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Letztes Update: 05.06.2004

Wurmgott Heilbringer

Der techno-theologische Messias-Gedanke in Frank Herberts "Wüstenplanet"-Romanen.

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In den USA wurde 1975 von der Fachzeitschrift "Publisher's Weekly" eine Umfrage nach dem "besten SF aller Zeiten" durchgeführt. Die Mehrzahl der Stimmen fiel auf Frank Herberts "Wüstenplaneten" ("Dune" im Englischen).1 Das Geheimnis dieses Erfolgs liegt sicherlich in dem ungeheuren Detailreichtum des Romans, in der faszinierenden Ausgestaltung der Lebensformen eines fast wasserlosen Wüstenplaneten, die in ihrer inneren Stimmigkeit ihresgleichen sucht. Schon diese Darstellung hebt Herberts Roman weit über die durchschnittliche SF hinaus. Ein derart langer und so inhaltsreicher Roman kann den Leser sanft in seine Welt entführen und genüßlich lange in sich halten.

Mir geht es in diesem Beitrag um einen anderen Aspekt der Wirkung "Dunes"; es geht mir um die Frage, inwiefern Frank Herbert traditionelle Denkfiguren, die sich in der Religionsgeschichte immer wieder finden, aufgreift.

Es ist die Frage nach dem Heilbringer in der Geschichte, der in der jüdischen Tradition "Messias" genannt wird. Die Geschichte des Wüstenplaneten wird nämlich vom Messiasglauben bestimmt. Im Namen des Heils wird dort gekämpft und gestorben. Ich möchte Frank Herberts Vorstellungen vom Heilbringer anhand der religionsgeschichtlichen Forschung erläutern, um sie speziell mit der jüdisch-christlichen Tradition zu konfrontieren. In dieser Konfrontation wird sich herausstellen, daß Herbert die Vorstellungen vom Heilbringer in unser heutiges, technisch-wissenschaftlich geprägtes Weltbild zu integrieren versucht. Die Einordnung des Themas "Heilbringer" in unseren heutigen Verstehenshorizont bringt es nun mit sich, daß Herbert mit seinem Roman kein rechtes Ende finden kann - er läßt immer neue Heilbringergestalten auftreten, die einander ablösen. Dieses Vorgehen wird uns vielleicht einigen Aufschluß über unser heutiges Selbst- und Weltverständnis vermitteln.

Frank Herbert hatte ursprünglich etwas anderes vorgehabt. In einem Kommentar zu "Dune" schreibt er: "Es begann mit einem Konzept: eine lange Erzählung zustandezubringen über die messianischen Erschütterungen, die sich menschliche Gesellschaften periodisch auferlegen. Ich hatte diese Theorie, daß Superhelden für Menschen zerstörerisch wirken; daß, wenn Du nur einen unsterblichen Helden annimmst, die Dinge, die dieser Held in Bewegung setzt, möglicherweise in die Hände fehlbarer Sterblicher fallen. Was gibt es für einen besseren Weg, um eine Zivilisation zu zerstören, eine Gesellschaft, eine Rasse, als Menschen in die wilden Schwankungen zu stellen, die aus der Übergabe ihrer Urteils- und Entscheidungsfähigkeit an einen Superhelden folgen?"2

Wir werden sehen, daß Herbert dieses Ziel, die Gefahr des Messianismus in der Geschichte zu schildern, spätestens nach dem zweiten Band seines nun schon sechsbändigen Werkes erreicht hat. Er schreibt aber weitere Fortsetzungsbände. Läßt ihn das Konzept doch nicht los? Ein anderes Argument dafür, diesen Roman weiterzuschreiben, ist sicherlich auch finanzieller Natur - es lohnt sich, "Dune" weiterzuschreiben, wenn man von Vorschüssen hört, die sich in den siebenstelligen Bereich hineinbewegen. Dieses Argument ist aber für sich allein nicht tragfähig genug zu erklären, warum Herbert mittlerweile an einem siebten Band arbeitet, wenn man es mit einem Schriftsteller vom Format Herberts zu tun hat. Wir werden dazu meiner Auffassung nach auf den schon angedeuteten Punkt verweisen. So ist meine These:

Frank Herberts Darstellung eines Messias unter den Voraussetzungen unseres technisch-wissenschaftlichen Weltbildes muß notwendig immer wieder scheitern und zu neuen Ansätzen und Versuchen führen.

Dies wollen wir im einzelnen beobachten, um Aufschluß über einige grundlegende Weisen heutiger Selbst- und Welterfahrung zu erlangen, die davon ausgeht, daß fast alles "machbar" ist, daß unser ganzes Leben durch Technologien gestaltet werden kann. Fragen wir dazu aber zunächst, was ein Religionswissenschaftler unter einem "Heilbringer" versteht.

2

Religionswissenschaft vergleicht die verschiedenen Religionen, die es auf der Erde gab oder gibt. Sie stellt dabei fest, daß es schon bei den schriftlosen Völkern in Australien, Afrika, Asien und Amerika neben der dunklen Vorstellung eines höchsten Gottes die wesentlich konkretere einer anderen Göttergestalt gab, die sie den "Heilbringer" ("Kulturbringer") nennt.3

Der Heilbringer ist ein Wesen, das als Mittler zwischen der Gottheit und den Menschen steht und oft in menschlicher Gestalt auftritt. die Menschen entwarfen in der Ungesichertheit ihres Lebens den Gedanken an einen Heilbringer, der sie aus den verschiedenartigsten Unheilszuständen befreien sollte. Diese Heilsfunktion hat politische, soziale und wirtschaftliche Aspekte und ist schon von früher Zeit an oft mit dem Königsstand verbunden.

Der Gedanke an den Heilbringer kann sich bis zu dem Punkt entfalten, an dem man glaubt, daß der Heilbringer als Sohn Gottes vom Himmel herabgesandt wurde, um die Menschen für alle Zeiten zu erlösen. Eine solche Vorstellung finden wir etwa im christlichen Glauben.

Doch bleiben wir bei den allgemeinen Bestimmungen des Heilbringers. Um diese Bestimmungen nicht unanschaulich darzustellen, sei der Verfasser der berühmten "Äneis", der Dichter Vergil (70-19 v. Chr.) zitiert. In einer seiner Dichtungen, der vierten Ecloge, schreibt er:

"Nun ist gekommen die letzte Zeit nach dem Spruch der Sybille (ein berühmtes Orakel der Antike, L.H.);
neu entspringt jetzt frischer Geschlechter erhabene Ordnung. (...)
Schon steigt neu ein Erbe herab aus himmlischen Höhen.
Sei nun dem nahenden Knaben, mit dem die eisernen Menschen (die Krieger, L.H.) enden,
und allen Welten ein goldenes Alter erblühet - gnädig sei ihm, du Helferin, Reine! (...)
Jener empfängt das Leben der Gottheit, schauet die Götter an und Heroen vereint, wird selber von ihnen geschauet.
Friedlich den Erdkreis regiert er, mit Kraft vom Vater ererbt"
(Hervorhebungen von L.H.).

In dieser poetischen Fassung finden wir die grundlegenden Merkmale des Heilbringers. Fassen wir diese nun systematisch:

1. Der Heilbringer wird besonders erhofft in Zeiten hart empfundener Not. Es ist bei Vergil die Zeit der eisernen Menschen, die Zeit des Krieges, die nun der "letzten Zeit" weichen muß. Vergil spielt hier auf das Friedenswerk des Kaisers Augustus an.

2. Seltsame Umstände, sehr oft eine jungfräuliche Geburt, begleiten die Geburt des Heilbringers. Seine Kindheit ist oft schon hochbedeutsam. In unserem Fall steigt der Heilbringer etwa "herab aus himmlischen Höhen".

3. Das Heil, das sich die Menschen erwarten, wird in schillernden Farben geschildert. Einige Zeilen weiter unten heißt es in der vierten Ecloge:

"Doch, o Knabe, entsprießen rankender Efeu, lustiger Bärenklau, alldurcheinander, Baldrian, Wasserrosen Ägyptens, üppig dem Erdreich. Selber bringen die Ziegen die Milch in den strotzenden Eutern heim, und es fürchtet nun nicht mehr das Rind den gewaltigen Löwen. Aber sobald der Heroen Ruhmesgesänge, des Vaters Taten lernen du kannst und erkennen das Wesen der Tugend: Dann werden blond sich kleiden die Äcker mit wehenden Ähren, hangen werden an wildem Dornbusch rötliche Trauben, träufeln wird Honig aus hartem Stamm der Eichen."

4. Die Heilbringer stehen den Herzen der Menschen näher als die abstrakt und fern bleibenden Hochgötter, die in der Welt nicht auftreten, obwohl gerade sie die Heilbringer senden. Bei Vergil findet sich so zwar der Bezug zu den "himmlischen Höhen", aus denen der Erbe herabsteigt - das ganze Gedicht dreht sich allerdings um dessen Wirkung und Gestalt.

5. Der Heilbringer steht in einer Reihe vergangener und vielleicht auch zukünftiger Heilgestalten. In mythischer oder geschichtlich vergangener Zeit geschehene Heilstaten haben nicht das vollendete Heil erbracht. Deshalb erwartet man das Auftreten eines neuen Heilbringers, dessen Ankunft das Ende der Geschichte bezeichnen kann.

