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Letztes Update: 16.04.2006 |
Irrte Einstein?
Das Mäkeln an der Relativitätstheorie kommt in Mode.
Albert Einstein gilt als Jahrhundertgenie. Doch es regt sich Kritik: Ein neues Buch versucht, mit alten Behauptungen Einsteins erfolgreichstes Werk - die Relativitätstheorie - aus den Angeln zu haben.
"Raum und Zeit bilden eine Einheit, bei hohen Geschwindigkeiten verkürzt sich der Raum, verlangsamt sich die Zeit. Aber das stimmt nicht: Einstein müßte seine berühmte Arbeit aus dem Jahr 1905 eigentlich zerreißen."
Keine andere Publikation in der deutschen Presselandschaft hat es je gewagt, Einsteins Spezielle Relativitätstheorie so abzukanzeln, wie es die populärwissenschaftliche Zeitschrift P.M. in ihrer Oktober-Ausgabe getan hat. Unter dem Titel "Der Verriß" werden Beweise vorgelegt, die die Relativitätstheorie angeblich widerlegen. Als Kronzeuge dienen die beiden Physiker Georg Galeczki und Peter Marquardt, die in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Requiem für die Spezielle Relativität" (Haag und Herchen Verlag, Köln) alles zusammengetragen haben, was gegen Einsteins Werk zu sprechen scheint. Sie behaupten, daß etliche Experimente, die die Relativitätstheorie stützen, schlampig ausgeführt oder falsch interpretiert wurden. Mehr noch: Die herrschende Mehrheit der Physiker hätte sich seit Jahrzehnten einer kritischen Diskussion widersetzt und andere Meinungen gezielt unterdrückt, sagen die Autoren. "Schuld daran ist das menschliche Verhalten", beklagt Galeczki gegenüber bild der wissenschaft. Ambitionen, persönliche Interessen oder Rache seien die Gründe, warum sich die herrschende Physiker-Kaste weigere, sich mit alternativen Theorien zu beschäftigen. Galeczkis Argument ist altbekannt: Schuld sind die anderen, die vor der Wahrheit die Augen verschließen; sich selbst sieht man gern als Märtyrer.
Mit ihrer Attacke liegen Galeczki und Marquardt im Trend: Fast wöchentlich trudeln in der Redaktion von bild der wissenschaft Manuskripte ein, in denen die Ignoranz des Wissenschaftsbetriebs angeprangert und auf wenigen Seiten das "falsche" Weltbild durch ein neues ersetzt wird. Häufigstes Ziel der Angriffe: Albert Einstein und seine Relativitätstheorie.
Meist reicht ein kurzer Blick, um zu erkennen, daß diese Manuskripte das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind. Häufigstes Problem: Die "Hobbyphysiker" haben die Relativitätstheorie nicht verstanden. Und weil man die Theorie so schlecht verstehe und sie so voller Widersprüche zum menschlichen Verständnis stecke, so die Argumentation, könne sie auch nicht richtig sein. Doch eine Theorie, die der Laie nicht versteht, muß noch lange nicht falsch sein.
Galeczki, früher Professor in Haifa, Israel, ist dagegen Wissenschaftler mit solider Physik-Ausbildung. Das bestätigt auch Prof. Günter Nimtz von der Universität Köln, der selbst mit seinen Experimenten zur Überlichtgeschwindigkeit bei den meisten seiner Kollegen angeeckt ist. Nimtz hat Galeczki und Marquardt nach ihrer Promotion in Köln betreut. "Hochgebildete Spinner", lautet Nimtz' zwiespältiges Urteil. An dem Anti-Relativitätsbuch läßt Nimtz kein gutes Haar: "Das Buch ist aberwitzig und entspricht nicht der Wahrheit." 1
Laien haben es schwer, in dem Werk die Knackpunkte zu finden - zu geschickt gehen die Autoren zu Werke. 2 Nach einer polemischen Einführung, die den fehlenden wissenschaftlichen Diskurs in Sachen Relativitätstheorie bemängelt, bombardieren sie den Leser mit der plausibel erscheinenden Beschreibung von Experimenten, die ursprünglich Einstein gestützt hatten, nun aber auf einmal falsch sein sollen. Erst beim näheren Hinsehen offenbart sich, wie die Autoren Details unterschlagen, Logik verdrehen oder Zitate aus dem Zusammenhang reißen. 3
Beispiel: der Äther. In einem berühmten Experiment von 1881 wollten Albert Michelson und Edward Morley den sogenannten Ätherwind nachweisen, ein unsichtbares Medium, das nach damaligem Verständnis die Ausbreitung des Lichts ermöglichen sollte. Die Lichtgeschwindigkeit sollte davon abhängen, ob sich ein Lichtstrahl parallel gegen den Ätherwind bewegt und dabei wie ein Auto im Gegenwind gebremst wird, oder ob sich das Licht quer zum Ätherwind - ungebremst - ausbreitet.
