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Letztes Update: 05.06.2004 |
Keine Mutter der Relativitätstheorie
Die Kontroverse um den Anteil Mileva Marics an der Speziellen Relativitätstheorie.
von Frank Stäudner
1983 erschien im kleinen Berner Verlag Paul Haupt erstmals in deutscher Übersetzung eine Biographie Mileva Marics (1875-1948), der ersten Frau Albert Einsteins (1879-1955). Gestützt auf dieses Büchlein und auf die 1987 erschienenen ersten zwei Bände der Einstein-Edition, deren erster unter anderem den kompletten Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Mileva Maric bis zum Jahr 1902 erhält, entspann sich Ende der 80er Jahre eine Kontroverse darüber, ob es neben dem Vater auch eine Mutter der Relativitätstheorie (Emma 10/1983) gegeben habe. Dabei wurde mit je nach Akteur unterschiedlicher Akzentuierung im wesentlichen die Behauptung vertreten, Mileva Maric habe bei den in der gemeinsamen Zeit entstandenen wissenschaftlichen Arbeiten für ihren Mann "alle mathematischen Probleme gelöst". Daß es sich bei diesem Mann um Albert Einstein handelte, den bekanntesten Physiker dieses Jahrhunderts und in der Öffentlichkeit als unorthodoxes Genie verehrt, verlieh der Kontroverse besonderes Gewicht. Entsprechend groß war das Echo im internationalen Blätterwald und mit der "Mutter der Relativitätstheorie" bot sich auch eine plakative und griffige Kurzformel an. Wem also sollte diese späte Anerkennung zuteil werden und wer kämpfte verbissen dafür?
Biographische Skizzen
Mileva Maric wurde als Tochter eines mittleren Beamten 1875 in Titel geboren, einem Dorf in der Wojwodina, damals zum ungarischen Teil der k.u.k-Monarchie, heute zu Serbien gehörend. Wodurch ihr Streben nach akademischer Ausbildung angeregt wurde, erschließt sich vor dem familiären Hintergrund und den gesellschaftlichen Randbedingungen nicht. Ihr Bruch mit der weiblichen Rollenerwartung jedenfalls erforderte Kraft und Mut. Weder in Österreich-Ungarn noch im Deutschen Reich konnten Frauen das Gymnasium besuchen und der Zugang zum Hochschulstudium wurde ihnen ebenfalls erschwert bzw. ganz verwehrt. [...]
Aus den dürren biographischen Daten sprechen Mileva Maric's Zielstrebigkeit und Entschlossenheit bei der Verfolgung ihres Bildungswunsches, die von einer starken Persönlichkeit künden, nur unzureichend. Diese starke Persönlichkeit war es, zu der sich Albert Einstein so stark hingezogen fühlte, wovon seine Briefe ein deutliches Zeugnis ablegen. [...]
Im Frühjahr 1901 wird Mileva Maric schwanger. [...] Über das weitere Schicksal dieses "Lieserl" ist nichts genaues bekannt. Schwache Hinweise deuten auf eine Freigabe des Kindes zur Adoption. Im Juni 1902 erhält Einstein die ihm schon länger avisierte Stelle als technischer Experte III. Klasse am Berner Patentamt, und nachdem die wirtschaftliche Existenz nun gesichert ist, heiraten Albert Einstein und Mileva Maric am 6. Januar 1903.
Das Jahr 1905 ist für Einstein in wissenschaftlicher Hinsicht außerordentlich fruchtbar. In kurzem zeitlichen Abstand erscheinen mehrere Arbeiten in den Annalen der Physik, die den Grundstein für seinen späteren Ruhm legen und deren zwei das physikalische Weltbild nachhaltig verändern werden. [...]