Auch Vergil spricht von der "letzten Zeit", die gekommen ist, und einige Zeilen weiter heißt es: "dann ersteht ein neuer Tiphys, führt eine zweite Argo erlesener Helden, entstehen andere Kriege; wiederum wird ein großer Achill gen Troja entsendet". Werden deren Heldentaten dann endgültig sein?

6. Der Heilbringer ist ein Vermittler zwischen der Gottheit und dem Stamm, dem Volk, der Menschheit, der das vor Gott vollzieht, was der Stamm, das Volk, die Menschheit allein nicht zu leisten vermögen. "Friedlich den Erdkreis regiert er, mit Kraft vom Vater ererbet", beschreibt Vergil die Fähigkeit des himmlischen Knaben.

Mit diesem Instrumentarium wollen wir uns nun "Dune" zuwenden, um anschließend nach der besonderen Gestalt der Herbertschen Heilbringer im Kontext der Frage nach den Verstehensformen unserer technisch-wissenschaftlichen Kultur zu fragen. Um dies besser herausarbeiten zu können, werden wir parallel einige Vorstellungen der jüdisch-christlichen Tradition zum Thema "Heilbringer" darstellen.

Am Ende dieses Vergleiches wird deutlich werden, warum Frank Herbert seinen Mammutroman nicht zu einem in sich stimmigen Ende führen können wird, sondern immer neue Gestalten von Heilbringern auftreten lassen muß.

3

"Dune" spielt in einer fernen Zukunft, in der interstellare Reisen möglich sind. Drei einander wechselseitig beschränkende Machtfaktoren kontrollieren das stellare Großreich - das Kaiserhaus, die "Hohen Häuser" des Adels und die Gilde, die das Monopol der interstellaren Raumfahrt und entsprechende Handelsbeziehungen hat. Alle drei Säulen der interstellaren Zivilisation haben ihren Hauptverdienst im sogenannten "Gewürz" (engl. "Spice"; auch "Melange"). Das Gewürz kann ausschließlich auf dem Wüstenplaneten Arrakis (d.i. Dune) gewonnen werden, da es ein natürliches Produkt der Shai-Huluds, der riesigen "Sandwürmer", ist, das nicht synthetisch hergestellt werden kann. Es ist ungeheuer wertvoll, weil es das Leben verlängert. Mit Melange steht und fällt auch die gesamte interstellare Raumfahrt, da es den Steuerleuten der Sternenschiffe ermöglicht, eine kurze Spanne weit in die Zukunft zu sehen, was bei der Fahrt mit Überlichtgeschwindigkeit notwendig ist. Aus diesen Faktoren wird klar, daß die politische und ökonomische Kontrolle von Arrakis zugleich die Kontrolle über das gesamte Sternenreich bedeutet.

In dieser Geschichte der Spannungen zwischen Gilde, Hohen Häusern und dem kaiserlichen Imperator gibt es einen undurchschaubaren Machtfaktor, der, wie wir noch sehen werden, die Rolle einer technologisch planenden Vorsehung, die die Geschichte leitet, innehat. Es ist der Frauenorden der "Bene Gesserit", der seine in allen Kampftechniken und Wissenschaften hochausgebildeten Absolventinnen gezielt verheiratet, um bestimmte genetische Konstellationen im Adel zu fördern.

Vorsehung bedeutet im jüdisch-christlichen Verständnis, daß Gott in seiner Allmacht die Weltwirklichkeit umgreift und nicht scheitern läßt. Die Bene Gesserit sind in "Dune" aber die Akteure einer gentechnologischen Vorsehung. Sie planen über Jahrhunderte hinweg ein genetisches Programm - sie versuchen durch Zuchtwahl die Geschichte zu leiten, indem sie ihre Mitglieder mit den Familien der Adelshäuser "kreuzen". Im Bewußtsein dieser Rolle stellt eines der Ordensmitglieder resigniert fest: "Und auch was mich betrifft, gibt es keinen Zweifel mehr: Ich bin lediglich eine Zuchtstute, um eine wichtige Blutlinie innerhalb des Bene Gesserit-Clans zu erhalten" (1/266f). Gezielte Zucht bedeutet, daß die Führungsschicht nicht dekadent werden kann, sondern sich weiterentwickelt.

Von diesen Plänen des Bene Gesserit-Ordens wissen allerdings die wenigsten Menschen. "Die erste Bene Gesserit-Schule wurde gegründet, weil es ein Bedürfnis nach einer kontinuierlichen Weiterentwicklung menschlichen Zusammenlebens gab. Und man sah voraus, daß dies nur möglich war, wenn man die Menschen von den Tieren trennte. Aus Zuchtgründen" (1/22). Für diese aristokratische Anthropologie ist der "natürliche Mensch (...) ein Tier ohne Logik" (1/211), das einen Herrn nötig hat. Erst der durch die Bene Gesserit-Programme gentechnologisch verfeinerte Mensch ist "eigentlich" ein Mensch.

Was ist aber nun das Ziel dieses genetischen Langzeit-Experimentes, das sich schon seit neunzig Generationen entwickelt?

Der Zuchtplan, die technologisch geplante Vorsehung, strebt als Ziel den perfekten Herrn an, den "Kwisatz Haderach", den - religionswissenschaftlich gesprochen - Heilbringer. Der Kwisatz Haderach wird der einzige männliche Vertreter dieses Frauenordens, der als Supermutant fähig sein wird, nicht nur durch die Augen seiner Ahnen die Vergangenheit zu erleben, wie dies schon die Führerinnen des Ordens können, sondern auch die Zukunft zu wissen und so die Geschichte der Menschheit, die an sich keine Logik besitzt, aus ihrer Wirrnis und Dekadenz zu befreien und zu lenken.

Wenn wir uns an unseren Kriterienkatalog mit seinen Bestimmungen des Heilbringers erinnern, dann können wir hier auf Punkt (1) verweisen: der Heilbringer wird besonders in Zeiten hart empfundener Not erhofft. Hier ist es nun die sich ins Ungeordnete, Unlogische verlaufende Menschheitsgeschichte. "Die Menschheit hatte ihren Niedergang vorausgesehen und auf der Basis eines jahrhundertealten Planes sein (des Kwisatz Haderach, L.H.) Erscheinen vorausgeplant, um überleben zu können" (1/638; Hervorhebungen L.H.).

Blicken wir an diesem Punkt einmal auf die jüdische Geschichte zurück. In den Jahren 550-540 v. Chr. drückt ein Prophet Israels seine Hoffnung auf die Rettung aus der babylonischen Gefangenschaft aus. Er denkt ein Gottesbild als einen machtvollen Gottes, der in der Lage ist, die wirre Situation zu lichten und sein Volk aus der Gefangenschaft zu führen - es ist die gleiche Zeit, in der auch der jüdische Messiasglaube scharfe Konturen erhält. In Abgrenzung gegen die konkurrierenden Götter(-angebote) im babylonischen Kulturraum beschreibt er seinen Jahwe im Alten Testament als den, der die Vergangenheit und Zukunft kennt: "Sie (die babylonischen Götter, L.H.) mögen herzutreten und uns kundtun, was sich begeben wird! Das Frühere - was war es? Tut es kund, damit wir es zu Herzen nehmen! Oder das Künftige laßt uns hören, damit wir seinen Ausgang kennen. Tut kund, was hernach kommen wird, damit wir erkennen, daß ihr Götter seid."4

Die Aufgabe, um des Heils willen die Vergangenheit zu sehen und die Zukunft zu wissen, erhält bei Herbert nun ein genetisch programmierter Supermutant. Auf die Fragen nach den Unterschieden beider Vorstellungen und ihrer Bedeutung für die Wirkung und die literarische Gestaltung dieses Romans soll hier noch nicht eingegangen werden. Fragen wir zunächst nach weiteren parallelen zwischen der jüdisch-christlichen und der Herbertschen Vorstellungswelt.

Der Technik, den Messias durch Zuchtwahl zu schaffen, entspricht die Technik, dem zukünftigen Herrn des Sternenreichs ein Sprungbrett auf dem Weg zur Macht zu bereiten. Es ist die "Missionaria Protectiva" des Frauenordens, die als "Religionsmanipulator" (1/260) gezielt Legendenbildung und Religionsschöpfung um das Auftreten eines Messias, schon Jahrhunderte vor dessen gentechnologisch geplanter Zeugung, als "uralte" Überlieferungen zu verankern sucht. Die Eingeweihte des Bene Gesserit-Ordens kennt die "Scheinheiligkeit der Missionaria Protectiva, wußte, in welcher Art und Weise man Legenden verbreitete, die nur das Ziel hatten, die Ängste und Hoffnungen der Menschen auf ein bestimmtes Ziel zu richten" (1/391). Ist es im einen Falle Gentechnologie, so hier Meinungsmanipulation, eine andere Art von Technologie, die die Bene Gesserit selbst als "theologisches Ingenieurwesen" (4/267) bezeichnen und aus dem dann der techno-theologische Messiasgedanke seine Realisation findet.

In traditionsgeleiteten Völkern, etwa des alten Israel, werden Geschichten erzählt, damit sich die Menschen ihr Leben verständlich machen, Kinder die Rollenangebote in den Erzählungen spielerisch erproben können. Derartige Geschichten entwickeln sich, haben ihr Eigenleben und verändern mit sich zugleich die Gemeinschaft der Erzählenden, aus der sie stammen. Allerdings richtet sich diese Veränderung zugleich nach den Bedürfnissen der Erzählgemeinschaft.