Um die These zu prüfen, schickten die beiden Physiker zwei Lichtstrahlen auf zwei gleichlange Wege - den einen in die Richtung, in der sich die Erde bei ihrer Bahn um die Sonne durchs All bewegt (Gegenwind), den anderen senkrecht dazu. Doch die beiden Physiker fanden keinen Unterschied in der Lichtgeschwindigkeit. Galeczkis Argument, Michelson und Morley hätte die Ergebnisse manipuliert, indem sie die Fehlerabweichung falsch interpretiert hätten, ist wenig glaubwürdig, denn die beiden hätten als Befürworter der Äthertheorie liebend gerne etwas anderes gemessen. 4
Zur Verdrehung der Tatsachen kommen historische Ungenauigkeiten. Das Experiment von 1881 wurde nämlich nur von Michelson ausgeführt, Morley wiederholte es erst 1887 - übrigens wieder mit dem gleichen Resultat. Weitere Versuche zum Ätherwind, die 1926 von dem Physiker Kennedy und 1930 von seinem Kollegen Joos in Jena unternommen wurden, unterschlagen Galeczki und Marquardt ebenso wie die Präzisionsmessungen mit Lasern aus neuerer Zeit, die zweifelsfrei ergeben haben, daß sich das Licht in alle Richtungen gleichschnell ausbreitet. Statt dessen zitieren sie das Experiment von Dayton Miller, der 1933 eigens auf einen Berg stieg, wo er einen besonders frei fließenden Äther vermutete 5 - eine Annahme, die Millers Naivität zeigt und die schon einige Jahre zuvor von Picard und Stahel bei einem Ballon-Experiment widerlegt wurde. Die Behauptung, es gebe doch einen Ätherwind 6, ist damit ebenso nichtig wie die Schlußfolgerung, die Relativitätstheorie sei falsch. Denn Einstein hatte aus Michelson und Morleys Ergebnissen auf die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit geschlossen.
Wenig zimperlich gehen Galeczki und Marquardt auch mit anderen experimentellen Fakten um: So weisen sie auf Schwachpunkte in Messungen aus den fünfziger Jahren hin, bei denen bewiesen wurde, daß bestimmte Elementarteilchen - die Myonen - länger leben, wenn sie mit fast Lichtgeschwindigkeit durch die Atmosphäre rasen. Komplementäre Versuche in großen Teilchenbeschleunigern zu der von Einstein postulierten Zeitdehnung haben die Ergebnisse glänzend bestätigt. Sie werden zwar erwähnt, aber mit fadenscheinigen Argumenten wie angeblichen Unstimmigkeiten im Teilchendetektor abgewertet.
Die Methode der Autoren, unwichtige Details hochzuspielen und damit Wichtiges madig zu machen, gipfelt in dem Versuch, Einstein vermeintlich widersprüchliche Zitate in die Schuhe zu schieben. So soll der bekannteste Physiker aller Zeiten 1920 gesagt haben: "Ein Raum ohne Äther ist undenkbar", und damit seinen Annahmen von 1905 widersprochen haben. 7 Tatsache ist, daß Einstein mit "Äther" nicht mehr den geheimnisvollen Wind meinte, der nach Michelson und Morleys Verständnis durchs All wehen sollte. 1922 wurde Einstein präziser: "Man sollte den Äther ersetzen durch Strukturen im Raum. Der neue Äther ist kein Stoff, der fließt." Was Einstein meinte: Auch im Vakuum gibt es Strukturen - genauer: Energiefelder - die Kräfte vermitteln. Daß aus diesen Feldern sogar Teilchen wie aus dem Nichts entstehen können, ist heute Standardwissen der Quantenmechanik.
Daß Galeczki und Marquardt in ihrem Buch nur das erwähnen, was ihnen ins Konzept paßt, stört auch Prof. Hubert Goenner, Experte für Spezielle Relativitätstheorie an der Universität in Göttingen: "Die Autoren leiden offensichtlich an selektiver Wahrnehmung."