Chronologie einer Kontroverse
Diese Arbeiten sollen nun, entgegen herrschender Lehrmeinung, nicht allein das Werk des genialen Physikers Albert Einstein, sondern vielmehr das Produkt einer ehelichen Forschungsgemeinschaft gewesen sein, in der die "begabte Mathematikerin" Mileva Maric zwar "nicht Mitschöpferin seiner Ideen war, wie auch kein anderer es hätte sein können", sie jedoch "alle seine Ideen nachprüfte, sie mit ihm erörterte und seinen Vorstellungen über die Erweiterung der Quantentheorie von Max Planck und über die spezielle Relativitätstheorie den mathematischen Ausdruck gab". Soweit Desanka Trbuhovic-Gjuric in der 1969 veröffentlichten Biographie. Das Motiv der Autorin ist in einer gehörigen Portion serbischem Patriotismus zu suchen, wenn sie nicht umhin kann, "stolz darauf zu sein, daß an ihrem Entstehen" (der Speziellen Relativitätstheorie) "und an ihrer Redaktion unsere große Serbin Mileva Maric beteiligt war". Es handelt sich also um den Versuch, einen serbischen Anteil an der Relativitätstheorie einzufordern. Warum sollte Mileva ihrem Albert nun gerade bei der Mathematik geholfen haben? Genährt wird diese These am ehesten durch Äußerungen Albert Einsteins selbst: "Daß ich die Mathematik bis zu einem gewissen Grade vernachlässigte, hatte nicht nur den Grund, daß das naturwissenschaftliche Interesse größer war als das mathematische, sondern das folgende eigentümliche Erlebnis. Ich sah, daß die Mathematik in viele Spezialgebiete gespalten war, deren jedes diese kurze uns vergönnte Lebenszeit wegnehmen konnte. So sah ich mich in der Lage von Buridans Esel, der sich nicht für ein besonderes Bündel Heu entschließen konnte. Dies lag offenbar daran, daß meine Intuition auf mathematischem Gebiet nicht stark genug war, um das Fundamental-Wichtige, Grundlegende sicher von dem Rest der mehr oder weniger entbehrlichen Gelehrsamkeit zu unterscheiden."
Daraus wird dann implizit folgende Kausalkette konstruiert: Albert Einstein verstand nicht genug von Mathematik - jemand muß ihm bei seinen Arbeiten geholfen haben - das konnte nur seine Frau, jene "große Serbin", gewesen sein. Trbuhovic-Gjuric folgert dies "1. aus ihrer großen, schon in der Kindheit hervortretenden Begabung; 2. aus der Kraft ihres Strebens nach Erkenntnis und ihrem Eindringen in die Mathematik und Physik, das sie in die Ferne trieb trotz starken Widerstandes ihrer Umgebung, der Vorurteile jener Zeit und des kleinstädtischen Milieus; 3. aus ihren ungewöhnlichen Studienerfolgen; 4. aus der Zusammenarbeit mit Einstein während der gemeinsamen Studienzeit und während ihrer Ehe; 5. aus den durch glaubwürdige Zeitgenossen bezeugten Aussagen Albert Einsteins selbst über ihre Teilnahme an seinen Arbeiten; 6. aus der Tatsache, daß Einstein den Nobelpreis an Mileva abtrat."
Den ersten beiden Punkten kann man sicherlich zustimmen. Als Beleg für eine wesentliche Mitarbeit Mileva Marics an Albert Einsteins Forschung sind sie allerdings hoffnungslos unzureichend. Über die Stichhaltigkeit der anderen Punkte wird noch zu sprechen sein.
Eine deutsche Übersetzung der Biographie erschien 1983. Während Trbuhovic-Gjurics Thesen von einer breiteren Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet blieben, avancierten sie in feministischen Kreisen schnell zum Allgemeingut, hatte doch die Zeitschrift Emma im Oktober 1983 eine kurze Nacherzählung abgedruckt.
Der 1987 in Princeton erschienene erste Band der "Collected papers of Albert Einstein" lieferte neue Munition in der Debatte. Darin enthalten ist unter anderem der Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Mileva Maric aus den Jahren 1987-1902. Erhalten geblieben sind 43 Briefe Alberts an Mileva und 10 in umgekehrter Richtung, die einen recht genauen Einblick in die gemeinsame Studienzeit erlauben.
Als ein erster Effekt der verbesserten Quellenlage wurde das Trbuhovic-Gjuric'sche Buch mit umfangreichen Anmerkungen des Herausgebers versehen, um die offenkundigsten Widersprüche zu entschärfen.