Aus einem solchen Kontext entstammt auch der jüdische Messiasglaube. Als nämlich um das Jahr 1000 v. Chr. die Stämme Israels in immer größere Bedrängnis durch die Philister gerieten, bildeten sie einen Staat, ein Königtum, um sich besser koordiniert verteidigen zu können. Diesen König, den sie sich erwählten, betrachteten sie als Jahwes Gesalbten, durch den ihr Volksgott Jahwe Schutz gegen feindliche Götter gewährte - Jahwes Gesalbter wird von ihnen "maschiach", "Messias", genannt. In Situationen nun, in denen das Kriegsglück dieser Gesalbten nachließ, in denen sie ungerecht wurden, in denen es gar keinen König mehr gab, können die Erzählungen der Heldentaten, die Jahwe in der Vergangenheit durch seinen Gesalbten vollbracht hat, einen anderen Klang bekommen. Sie können sich dann auf die Zukunft einer endgültigen Befreiung durch einen kommenden mächtigen Gesalbten Jahwes richten. Die Israeliten werden in dieser Zukunft nicht mehr die Sklaven und Diener, sondern selbst die Herren sein. Im Buch Isaias des Alten Testaments finden wir diese Utopie ausgemalt:

"Der Geist des Gebieters und Herrn ruht auf mir, da der Herr mich gesalbt hat. Den Armen Frohes zu melden, hat er mich gesandt, zu heilen, die gebrochenen Herzen sind, Befreiung zu künden den Gefangenen, den Gefesselten Lösung (der Stricke), auszurufen ein huldvolles Jahr des Herrn und einen Rachetag unseres Gottes, zu trösten alle Trauernden (...) Dann stehen Fremde bereit, euer Kleinvieh zu weiden, Ausländer sind eure Bauern und Winzer."5

Wenngleich diese Messiashoffnung des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts noch sehr derb die Herr-Knecht-Rolle austauschen will, entstand sie doch aus den Leidenserfahrungen eines in einer feindlichen Umwelt ungesicherten Volkes, das sich hier eigenständig eine Hoffnungstradition schuf.

Anders im Falle der Legende vom Kwisatz Haderach, die der Bene Gesserit-Orden ausstreute. Über die Kontrolle der Traditionsbildung durch die Vertreterin des theologischen Ingenieurwesens, die Missionaria Protectiva, kann der Orden vorschreiben, was Wahrheit ist und werden soll. "Das vorbeugende Ausstreuen von Gerüchten über das Erscheinen des Kwisatz Haderach im gesamten bekannten Universum ist anerkennend gewürdigt worden. Nie hat es eine Kampagne gegeben, deren Verbreitung in bezug auf Vorbereitung besser gewesen wäre. Und im Endeffekt führte dies sogar dazu, daß sich Legenden von selbst zu bilden begannen" (1/69).

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Dune erzählt nun die letzte Etappe der Geschichte dieser als theologisches Ingenieurwesen verstandenen Vorsehung, aus der ein Messias für die niedergehende kosmische Zivilisation erwächst.

Herzog Leto Atreides hat durch eine Intrige seiner Todfeinde, des Imperators und des Herzogs Harkonnen, den unwirtlichen Wüstenplaneten Arrakis als Lehen erhalten. Was auf den ersten Blick als Quelle des Reichtums (Gewürzhandel) erscheint, ist in Wirklichkeit eine tödliche Falle. Der Herzog und seine Gefolgsmänner werden nachts meuchlings ermordet, man hat den Herzog Leto nur von seinem sicheren Heimatplaneten fortlocken wollen. Sein Sohn Paul entgeht, zusammen mit seiner Mutter Lady Jessica, dem Attentat.

Paul ist derjenige, der die Genkonstellation in sich trägt, die ihn zum Kwisatz Haderach macht. Er ist allerdings nicht (ganz) der geplante Heilbringer, der den Bene Gesserit vorschwebte. Er ist vielmehr das Kind eines, das theologische Ingenieurwesen störenden willkürlichen Aktes. Lady Jessica, Pauls Mutter, war dem Orden ungehorsam. Aus Liebe zu ihrem Mann hat sie dem Hause Atreides statt eines (wie vom Orden vorgesehen) Mädchens, das die Mutter des Heilbringers hätte werden sollen, den Heilbringer selbst geboren. So kommt ein Supermutant zur Welt, der andere Ziele hat, als die durch den Orden gesetzten - darauf beruht die Dynamik der folgenden Handlung.

Wir erinnern uns nun an den zweiten Punkt unseres Kriterienkatalogs, daß seltsame Umstände die Geburt des Heilbringers begleiten.

Einer der jüdischen Heilbringer, Moses, den die Erzählung eine Gruppe der Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft ins Gelobte Land führen und ihnen am Berge Sinai das durch Jahwe übermittelte jüdische Gesetz übergeben läßt, wird zu einer Zeit geboren, als der Ägypterkönig befohlen hat, alle männlichen jüdischen Neugeborenen zu töten. Seine Mutter setzte ihn, so die Legende, in einem Binsenkörbchen ins Wasser des Nils. Er wird von der Tochter des Pharao gefunden und aufgezogen.6

Auch die Geburt Jesu wird diesem traditionellen Erzählschema gemäß dargestellt. Jesus von Nazareth wird, so die Erzählungen im Lukasevangelium und im Matthäusevangelium7, unter seltsamen Umständen geboren. Seine Mutter Maria ist Jungfrau und zum Zeitpunkt der Geburt steht ein neuer Stern am Himmel, der Gelehrte aus dem Morgenland nach Bethlehem lockt. Ebenso wie im Falle der Moseserzählung kommt es dann zur Tötung der neugeborenen Kinder durch König Herodes, vor der aber Jesus auf wunderbare Weise verschont bleibt.

Auch Paul Atreides wird unter seltsamen Umständen geboren - er ist das Produkt des Ungehorsams gegenüber den Bene Gesserit-Oberinnen und sprengt deshalb die gentechnologische Planung. Diesem Paul Atreides gelingt die Flucht vor dem Mordanschlag. Auf seiner Flucht schließt er sich den "Fremen" an - es sind Menschen (Free Men, freie Menschen), die schon seit langem auf dem Wüstenplaneten leben und sich bestens an das harte Leben in der wasserlosen Wüste angepaßt haben. Sie sind im Laufe der Zeit genauso hart geworden wie ihre Umwelt. Ihr Gewand ist der "Destillanzug", der keine Körperflüssigkeit entweichen läßt, sondern diese immer wieder als Trinkwasser aufbereitet. Sie töten Fremde, um ihnen in unterirdischen Totendestillen die körpereigene Flüssigkeit zu rauben. Paul findet nun bei diesen Fremen, die Pauls Feinde selbst abgrundtief hassen, gute Aufnahme.

Die Missionaria Protectiva der Bene Gesserit hat nämlich auch auf Arrakis die Messiaserwartung ausgestreut. "Es existiert eine Legende auf Arrakis, eine Prophezeiung, nach der eines Tages ein Führer zu ihnen kommen wird, das Kind einer Bene Gesserit. Er soll sie in die Freiheit führen. Die Prophezeiung ähnelt der bekannten Messiaslegende" (1/139f).8 Paul entspricht, aufgrund seiner genetischen Ausstattung als Kwisatz Haderach, genau dem Bild, das diese Legende zeichnet und kann so die Hoffnung der Fremen in sich bündeln.

Die Fremen hegen nämlich den Traum vom Wasserparadies Arrakis, in das ein Messias einst das unwirtliche Wüstenland verwandeln wird. Zugleich wird dieser Messias sie von der Ausbeutung durch die Gilde, die Adelshäuser und den Kaiser befreien, die sie allesamt zu hohen Gewürzabgaben zwingen.

Weil Gentechnologie und Missionaria Protectiva einander in die Hände gearbeitet haben, kann Paul, ohne es zunächst zu wissen, genau den Legenden über den kommenden Messias entsprechen. Man beobachtet an ihm die "fragenden Augen" und die "reservierte Freimütigkeit" (1/146) und erkennt Sätze, die er aus seinem Unterbewußtsein sagt, als die, die der Messias nach der Überlieferung reden werde.

So kann Paul mit Hilfe der Prophezeiung und seiner eigenen mutierten Geistesgaben unter dem Namen "Paul Muad'dib" zum Messias der Fremen werden. Im Kampf um die Macht will er sich allerdings eine andere Messiasrolle wählen, als die, die der Bene Gesserit-Orden in ihn genetisch programmiert hat. Denn er weiß, daß er eine Mutation ist, eine "Frühgeburt", die nicht vorgesehen war. Daher stellt sich ihm das Problem, einen Weg zu finden, der einerseits nicht ganz gentechnologisch programmiert ist, andererseits aber auch irgendwie an den Rahmen dieser genetisch vermittelten Fertigkeiten gebunden bleibt. Im Bewußtsein dieses Problems sagt er zu seiner Mutter: "Du denkst, ich sei der Kwisatz Haderach (...). Aber das kannst du vergessen. Ich bin etwas Unvorhergesehenes" (1/269).

