlich und klar, daß Maric und Einstein mindestens in mathematischen Fragen mit Maric zusammengearbeitet haben. Diese Tatsache allein sollte schon Grund für eine Neubewertung Marics in der Physikgeschichte sein. In der Mehrzahl der vorhandenen Biographien über Albert Einstein werden aber selbst die vorhandenen Belege ignoriert oder als unwichtig abgetan. Mileva Marics Leistungen und/oder ihre Existenz als Mathematikerin und Physikerin werden totgeschwiegen. Ihre Arbeit wird so systematisch unsichtbar gemacht, nach dem Motto, daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Dies entspricht den bekannten Mustern patriarchaler Wissenschafts- und Technikgeschichtsschreibung (vgl. Maurer 1986).

Das die Quellenlage bisher nicht ausreichend ist, kann nicht als Begründung oder gar Entschuldigung für dieses Verschweigen und Abwerten Mileva Marics und ihrer Leistungen herangezogen werden, denn eine solche Situation ist für historische Untersuchungen nicht ungewöhnlich. Gerade weil sich die Quellenlage als unbefriedigend darstellt, sollten vielmehr die Argumente, die für die substantielle Bedeutung Mileva Marics in der modernen Physik sprechen, beachtet und diskutiert werden. Daß dem bisher einige Barrieren im Wege stehen und allzu häufig eine von vornherein abwehrende bzw. negative Stellungnahme die sachhaltige oder ihr angemessene Diskussion verhindert, hoffe ich mit diesem Beitrag verdeutlicht zu haben. Er soll dazu beitragen, diese frauenpolitisch wichtige und wissenschaftshistorisch interessante Thematik der ernsthaften inhaltlichen Auseinandersetzung (wieder) zugänglich zu machen. Dies ist nicht ohne Bedeutung auch für die Situation und das Selbstverständnis heutiger Naturwissenschaftlerinnen. Denn die Dominanz einer patriarchalischen Perspektive in Wissenschaft und Öffentlichkeit trägt zu einer Atmosphäre bei, die auch für sie nicht förderlich sein kann.

In Auszügen aus: Dokumentation des 18. Bundesweiten Konresses von Frauen in Naturwissenschaft und Technik vom 28.-31. Mai 1992 in Bremen, S. 276ff