Auf einige isolierte Passagen in den Briefen Einsteins, in denen von "unserer Theorie der Relativbewegung" und "unseren Arbeiten" die Rede ist, stützte sich der Amerikaner Evan Harris Walker bei seiner auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science (AAAS) im Jahr 1990 vorgebrachte These, Mileva Maric sei bereits am Grundkonzept der speziellen Relativitätstheorie beteiligt gewesen. Unterstützung erhielt er von der deutschen Sprachwissenschaftlerin Senta Trömel-Plötz, deren Argumente allerdings nur aus einer Nacherzählung der Trbuhovic-Gjuricschen Thesen bestanden. Die behauptete Miturheberschaft von Einsteins Frau an den wissenschaftlichen Arbeiten des Jahres 1905 wurde zunächst in den amerikanischen Medien ausgiebig und schließlich auch in Deutschland von Bild der Wissenschaft bis zur Süddeutschen Zeitung kontrovers diskutiert. Die schärfsten Antagonisten waren dabei Emma-Redakteurin Judith Rauch, die im Oktober 1990 in Emma alle vorgebrachten Argumente in einem Portrait von "Mileva Einstein" als einer "Pionierin der Naturwissenschaften" verarbeitete, und der Physiker und Einstein-Biograph Albrecht Fösling, der in der Zeit vom 16. November 1990 die alleinige Urheberschaft Albert Einsteins verteidigte. Dieser Artikel wiederum wurde als schlampig recherchiert, polemisch und frauenfeindlich kritisiert. Erklärtes Ziel der beiden Autorinnen Maurer und Seibert war es, der Mythologisierung Albert Einsteins entgegenzuwirken, um der Diskussion eine sachliche Basis zu geben. Daß sie sich dabei auch auf unbelegte Behauptungen Trbuhovic-Gjurics stützen, ist zu kritisieren. Es ist also keineswegs nur eine mutmaßliche "Überidentifikation" (Maurer & Seibert) männlicher Einstein-Biographen mit ihrem Idol, die eine sachliche Auseinandersetzung behindert. Auf weiblicher Seite, und bis auf Walker, die bekannte Ausnahme von der Regel, sind dort alle Streiter für die Anerkennung Mileva Marics zu finden, sorgt das Bestreben, einen Gegenentwurf zur männlichen dominierten Geschichtsschreibung zu schaffen, für eine einseitige Interpretation der Fakten. In dieses Spannungsfeld läßt sich dann auch der Fölsing-Artikel einordnen - nämlich als eine deutliche Absage an die kurz vorher von Rauch formulierte feministische Position.
Als positiver Aspekt der Debatte ist zu verbuchen, daß sich die Einsicht durchzusetzen beginnt, zu einem profunden Verständnis der wissenschaftlichen und persönlichen Entwicklung Albert Einsteins in den gemeinsamen Jahren mit Mileva Maric gehöre auch ihre Würdigung. Highfield & Carter in ihrer soeben erschienenen Biographie des privaten Einstein und Renn & Schulmann in ihrem Vorwort zu den "Love Letters" tun dies auf überzeugende Weise. [...]
Die Argumente
Eines gilt es festzuhalten: Mileva Maric selbst hat niemals für sich in Anspruch genommen, zur wissenschaftlichen Arbeit ihres Mannes beigetragen zu haben. Und Veröffentlichungen, die ihren Namen tragen, gibt es ebenfalls nicht. [...]
- Eine bedeutende wissenschaftliche Leistung stellt aber laut Desanka Trbuhovic-Gjuric das "Maschinchen" dar. Eine Influenz-Maschine zur Messung sehr kleiner Ladungsmengen, die Mileva Maric zusammen mit Paul Habicht konstruiert haben soll. [...] In der Korrespondenz Einsteins mit Paul Habicht und anderen wird das "Maschinchen" wiederholt erwähnt, ohne den kleinsten Hinweis auf eine Mitwirkung Mileva Marics. Im einzigen erhaltenen Brief Alberts an Mileva aus dem Jahr 1908, als an dem Gerät intensiv gearbeitet wurde, kommt es mit keinem Wort vor. War Milevas Erfindung eine Erfindung? Es stellt sich so dar.