Wenn er nämlich so nach seiner Identität fragt, so erkennt er sich zwar nicht als der geplante Kwisatz Haderach der Bene Gesserit, trotz allem aber als Heilbringer seines Zeitalters: "Paul wurde sich plötzlich seiner Andersartigkeit bewußt. Ich habe eine Kraft, die ... Ich habe die Fähigkeit zu sehen, was anderen verborgen bleibt: den Weg der gegangen werden muß" (1/264; Hervorhebungen L.H.). Das "Muß", das den zu gehenden Weg bezeichnet, ist eine gefährliche Festlegung der anderen Menschen. Paul kennt die Gefahr, die entsteht, wenn man andere Menschen denselben Weg zu gehen zwingt, den man für den richtigen hält. Da er als Supermutant nicht nur die Erinnerung der Ahnen, sondern auch den Blick in die Zukunft besitzt, versucht er zukünftige Konsequenzen seiner Handlungen zu erkennen, um die Welt human zu gestalten. Wenn er in die Zukunft sieht, steht ihm aber ein heiliger Krieg vor Augen, der "Djihad"9, der Milliarden Menschenleben kosten wird, hat er die Vision "fanatischer Legionen, die dem grünen Banner der Atreides folgen, die mordend und brennend durch das Universum rasten. Im Namen ihres Propheten Muad'dib" (1/411).

Paul kann das genetisch programmierte Schicksal, die Messiaslegende zu erfüllen, nicht aufhalten. Die Fremen entreißen dem Imperator und den Harkonnens die Macht, Paul wird zum Herrn des Sternenreiches und der heilige Krieg bricht los, den er nicht von sich aus beenden kann.

"Ich bin eine Gallionsfigur. Wenn die Göttlichkeit erst verliehen ist, dann ist das eine Sache, die der sogenannte Gott nicht mehr kontrolliert" (2/37). Sein Fazit zu Kriegsende zeigt die Ausmaße: "'A propos Selbstkritik', fuhr Paul fort. 'Nach sehr vorsichtiger Schätzung habe ich einundsechzig Milliarden Menschen getötet, neunzig Planeten sterilisiert und fünfhundert andere völlig demoralisiert. Ich habe die Gläubigen von vierzig Religionen ausgerottet, deren Existenz teilweise über viele Jahrtausende zurückreichte' (...)" (2/103). Er weiß letztlich, daß er gescheitert ist. "Massenabschlachtungen aus Verantwortungsgefühl - für einen klaren Verstand ist das ein bißchen zuviel. Und doch war es da, dieses Verantwortungsgefühl für ein streitendes, götzendienerisches, chaotisches Universum. Müssen wir sie vor sich selbst schützen? dachte er. Sie spielen jeden Moment mit dem Nichts - aber was ist das für ein Schutz? Was für ein miserabler Therapeut bin ich, daß ich Massenmorde durch Massenmord abschaffen will? Oder doch zulasse, daß solches geschieht? War es den Preis wert, den seine Vision enthüllt hatte?" (2/58).

Erinnern wir uns wieder an unseren Kriterienkatalog: Das Kriterium (3) besagt, daß sich die Menschen das Heil, das sie vom Heilbringer erwarten, in den schönsten Farben ausmalen.

Die Fremen träumten den Traum eines wasserreichen Wüstenplaneten Arrakis, der von allen fremden Ansprüchen befreit sein sollte. Paul schenkt den Fremen nun ihren Traum. Im Namen des Heils werden gewaltige ökologische Veränderungen vollzogen. Paul hat damit zwar die wasserlose Wüstenlandschaft in ein wasserreiches Gartenland verwandelt, doch muß er diesen Raubbau mit der Natur bereuen. Die großen Sandwürmer, die das lebenswichtige Gewürz liefern, werden durch das Wasser vergiftet und das einstmals wilde und belastbare Wüstenvolk der Fremen versinkt in die Dekadenz. Sie werden zu "Museumsfremen", zu Touristenattraktionen. Die gesamte Sternenkultur ist zum Untergang verurteilt, wenn die Sandwürmer aussterben sollten, da dann interstellare Reisen unmöglich werden.

5

Herbert führt nun eine sehr geistreiche Wendung in dem Roman ein, in der sich seine Intention, zu zeigen, daß "Superhelden für Menschen zerstörerisch wirken"10, beispielhaft ausgestaltet findet.

Auf Paul Muad'dib wird ein Attentat verübt, bei dem er erblindet. Es ist nun bei den Fremen Sitte, daß ein Blinder sein Lebensrecht verliert; er hat in die Wüste hinauszugehen und sich dem Sandwurm zum Opfer darzubringen.

Bevor Paul in die Wüste hinausgeht, kann er noch der Geburt seiner beiden Kinder, der Zwillinge Ghanima und Leto II. beiwohnen - in diesen beiden Kindern vererbt sich seine Supermutantenkraft.

Paul geht in die Wüste und überlebt dort. Er kehrt vielmehr als sein eigener Kritiker, als Prophet der Wüste zurück in die Hauptstadt seines Kaiserreiches, um gegen die institutionalisierte Heilslehre, gegen den um ihn entstandenen Messiaskult zu kämpfen. Im Zentralheiligtum auf Arrakis predigt er gegen die angestammte Religion: "Blasphemiker und Götzdendiener seid ihr alle! Die Religion Muad'dibs ist nicht Muad'dib selbst! Er weist sie von sich, wie er euch von sich weist! Die Wüste wird diesen Ort mit Sand bedecken, wie sie euch bedecken wird" (3/58).

Dieser Redestil ist klassische prophetische Unheilspredigt. "Oh, ihr Gläubigen der offensichtlichen Göttlichkeit! Wißt ihr nicht, daß auch sie über eine dämonische Kehrseite verfügt? Ihr ruft aus, stolz darauf zu sein, in jenem strahlenden Zeitalter zu leben, das Muad'dib hervorgebracht hat. Ich aber sage euch: Ihr habt ihn längst verraten. Aus der Liebe, die seine Religion war, habt ihr die Heiligkeit gemacht. Und damit ruft ihr die Strafe der Wüste auf euch herab!" (3/142).

Vergleichen wir diese Unheilsrede, die den Messiasgläubigen vorwirft, den ursprünglichen Glauben verloren zu haben, mit der alttestamentlichen Prophetie am Beispiel des Propheten Amos.

Amos hat um 760 v. Chr. vielleicht nur einige Monate in Israel gewirkt. Auch er tritt in einem Heiligtum auf, in Israels Heiligtum Bet-El. Schon um 1400 v. Chr. war Bet-El ein Ort, wo die nomadischen Patriarchen Orakel einholten. Zur Zeit Amos' findet dort das Fest der Wiederbesteigung des Königsthrons statt, während dessen der israelitische König feierlich sein Amt erneuert. Orakelbeamte sagen dort von Amts wegen glückende Unternehmungen des Königs voraus, gleichzeitig wird Unheil über die Feinde Israels angekündigt. Amos prangert nun gerade dort, am Ort der Selbstinszenierung des israelitischen Königtums, die Fehlhaltungen Israels in Politik und Kult an, indem er bei der Gelegenheit eines dieser Feste nicht nur die Feinde Israels, sondern auch Israel selbst verflucht. Er ist eben kein "verbeamteter" Jubelprophet, sondern ein freier Mann. "So spricht der Herr: Wegen der drei, ja vier Verbrechen (eine traditionelle Einleitungsformel, L.H.) verzeihe ich es nicht: Weil sie den Gerechten um Geld verkaufen, den Armen für ein Paar Schuhe."11 Amos zieht aus solchen Fehlhaltungen Israels die unheilverkündende Konsequenz: "Hört dieses Wort, das ich als Leichenlied über euch anstimme, Haus Israel! Gefallen ist, nicht wieder steht auf die Jungfrau auf Israel. Dahingestreckt liegt sie auf dem eigenen Boden, niemand richtet sie auf."12 Ein Fluchwort dieser Art hatte früher große Bedeutung - war es einmal ausgesprochen, schaffte es unvermeidlich Unheil, man glaubte, es sei nicht mehr aus der Welt zu schaffen.

Auch Paul Muad'dib prophezeit in der anonymen Maske des "Predigers": "Die Wüste wird diesen Ort mit Sand bedecken, wie sie euch bedecken wird" (2/58). Mit dieser Zurücknahme seines messianischen Anspruchs ist ein Gelenkpunkt des Romans erreicht. Würde er nun enden, wäre literarisch der Anspruch Herberts, die Gefahren des Messianismus aufzuzeigen, erfüllt. Es wäre aufgewiesen, weshalb sich kein Mensch anmaßen darf, mit dem Anspruch, den Menschen das einzig gültige Heil zu bringen, weltliche Machtgewalt auszuüben.

Entsprechend läßt sich auch die Position des Predigers zunächst weiter verstehen. Wenn er auf die Frage, ob er Paul Muad'dib sei, antwortet: "Es gibt keinen Paul Atreides mehr. Er versucht sich als Symbol höchster Moral durchzusetzen, während er jeden moralischen Dünkel leugnete. Er wurde heiliggesprochen, ohne daß Gott deswegen gefragt wurde, und jedes Wort von ihm war Blasphemie" (3/468). Paul Atreides, der Prediger, wird beim Predigen erdolcht; Frank Herbert demonstriert so auch dessen physische Selbstverdammung.

Doch der Roman endet hier nicht. Dies soll uns im folgenden zum Problem werden. Wieso läßt Herbert die Handlung weiterlaufen, obwohl er sein Ziel, die Demonstration, daß "Superhelden für Menschen zerstörerisch wirken", erreicht hat?