Besonders ärgert sich Gönner 8 über Sätze wie diesen: "Der klassische Doppler-Effekt ist eine idealisierte kinematische Beschreibung, welche die physikalische Kopplung zwischen Beobachter und Quelle vernachlässigt. Er existiert daher nicht", heißt es im Buch. Dabei wird weder erklärt, was der "klassische Doppler-Effekt" ist, noch wird gesagt, was unter "physikalischer Kopplung" zu verstehen ist. "Das ist eine unwiderlegbare Behauptung der Art 'Wenn meine Katze einkaufen könnte, würde sie Whiskas kaufen'", ärgert sich Goenner.
Das größte Manko des Buches, neben all den Behauptungen und Verdrehungen, ist aber, daß Galeczki und Marquardt keine Alternative anbieten. Angenommen, Einsteins Relativitätstheorie wäre falsch, welche Theorie ist dann richtig? 9 Denn Massenzunahme, schrumpfende Längen- und Zeitintervalle für relativ zueinander bewegte Beobachter sind Effekte, die hundertfach bewiesen sind und in der Kernenergie, Elementarteilchenforschung oder Astronomie zu Alltag gehören. Das Navigationssystem GPS (Global Positioning System) wäre ohne Einsteins Schaffen undenkbar. Keine Theorie hat all diese Prüfsteine bisher so gut gemeistert wie die Relativitätstheorie. Was nicht heißt, daß nicht doch einmal eine neue Theorie kommen könnte. Diese würde aber sicher nicht Einstein widerlegen, sondern die Relativitätstheorie als Spezialfall enthalten - so wie die Relativitätstheorie Newtons Bewegungsgesetze als Spezialfall enthält.
Daß die Physiker durchaus nach einer solchen Theorie Ausschau halten, bestätigt Hubert Goenner: "Die Relativitätstheorie ist keine Religion, kein Dogma." 10 Der "dunkle Punkt" in Einsteins Arbeiten sei die bislang nicht gelungene Verknüpfung von Allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenmechanik, die als zweite wichtige Säule der Physik gilt. Bauchschmerzen bereiten den Physikern auch die Vorgänge in Schwarzen Löchern und beim Urknall, wo Materie extrem dicht zusammengepreßt ist. In diesen Extrembereichen der Physik liefert die Relativitätstheorie bisher keine vernünftigen Erklärungen.
Doch das sind die Probleme der Fachleute - Journalisten haben mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen: Wie können sie seriöse Wissenschaftler von Hochstaplern unterscheiden? Eine Antwort könnte lauten: Beide Seiten fragen und nicht - wie in P.M. geschehen - die Meinung der Mehrheit einfach ignorieren. Außerdem gilt bei Attacken gegen die Relativitätstheorie erhöhte Vorsicht, weil ihr nach unserer Alltagserfahrung selbst heute noch revolutionär anmutender Inhalt in Verbindung mit dem einzigartigen Genie Einstein den Widerspruch geradezu herausfordert.
Aus: bild der wissenschaft 3/1998, S. 42ff
Leserkommentare:
1 Herr Nimtz sollte sich besser um richtige Argumente kümmern, und sein eigenes Werk einmal näher betrachten! (Marcus Roming)
2 Bei diesem "Werk" hingegen haben Laien es nicht schwer die Knackpunkte zu finden - zu plump und polemisch geht der Autor zu Werke. (Marcus Roming)
3 Ich weiss nicht ob die Einführung polemisch ist, der Text der BDW ist es ganz bestimmt! (Siehe Mäkeln oder bombardieren) (Marcus Roming)
4 Das steht doch in dem Buch gar nicht drin, hier werden Tatsachen verdreht! (Marcus Roming)
5 Steht ebenfalls im Buch nirgendwo! (so langsam frage ich mich ob der Autor das Buch je gelesen hat oder hab ich ein anderes?) (Marcus Roming)
6 Das haben Galeczki und Marquardt nie in der Form behauptet! Man könnte höchstens sagen, das sie einen Äther nicht ausschliessen (Marcus Roming)
7 Dieses Zitat steht im PM und nicht in dem Buch! Der PM Artikel ist ziemlich reisserisch, wurde aber nicht von Galeczki oder Marquardt verfaßt! (Marcus Roming)
8 Endlich mal etwas, was mich an echte Kritik erinnert! Bezeichnenderweise kommt diese nicht vom Autor selbst! (Marcus Roming)
9 Es werden durchaus Alternativen angeboten (Stichwort Weber-Wesley Elektrodynamik, Stichwort Massenzunahme, Stichwort Quantenmechanik ohne SRT) (Marcus Roming)
10 Ja ja... Deshalb reagieren deren Vertreter wohl auch immer so sachlich wie in diesem Artikel... (Marcus Roming)