- Große Bedeutung wird auch der Tatsache beigemessen, daß Albert Einstein die mit der Verleihung des Nobelpreises 1922 verbundene Geldsumme Mileva Maric überlassen hat. Interpretiert wird das als späte Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Mitarbeit, zu der ihn das schlechte Gewissen, ihre Rolle so lang verschwiegen zu haben, getrieben hätte. Vor dem Hintergrund der seit 1914 bestehenden Trennung und der wirtschaftlichen Zerrüttung in der Folge des Weltkrieges ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Nach der Berufung als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Institutes nach Berlin (mindestens ebenso stark zog es Einstein allerdings auch zu seiner Cousine Elsa Löwenthal) blieb Mileva Maric mit den beiden Söhnen in Zürich. Sie weigerte sich zunächst, in die Scheidung einzuwilligen. Zudem gestaltete sich ihr Unterhalt für Einstein schwierig, da sie in Zürich zeitweilig mehr Geld verbrauchte, als er in Berlin verdiente, wofür die zunehmende Entwertung der Mark gegenüber dem Schweizer Franken verantwortlich war. Die mit dem Nobelpreis verbundenen soliden Schwedenkronen, mit dessen Zuerkennung in nächster Zeit Einstein fast sicher rechnen konnte, boten einen Ausweg aus dem Dilemma. Wer die Idee hatte, ist unbekannt. Im 1919 gefällten Scheidungsurteil jedenfalls wurde festgehalten, diese Geldsumme mit Einsteins Unterhaltspflichten zu verrechnen, und nach Verleihung des Preises wurde auch so verfahren. Über den warmen Geldregen eines noch nicht verliehenen Nobelpreises in einem Scheidungsurteil zu verfügen, mutet kurios und war wohl auch in der Geschichte einmalig, aber eben doch nur eine finanzielle Angelegenheit.
- Schwieriger zu bewerten sind einzelne Passagen des Briefwechsels, die auf eine wissenschaftliche Zusammenarbeit der beiden hinzudeuten scheinen. [...] Albert bombardiert Mileva geradezu mit physikalischen Problemen, die ihn beschäftigen. Seine Liebesbezeugungen müssen dahinter ganz deutlich zurückstehen. Und Mileva reagiert auf dieses Ideenfeuerwerk - mit keinem Wort! Während die Briefe also Einsteins intellektuelle und wissenschaftliche Entwicklung, seine geistige Unabhängigkeit und seine gänzlich fehlende Ehrfurcht vor wissenschaftlichen Autoritäten präzise beleuchten, erlangt man über die "Kraft und "Selbständigkeit" Milevas, zu der sich Albert so hingezogen fühlte, keine rechte Vorstellung. [...]
Was von Trbuhovic-Gjurics Buch als aussagefähiger Quelle zu halten ist, macht ein Zitat deutlich: "In diesen Zeilen lebt ihr Geist. Die Einfachheit der aufgestellten Gleichungen weist fast unzweifelhaft ihren Stil auf". Da es von Mileva Maric aber leider nicht eine Zeile mathematischer oder physikalischer Überlegungen gibt, existiert diese Übereinstimmung nur in der Einbildung der Autorin. Dorthin gehören angesichts Milevas Scheitern im Wiederholungsexamen und der Beendigung ihres Studiums ohne Abschluß auch die für sie reklamierten "großen Studienerfolge". Die dafür verantwortlichen schwachen Leistungen in Mathematik machen es auch nicht gerade plausibel, daß Mileva Albert die für die Spezielle Relativitätstheorie nötige Mathematik beibrachte.
Keine Ikone der weiblichen Naturwissenschaft
Leider waren sich die Einsteins nicht bewußt, daß die ehelichen Diskussionen vom Anfang des Jahrhunderts einmal in physikhistorischen Kreisen so eingehend untersucht werden würden, sonst hätten sie im Bewußtsein ihrer historischen Verpflichtung vielleicht ausführlichere Aufzeichnungen darüber hinterlassen. Die Beteiligten sind tot, und Mileva Maric kann sich gegen die Versuche, sie zu einer Ikone der weiblichen Naturwissenschaft zu machen, nicht wehren. Wo so glühende Überzeugungen im Spiel sind, kommen ihre Bewunderer auch ohne Belege aus. Mileva Marics Andenken dienen sie damit nicht.
Vom rein praktischen Standpunkt aus wird es unmöglich sein, diese Stimmen zum Verstummen zu bringen. Sich angesichts dürftiger Beweise auf den Standpunkt zurückzuziehen, die fehlenden Dokumente wären verschollen, vernichtet worden oder würden in Archiven wegen ihrer Brisanz unter Verschluß gehalten, ist immer möglich. Je weniger harte Fakten vorhanden sind, desto leichter läßt sich das geschichtliche Bild nach den eigenen Wünschen formen. [...]
In Auszügen aus: Intern. Zs. f. Gesch. u. Ethik der Naturwiss., Techn. u. Med., 3(1995), S. 45ff