6

Eine erste - sicherlich mit in die literarische Wertung einbeziehbare - Begründung könnte der finanzielle Anreiz sein. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß dieses Argument bei einem Schriftsteller vom Format Frank Herberts nicht zureichen kann. Es soll also hier, wie schon in der Einleitung angekündigt, eine andere Antwort zu geben versucht werden. Ihr Ansatzpunkt ist die These, daß sich Herbert letztlich doch bemüht, den Messiasgedanken unter den Bedingungen der technisch-wissenschaftlichen Welt konsequent zu Ende zu denken - gleichgültig, ob dies nun bewußt geschah oder nicht, gelangt er dabei zur Darstellung eines wurmgotthaften Heilbringers, die eine grandiose Satire auf ähnliche aber triviale Versuche in der SF darstellt. Doch fahren wir zunächst mit der Interpretation fort. Wir haben ja schon gesehen, daß der Messias Paul Atreides durch technologische Methoden - durch theologisches Ingenieurwesen - in die Welt gebracht wird. Er ist ein gentechnologisch konzipiertes Zuchtprodukt der Bene Gesserit, dessen Auftreten durch die sozialtechnologische Meinungsmache der Missionaria Protectiva des Ordens gestützt wird. In diesem ersten Versuch, einen techno-theologischen Heilbringer zu entwerfen, läßt Herbert diesen Messias an der Kluft zwischen eigenem Anspruch und genetischer Programmierung bzw. vorgefertigtem Bild durch die Legendenbildung der Missionaria Protectiva scheitern. Die Gläubigen machen aus ihrem Gott etwas anderes, als er sein möchte.

Das Messiasthema schwelt aber weiter in Herbert. Ist die Idee eines Heilbringers erst einmal aufgetaucht13, dann kann sie nicht mehr einfach fallengelassen werden. Frank Herbert läßt den Fremenführer Stilgar sagen: "Wie einfach das alles gewesen ist, solange unser Messias nur ein Traumbild war, dachte er. Dadurch, daß wir ihn endlich fanden, verloren wir zahllose messianische Träume. Jeder, der für ihn in den Djihad gezogen ist, wartet nun auf einen neuen Führer" (3/9). So ist das Thema der Folgebände programmiert.

Frank Herbert geht also einen zweiten Weg, der ihn, wie wir sehen werden, wieder in Probleme bringt, die sein Konzept, einen technologisch entwickelten Heilbringer zu entwerfen, auf eine grandiose Weise scheitern läßt. Der neue Heilbringer wird nicht mehr zum eigenen Unheilspropheten, sondern zum naturhaften Sandwurm, der sich nicht durch Unheilsprophetie und Tod bei der Predigt selbst zerstört, sondern durch seine Rückentwicklung in nichtvernünftige Natur. Somit kehrt er gleichsam der Rolle des techno-theologischen Messias den Rücken und wird, wie wir sehen werden, zu einem Vegetationsgott, wie ihn frühe, nichttechnische Kulturen verehrten. Wir werden also sehen, daß auch hier wieder das technisch-wissenschaftliche Weltbild im Hinblick auf eine Messiasvorstellung gestaltet, zugleich aber auch kritisch bedacht wird. Frank nutzt die neuzeitliche Evolutionstheorie, eine Theorie, die im Gefolge von Charles Darwin glaubt, die Geschichte des Menschen mit naturwissenschaftlichen Begriffen, als Naturgeschichte von Organismen deuten zu können. Hier allerdings ist es eine Rückentwicklung eines vernünftigen Wesens, Letos II., in die vorvernünftige Form, die die Evolution des Lebewesens "Mensch" gewährleistet. Diesen Prozeß wollen wir nun betrachten.

Damit der Roman weiterlaufen kann, hat Frank Herbert Pauls Frau Zwillinge gebären lassen, in denen sich eine gesteigerte Mutantenkraft findet. Die Zwillinge, Leto II. und Ghanima, hatten schon im Mutterleib das Wissen und die Erfahrungen unzähliger Ahnengenerationen. Während die von ihren Fähigkeiten her an sich gleichberechtigte Ghanima in den Hintergrund der Geschichte tritt, baut Herbert Leto II. als Nachfolger des Messias Paul Muad'dib auf.

7

Um die neue Konzeption des Messias Leto verstehen zu können, bedarf es einer Erinnerung. Wir müssen uns noch einmal das Menschenbild der Bene Gesserit vor Augen führen, die ja den Kwisatz Haderach gentechnologisch geplant haben. Der Bene Gesserit-Orden teilt die Menschheit in "wahre" Menschen und "Tiere" ein. Eine solche Einteilung ist nur auf dem Hintergrund einer aristokratischen Anthropologie zu verstehen. Sie setzt die Auffassung voraus, daß der Großteil der Menschen nicht in der Lage ist, sein eigenes Leben zu planen und in die Hand zu nehmen. So bedürfen die Menschen eines Herrn. Dieser perfekte Herr, den der Orden für die Zeit der Dekadenz der Menschheit entwirft, ist der Kwisatz Haderach.

Leto II. erhält nun ein Höchstmaß der Züge, die den Kwisatz Haderach zum perfekten Herrn bestimmen. Leto II. ist die zum Bewußtsein gekommene Gattungsgeschichte der Menschheit. Was bei anderen Menschen als Instinkt wirksam ist, die Erinnerung an die eigene Gattungsgeschichte, an die vielen Wege und Irrwege der Menschheit vom ersten Augenblick der Bewußtheit in der Entwicklung der Arten an, weiß der Kwisatz Haderach.

Leto II. sagt von sich: "Das Leben eines einzelnen Menschen existiert ebenso wie das einer Familie oder eines ganzen Volkes in der Erinnerung weiter. Die Angehörigen meines Volkes müssen dies als Zeit eines Reifeprozesses erkennen. Sie stellen einen Organismus dar, dessen bevorstehende Erfahrungen sich in einem unerschöpflichen Reservoir ansammeln, aus dem die gesamte Menschheit zu schöpfen vermag, hat sie die Absicht, das Universum zu verändern. Viel des gespeicherten Wissens mag durch Zufälle wieder verlorengehen, die wir als Schicksal bezeichnen. (...) die Spezies kann vergessen! Der besondere Wert des Kwisatz Haderach, von dem die Bene Gesserit niemals etwas ahnte, ist jedoch die Tatsache, daß er niemals vergessen kann" (3/157).

Als derjenige, der durch die Erinnerungen der in ihm anwesenden unzähligen Ahnen die Gattungsgeschichte der Menschheit weiß und ihre Lebenserfahrungen verwaltet, ist Leto II. der "Kopf" der Menschheit. Leto faßt die Menschen als eine "Form von Massenorganismus" (3/349) auf, dessen Glieder nicht gleichmäßig vernunftbegabt und damit auch nicht gleichmäßig begabt sind, ihre Zukunft zu entwerfen. Sie sind nur untergeordnete Teile eines Organismus Menschheit14, die der Kwisatz Haderach als ihr Auge und Hirn führt, da er durch Mutation und Überdosen konzentrierten Gewürzes die Zukunft und Vergangenheit erkennen kann. Diese Zukunft sieht düster aus. Leto weiß, daß in einigen hundert Jahren die letzten Sandwürmer gestorben sein werden, da Arrakis in einen wasserreichen Planeten verwandelt wurde, Wasser aber Gift für die Sandwürmer ist. Geht aber das von den Sandwürmern produzierte Gewürz verloren, geht auch die interstellare Raumfahrt zugrunde und damit die kosmische Zivilisation, da ja die Steuerleute der Sternenschiffe nur durch das Gewürz einen kurzen Blick in die Zukunft tun können, der bei Fahrten mit Überlichtgeschwindigkeit notwendig ist. Leto II. sieht es als seine Aufgabe an, diese Entwicklung so zu regeln, daß trotz des Aussterbens der Sandwürmer kein Zusammenbruch der Zivilisation geschieht und damit das Überleben der Menschheit gesichert ist. Seine Lösung, dem Aussterben der Würmer seine Endgültigkeit zu nehmen, ist sehr originell - wir werden darauf noch zu sprechen kommen.

Leto sieht also, daß sein Vater Paul mit seiner "Vision" der Geschichte gescheitert ist. Er weiß, daß er sich als neuer Heilbringer durchsetzen muß, um den "Weg aus dem Chaos" (3/96) zeigen zu können. Dieser Weg aus dem Chaos ist der "Goldene Pfad".

Der Goldene Pfad führt nicht auf ein großes kosmisches Heil, auf eine schillernde Utopie, wie wir sie etwa bei Vergil finden. Er ist vielmehr wesentlich schlichter zu verstehen. Leto bestimmt ihn als das reine "Überleben der Menschheit nicht mehr und nicht weniger. Wir, die wir das 'zweite Gesicht' haben; wir, die wir Fallgruben der menschlichen Zukünfte kennen, haben stets unter diese Verpflichtung gelebt.

Überleben.

Was ihr zu diesen Dingen fühlt (Leto spricht hier die Nichtwissenden an, L.H.) - euer unbedeutendes Genörgel und eure Freuden, selbst eure Agonien und Verzückungen haben uns nur selten berührt. Mein Vater hatte diese Kraft. Meine ist noch stärker. Es macht uns keinerlei Schwierigkeiten, die Verwicklungen, die die Zeit bereithält, zu durchschauen." (4/20)

Im Bewußtsein der Einzigartigkeit seiner Fähigkeit, gibt sich Leto das moralische Recht, sich zum Alleinherrscher zu machen. "Ich bin eine Million Jahre alt, und das erfordert eine Anpassung, zu der kein Mensch zu keiner Zeit je gezwungen war (3/124). Leto ist keine Einzelpersönlichkeit mehr, sondern ist Ausdruck der Erfahrungen aller in ihm versammelten Menschengenerationen. "Das gesamte Universum, einschließlich aller in ihm existierender Zeit, befindet sich in mir" (3/332).

In diesem Bewußtsein erhebt er sich zum allmächtigen "Gottkaiser des Wüstenplaneten" (so der Titel des vierten Bandes).

Eine derartige Konzeption des Heilbringers erscheint uns auf den ersten Blick als äußerst befremdlich. Der Gottkaiser Leto als Inbegriff aller seiner Ahnen. "Die Multi-Vergangenheit und ihre Erinnerungen waren seine Bürde, aber auch seine Freude und Notwendigkeit. (...) die Vergangenheit zeigt ihn mit seinem ultimativen Vorfahr - einem Mann, den man Harum nannte, und ohne den die ferne Zukunft nicht sein würde. (...) Welches Leben er von nun an auch wählte, er würde es in einer autonomen Sphäre des Kollektivbewußtseins leben, in einer langen Kette von Geistern, die so zahlreich waren, daß kein Leben lang genug war, um ihre Generationen zu zählen. Einmal erweckt, verfügt das Kollektivbewußtsein über genügend Kraft, jeglichen in ihm (Leto, L.H.) schlummernden Egoismus zu dämpfen" (3/332).

Weil nun das Kollektivbewußtsein den Egoismus Letos ausschalten kann, kann Leto nicht mehr in der Verfolgung seiner Pläne irren. Er wird das Beste für die Menschheit tun können, weil alle Ahnen der Menschheit für die Lauterkeit seiner Motive bürgen und zugleich den reichsten Schatz an Erfahrung in das Urteil, was zu tun sei, einbringen können. Leto II. als wahrhafter Repräsentant der Gesamtmenschheit. Ist es Herbert hier gelungen, einen Heilbringer zu schaffen, der unserem heutigen technisch-wissenschaftlichen Weltbild entspricht, ein Heilbringer, der nicht von Gott eingesetzt, sondern evolutionsgeschichtlich erzeugt wurde? Ein solcher Heilbringer hat den Vorteil, durch menschliche Gestaltungskraft (Bene Gesserit) prinzipiell erzeugbar und erforschbar zu sein. Die Menschheit kann sich somit auch ihr Heil technisch-wissenschaftlich schaffen? Wir werden sehen! Zunächst gilt es noch eine andere Frage zu klären.

Uns erscheint nämlich eine derartige Konzeption des Heilbringers, trotz ihrer Einordnung in unser durch Charles Darwin geprägtes, evolutionistisches Weltbild, reichlich seltsam. Ein Heilbringer als Bewußtsein, das die Erfahrungen der Menschengattung artikuliert? Um diese Konzeption verstehen zu können, müssen wir wieder in die Religionsgeschichte zurückgehen.

Aufschluß über den Gottkaiser Leto II. kann uns die religionswissenschaftliche Erforschung des Glaubens an die "Ganzheitsseele" geben.

Interessant für unsere Argumentation ist es dabei, daß wir, um Herberts zweiten Versuch, einen Heilbringer zu entwerfen, verstehen zu können, auf die Religionen der frühen Menschen zurückgreifen müssen. Wir finden bei hochentwickelten Religionen darüber keine Auskunft. Was dies für die Herbertsche Romankonzeption bedeutet, die ja die eines heutigen Menschen ist, darauf werden wir am Ende unseres Artikels zurückkommen. Fragen wir aber zunächst nach der Ganzheitsseele.

8

Der frühe Mensch unterscheidet nicht zwischen "ich" und "Umwelt", zumal der belebten Umwelt. Er gliedert den Bereich dessen, was er unter "Seele" versteht, nicht wie wir nach dem Modell "Leib-Seele" im Sinne eines Gegensatzes. Vielmehr ist die Seele für den frühen Menschen das Mächtig-Wirkungsvolle am Bewußtsein. Es ist das Leben im Menschen und in der Umwelt, das mehr ist als bloße, heute wirkliche und morgen tote Lebendigkeit. Die Seele ist nicht geistig, sondern vollkommen in die Stofflichkeit des ganzen Menschen und seiner Umwelt eingegangen. Sie ist Seelen-Macht als Seelen-Stoff.

Der Mensch sucht in der Ungesichertheit seines kurzen Lebens die Seele als Ausdruck seiner Überlegenheit über das Schicksal. Für diese stoffliche Macht "Seele" hat der Tod nur eine geringe Bedeutung. Der frühe Mensch ist nun darauf aus, diesen machtgewährenden Seelenstoff zu mehren, ihn auf keinen Fall zu verlieren.

Man hütet diese Seelenmächtigkeit sogar in den eigenen Exkrementen. Ihr Schwinden ist mit allen Mitteln zu verhindern. Der Zauberer ist dazu bestellt, gestohlene Seelenstoffe dem Freunde zurückzuerstatten und dem Feinde zu entwenden. Wird ein Gegner getötet, ißt man dessen Herz und damit seinen Seelenstoff - so wird man mächtiger.

Ein jahrtausendealter Mythos, der uns in den Pyramidentexten bewahrt ist, zeigt uns einen zum kultischen Akt erhobenen Kannibalismus. Die Pyramidentexte heben den altägyptischen Gott-König weit über sterbliche Maße hinaus. In ihnen klingen ferne kannibalische Erinnerungen an, die zur Zeit ihrer Abfassung nicht mehr bestanden. Da die Pyramidentexte numeriert sind, genügt es, sie nach ihrer Nummer zu zitieren (Nr. 273/274). Diese beiden Sprüche bilden den sogenannten "Kannibalenhymnus" und beziehen sich auf den König Unas, den letzten Herrscher der 5. Dynastie des alten Reiches, der im 24. Jahrhundert v. Chr. regierte.

Der tote König geht als Sieger zum Himmel. "Der Himmel ist wolkenschwer, die Sterne sind verfinstert, das Himmelsgewölbe erbebt, die Knochen des Erdgottes erzittern - nachdem sie König Unas gesehen haben, glänzend und machtvoll als Gott, der von seinen Vätern lebt und seine Mütter verspeist. Die Herrlichkeit des König Unas ist im Himmel, seine Macht im Lichtreich wie die seines Vaters (des Gottes) Amun. Der hat ihn geschaffen, aber er (Unas) ist mächtiger als er. König Unas ist der Stier des Himmels, der einst Mangel litt und sich darum entschloß, von der Gestalt jedes Gottes zu leben, und ihre Eingeweide verzehrte, als sie, den Leib mit Zauberkraft gefüllt, von der Flammeninsel kamen. König Unas ist einer, der wohlversehen ist, der sich die Götter einverleibt. (Der Gott) Chonsu, der die Herren schlachtet, schneidet ihnen die Kehle für König Unas ab und nimmt ihre Eingeweide heraus, der Keltergott zerlegt sie für König Unas und kocht von ihnen eine Mahlzeit auf seinem Abendkochherd. König Unas ist es, der ihre Zauberkräfte ißt und ihre Geister verschluckt. König Unas ist die große Macht, die Macht hat über die Mächte. Wer von König Unas gefunden wird auf seinem Weg, den ißt er auf, Stück für Stück. König Unas ist ein Gott, älter als die ältesten."15

Auch Leto erwirbt seine Seelenkraft durch das Essen. Er kann nämlich erst dann in die Zukunft sehen und Macht erlangen, wenn er eine Gewürzessenz zu sich nimmt, die ihm die Augen öffnet, seine latenten Fähigkeiten wirksam werden läßt. Auf einmal sprechen die Ahnen aus ihm und mit ihm, und er kann ihre Kräfte nutzen. Er wird zum "Seelenesser", der im Mahle des Melange zur Macht über die Seelenstoffe seiner Ahnen erlangt. Indem er sich die Seelenmacht seiner Ahnen aneignet, wird er erst der Kwisatz Haderach, zum "ersten wahren Zeitplaner in der Geschichte der Menschheit" (3/495). Der erste wahre Zeitplaner sieht nun, daß die gewürzproduzierenden Sandwürmer bald durch den Wasserreichtum von Arrakis vergiftet sein werden und daß die Menschheit ohne das Gewürz zugrundegehen wird. Im Bewußtsein dieser Gefahr beschließt er, den "Goldenen Pfad", den das Überleben der Menschheit gewährenden Weg zu gehen. Diese Heilbringerrolle muß er bitter bezahlen. Um die Menschheit zu retten, muß er zum Sandwurm werden, der einst wieder Gewürz produzieren kann. Er kann dies, weil er sich mit den jungen Sandwürmern, den "Sandforellen", zu einer untrennbaren Einheit zu verbinden vermag, da er seit seiner Geburt mit Überdosen des Sandwurmprodukts Melange ernährt worden ist. In ihm war "praktisch jede Zelle mit Gewürz überfüttert" (3/417). Die Sandforellen nun haben im ökologischen Kreislauf von Arrakis die Funktion, ihre erwachsene Lebensform, die Sandwürmer, vor dem Gift "Wasser" zu schützen. Sie tun dies, indem sie ihre durchsichtige Haut über jeglichen vorfindbaren Wassertropfen stülpen, jeden Tropfen in sich einschließen und so dem ökologischen Kreislauf entziehen, die Sandwürmer somit vor der Berührung mit dem Gift bewahren.

Da Leto in höchstem Grade mit dem Sandwurmprodukt durchtränkt ist, gleicht seine Ausstrahlung der eines Sandwurms - allerdings eines durch (eigene Körper-)Flüssigkeit gefährdeten Sandwurms. Deshalb kann sich Leto von den Sandforellen mit einer "Schutzschicht" durchziehen lassen, weil diese seinen "Sandwurmkörper" vor dem Wasser schützen wollen. Es entsteht dabei eine Symbiose von Mensch und Sandwurm, die an das Leben in der Wüste vorzüglich angepaßt ist. Leto erhält die gigantischen Kräfte eines Sandwurms und zugleich seine Unverwundbarkeit. Diese gestattet es ihm, das schwankende Reich seines Vaters wieder von neuem zu befestigen.

Da das Gewürz die menschliche Lebensspanne über ihr natürliches Maß hinaus verlängert, hat Leto II. auch eine um so größere Lebensdauer. Er wird einige tausend Jahre Zeit haben, um sein Reich zu festigen. Damit sind wir bei Frank Herberts viertem Band angelangt.

Der vierte Band, über den "Gottkaiser des Wüstenplaneten", schildert Letos Regiment nach einer Regierungszeit von dreitausendfünfhundert Jahren. Er regiert noch immer das Sternreich im Bewußtsein, der Menschheit das Überleben zu sichern. Dieses Selbstverständnis, Heilbringer zu sein, resultiert aus dem Wissen, daß einzig er wieder das Gewürz produzieren können wird, wenn er ganz zum Sandwurm geworden ist. Das zur interstellaren Raumfahrt notwendige Gewürz kann seit dem Tod der letzten Sandwürmer vor zweieinhalbtausend Jahren nur noch aus Vorratskammern ausgegeben werden, die Leto anlegte. So ist Letos Fähigkeit, Gewürz zu produzieren und neue Sandwürmer entstehen zu lassen, die Hoffnung des Lebens, ohne daß es die Menschen ahnen. "'Ich bin das, was man die Vorstufe zu einem Wurm nennen könnte. Ich bin etwa sieben Meter lang und messe zwei im Durchmesser. Der größte Teil meines Körpers ist mit Rippen ausgestattet, mein Atreides-Gesicht erhebt sich in Manneshöhe an einem Ende. (...) Insgesamt wiege ich vielleicht fünf alte Tonnen'" (4/22).

Leto denkt oft an seine "Endmetamorphose" (4/22), in der er zum bewußtlosen Sandwurm werden wird, der in der Wüste Gewürz produziert. Er wird dann Junge haben, Sandforellen, die sich zu "großen lebenden Blasen verbinden, um das Grundwasser dieses Planeten zu umhüllen. So wie früher, als man Arrakis noch einen Wüstenplaneten nannte (...). Innerhalb von dreihundert Jahren wird hier dann wieder der Sandwurm herrschen" (4/150).

9

Blicken wir an dieser Stelle wieder einmal zurück zu einem Text des Alten Testaments, der um das Jahr 1000 v. Chr. entstand. Es ist die Sintflutgeschichte.16 Im Buch Genesis (6, 12-20) wird erzählt: "Jahwe sah, daß die Schlechtigkeit des Menschen auf der Erde zunahm und daß alle Gedanken seines Herzens den ganzen Tag nur böse waren. Da reute es Jahwe, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh. Jahwe sagte: "Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen ..., es reut mich, sie gemacht zu haben." Nur Noah fand Gnade in den Augen Jahwes. Darauf sprach Jahwe zu Noah: 'Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus, denn ich habe gesehen, daß du unter deinen Zeitgenossen vor mir gerecht bist. Von allen reinen Tieren nimm dir je sieben Paare mit, und von allen unreinen Tieren je ein Paar, um Nachwuchs auf der ganzen Erde am Leben zu erhalten! Denn noch sieben Tage dauert es, dann lasse ich vierzig Tage und Nächte lang auf die Erde regnen und tilge alle Wesen vom Erdboden, die ich gemacht habe.'" Noah tritt hier in der Rolle des Heilbringers auf. Er ist der Vermittler zwischen dem strafenden Jahwe und der zukünftigen Menschheit, deren Stammväter er und seine Söhne werden. Das Mittel der Rettung ist die Arche, das große Schiff.

Auch Leto II. ist als Abkömmling der Adelsfamilie der Atreides der Heilbringer und ineins damit als Wurmkörper zugleich die Arche. Er ist als Auch-Wurm derjenige, der durch die tödlich-wasserreichen Zeiten hindurch das Leben der Menschen, das im Gewürz begründet liegt, rettet. Auch hier wieder wollen wir versuchen, spezifisch neuzeitliche, technisch-wissenschaftlich geprägte Züge dieses Heilschaffens herauszuarbeiten. Um dies im Kontrast mit der Noah-Geschichte tun zu können, müssen wir zunächst nach dem konkreten Heil fragen, das Leto für die Menschen in den dreieinhalbtausend Jahren seiner Regierungszeit geschaffen hat. Leto bestimmt, wie wir schon gesehen haben, den Goldenen Pfad im Hinblick auf ein grundlegendes Ziel, nämlich das Überleben der Menschheit (4/20). Zugleich sieht er aber auch das Heil als Ermöglichung von evolutiver Weiterentwicklung der Menschheit, durch die von ihm kontrollierte Auslese und Hochzucht der Zähesten. Menschheitsgeschichte, gemäß dem neuzeitlichen Wissenschaftsverständnis, biologistisch als Evolution zu betrachten, bedeutet, die Menschen wie Tiere zu denken. Das Leben ist dann ein Daseinskampf, den nur die "Ausdauerndsten (...) überleben ... die Ausdauerndsten und Brutalsten" (4/150), wie Leto es ausdrückt. Er züchtet diese ausdauernden und brutalen Menschen seit Jahrtausenden aus der Rasse der Atreides. Eines dieser Zuchtprodukte, "Siona", wird ihn am Ende des vierten Bandes dann auch vernichten.

Fragen wir nun nach dem Heil, das Leto während der dreieinhalb Jahrtausende dauernden Hochzucht der Atreides zum "Raubtier" für die Menschen geschaffen hat, so ist dies zugleich paradoxerweise ein Friede, der entwicklungslose Friedhofsruhe bedeutet. Leto spricht von einem "erzwungene(n) Zur-Ruhe-kommen" (4/21) und weiß, daß der "von mir diktierte Frieden (...) in Wahrheit eine aufgezwungene Friedhofsruhe" (4/115) ist. Die Lebensformen aller Planeten haben sich deswegen immer mehr angeglichen, weil Leto keine Entwicklung gestattet. Alles wird einheitlich und profillos. Die Menschen sind sogar zu einer Rasse von Fußgängern geworden, da schnelle Fortbewegungsmittel dem Frieden hinderlich sind. Ebenso gibt es keine großen Städte mehr - die Menschheit befindet sich auf dem Niveau von Bauern und Kleinstädtern. Es ist die abstruse Situation eingetreten, daß die der Hochzucht dienende Friedenszeit zugleich eine Zeit des leeren, tumben Existieren ist. So kollidiert der Anspruch dazusein, um der "Evolution ein Ziel zu setzen und damit auch unserem Leben" (3/437), mit der Friedhofsruhe, die geradezu jede Entwicklung unterdrückt. Evolution wird damit rein biologistisch als Evolution von Erbfaktoren verstanden, von deren biographischer Entwicklung in einem schöpferischen, individuellen Lebensprozeß abgesehen werden kann. Bevor das hinter diesem Verständnis von Frieden als Friedhofsruhe zur biologischen Hochzucht stehende Geschichts- und Zeitverständnis Letos betrachtet werden soll, will ich noch einmal zur Sintflutgeschichte zurückblicken.

Der Israelit bestimmt Zeit als eine Geschehenserstreckung, in der "dies und das" geschieht. Es ist ein bestimmter Zeitpunkt als eine Zeit-Situation, es ist nicht die "abstrakte, chronologische, naturwissenschaftlich messbare Zeit"17, sondern Zeit als Inhalt, als Situation, in der etwas Wichtiges geschieht. Die Zeit in der sich biographisch oder geschichtlich etwas ereignet, etwas entwickeln kann. Der "Tag", von dem im Alten Testament oft gesprochen wird, ist ein Zeitpunkt, dem eine besondere Eigenschaft zukommt. am Ende der Sintfluterzählung setzt etwa Gott mit Noah so eine gefüllte Zeit. Er sagt in Genesis 8, 21, 22: "Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. Solange die Erdentage dauern, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." Damit ist Geschichte durch den alttestamentlichen Schriftsteller gesetzt - nämlich offene Entwicklung auf etwas Neues hin, das nicht durch ein wiederholendes Zerstören aufgehoben werden kann. Anders das Geschichtsbild Letos, das eine Spiegelung unseres neuen Zeitalters ist. Sein Geschichtsbild ist zyklisch - alles wiederholt sich einmal. Er sichert das pure Überleben der Menschheit, damit diese den nächsten Zyklus, der mit dem Auftauchen neuer Sandwürmer beginnt, wieder miterleben kann. "Ich erhalte das Leben, während ich die Bühne auf den neuen Zyklus vorbereite" (4/279). Da die Sandwürmer des neuen Zyklus als Kinder Letos intelligenter - im Sinne von gefährlicher - sein werden, hat dies allerdings Folgen für die Menschheit. Sie werden durch den neuen Zyklus zur Evolution gezwungen, die Auslese der Stärksten und Brutalsten wird gefördert.

"Eines Tages werde ich in den Sand zurückkehren. Dann werde ich die Quelle des Gewürzes sein. (...) innerhalb von dreihundert Jahren wird dann wieder der Sandwurm herrschen. Aber es wird ein anderer Sandwurm sein (...). Er wird zwar ein tierisches Bewußtsein haben, aber viel listiger sein. Es wird gefährlicher werden. nach Gewürz zu suchen - und viel gefährlicher, es zu behalten. (...) Wasserstraßen werden sich mit Sand füllen. Höhen werden verflachen und abgetragen. Die riesigen Wanderdünen werden die Bäume unter sich begraben. Der Sandtod wird reiche Ernte halten, bis ... bis man im Ödland ein Zeichen sieht. Das Zeichen, das den nächsten Zyklus ankündigt. Die Ankunft des Bringers, die Ankunft des Shai-Hulud. (...) Der große Sandwurm des Wüstenplaneten wird sich erneut aus der Tiefe erheben. Dann wird dieses Land wieder die Domäne des Gewürzes und des Wurmes sein. (...) Viele werden sterben. (...) Unterernährung und die alten Krankheiten werden dann herrschen. Nur die Ausdauerndsten werden überleben ... die Ausdauerndsten und die Brutalsten" (4/150f).

So entsteht vielleicht eine neue Menschheit, die "wirklich langfristige Entscheidungen treffen kann" (4/201); Entscheidungen, den nächsten Zyklus zu überleben.

10

Wie kommt Frank Herbert dazu, einen Roman zu schreiben, in dem einer der Hauptakteure ein derartiges Geschichtsbild besitzt?

Zunächst sei ein erster Hinweis auf unsere Kultursituation gegeben. Wir sind durch unsere Technologie des Verplanens von Zeit in Arbeit und Freizeit daran gewöhnt, ständig auf die Uhr zu sehen, von Jugend an einen Terminkalender zu benutzen. Die Uhr und der Terminkalender gliedern die Zeit in einzelne Zeitpünktchen. Zeit wird punktuell als ununterbrochene Linie von Bruchteilen "der" Zeitlinie gesehen. So entsteht die Gefahr, die herausgehobenen Momente des Lebens nicht mehr adäquat würdigen zu können. Man erlebt dann keine Wendepunkte mehr - jeder Tag ist dann wie der andere, und die Langeweile schleicht sich ein. So wird die Linie von Zeitpünktchen zum Kreis. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, und alles ist schon einmal dagewesen. Ein zyklisches Weltbild entsteht, weil man sich nichts Neues vorstellen kann, weil man sich und der Geschichte nichts Neues mehr zutraut.

Zyklische Geschichtsbilder sind, religionsgeschichtlich betrachtet, nichts Neues. Sie entstehen bei ackerbauenden Völkern, die auf den Kreislauf der Natur angewiesen sind. Ackerbauende Völker besitzen Natur- und Fruchtbarkeitsgötter, die im Jahreszyklus geboren werden und wieder sterben. Seit dem Jahre 1929 werden bei Grabungen in Ras Schamra, dem einstigen Stadthafen Ugarit in Nordsyrien, eine große Zahl mythologischer Texte der Kanaanäer entdeckt. Diese Texte wurden im 14. bis 12. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben, enthalten aber wesentlich ältere mythische Auffassungen. Sie reden vom Gott Baal, dem Gott des Wetters und der Bodenfruchtbarkeit. Dieser Gott Baal stirbt im jahreszeitlichen Rhythmus und ersteht wieder neu. Im zeitgenössischen Baalskult gab es ein Trauerritual, in dem gerufen wurde "Baal ist tot! Was soll aus den vielen Menschen werden?"18. Hier drückt sich die Angst um das Überleben aus, wenn die Ernte nicht gelingt, wenn vielleicht gar nichts mehr wachsen sollte. Der Tod ist für Vegetationsgötter typisch, sie sterben nach der Ernte und ruhen während des Winters, um im Frühling wieder mit den jungen Saaten aufzuerstehen.

Ein derartiger jahreszeitlicher Zyklus kann sich nun auf die Betrachtung der ganzen Weltgeschichte ausdehnen. Es entstehen Gedanken über "Weltjahre" und "Weltperioden". In Babylon beginnen im siebten vorchristlichen Jahrhundert Zahlenspekulationen über die verbleibende Zeit bis zum großen Weltbrand, der die alte Erde umwillen der neuen zerstört, und beeinflussen Griechenland und Indien. Die im mythischen Denken verhafteten Grenzwissenschaftler legen heute entsprechende Rechnungen für das Jahr 2000 vor.

An dieser Stelle soll wieder an den Sintflutmythos erinnert werden. Dieser Mythos ist auf allen Kontinenten und auf den verschiedensten Kulturstufen belegt. Die meisten dieser Überschwemmungsmythen schildern in irgendeiner Weise den kosmischen Rhythmus in dem die von einer gefallenen Menschheit bewohnte "alte" Welt in den Wassern untergeht, dem chaotischen Urelement, und einige Zeit später die "neue" Welt zutage tritt. Wir erinnern uns, daß der Kwisatz Haderach der Bene Gesserit entworfen wurde, als die Menschheit "alt" geworden war. Er sollte der Rettung einer in die Dekadenz abgeglittenen Menschheit dienen. Er sollte die Menschheit durch die Zeit der Dekadenz hindurch führen - zu einem neuen Aufschwung hin. Die Vernichtung der dekadenten Menschheit kündigt sich auch hier durch das chaotische Urelement Wasser an, durch das Wasser, das die Sandwürmer vergiftet und so die Menschheit zu einem harten Daseinskampf zwingt. Wir haben weiter gesehen, daß die alttestamentliche Sintfluterzählung das zyklische Schema durchbricht - nach der Sintflut verspricht Jahwe, nie wieder eine neue Flut zu schicken. Dies ist ein Versprechen auf Geschichte hin.

Herberts Vegetationsgott Leto hingegen hält am zyklischen Weltbild fest. Lord Leto II. muß zum Sandwurm werden, in die Wintertiefen des Wüstensandes untertauchen, um die Menschen zu einem neuen Gewürzfrühling führen zu können - so wie Baal sterben muß, um mit den Saaten neu zu erstehen. Leto stirbt nun aber nicht durch ein natürliches Ende, durch eine "Endmetamorphose", in der endgültig der Sandwurm den Menschen Atreides in die tierische Bewußtlosigkeit senkt, sondern durch die Hand einer seiner besten Züchtungen, durch Siona aus dem Hause Atreides, die sich mit einem geklonten Duncan Idaho, einem Waffenspezialisten, der einst im Hause Paul Muad'dibs gedient hatte, verbündet hat. Die beiden bringen eine Brücke zum Einsturz, und der Wurmgott Heilbringer stürzt in das für ihn giftige Wasser. Seine Sandforellenhaut löst sich wieder in einzelne Sandforellen auf, die eilig das fließende Wasser in ihren Körpern zu bergen versuchen, dann verschwinden sie in der Wüste. Zurück bleibt der sterbende Mensch Leto Atreides. Leto hat die Menschheit in den Winter des Weltjahres geführt, sie in Friedhofsruhe "überwintern" lassen, um einen neuen Frühling vorzubereiten. Nun stirbt er, um den neuen Zyklus einzuleiten, das Frühlingserwachen aus der Dekadenz. So kann er auch seinen Tod als Heilswerk denken. "Ich gehe mit meinem Imperium schwanger. Ich werde sterben, um ihm das Leben zu schenken" (4/118). Indem er stirbt, ermöglicht er das Leben der Menschen. Leto ist der Wurmgott Heilbringer. "Ich werde vier Tode sterben: den Tod des Fleisches, den Tod meiner Seele, den Tod meines Mythos und den Tod der Vernunft. Alle diese Tode enthalten die Saat der Wiederauferstehung" (4/289).

11

Scheitert Wurmgott Heilbringer? Läßt Frank Herbert Leto II. sich genauso ad absurdum führen wie Paul Muad'dib? Der eine geht als sein eigener Unheilsprophet in die Heiligtümer, die den scheinbar verstorbenen Paul Muad'dib ehren, um den Namen Muad'dib reinzuwaschen. Der andere stirbt im Wasser - als Sandwurm. Andererseits muß gesagt werden, daß Leto II. sein Ziel erreicht hat, Er rettet die Menschheit und leitet einen neuen Zyklus ein, innerhalb dessen sich die Menschheit auf dem Wege einer biologistisch verstandenen Evolution weiterentwickeln kann.

Erinnern wir uns hier an den Anspruch Herberts, darzustellen, "daß Superhelden für den Menschen zerstörerisch wirken". Zum anderen kann ich hier auf die Eingangsthese zurückkommen: Frank Herberts Darstellung eines Heilbringers unter den Voraussetzungen unseres technisch-wissenschaftlichen Weltbildes muß notwendig immer wieder scheitern und zu neuen Ansätzen und Versuchen führen. Inwiefern ist Herberts Versuch, Leto II. als Heilbringer darzustellen, gescheitert? Noch dazu auf eine großartige Weise?

Es geht nun nicht um die Frage, ob Herbert in seiner Darstellung des Wurmgott Heilbringers explizit eine Satire auf gängige Superhelden im SF schreiben wollte, oder ob diese Konzeption sich gleichsam "hinter seinem Rücken" zu etwas Großem entwickelte. Es gibt in der Literaturgeschichte genug Beispiele von Autoren, die gar nicht wußten, daß sie etwas Bedeutsames zu sagen hatten.19 Das oft verwendete Bild eines Superhelden, oder - bleiben wir bei unserer Wortwahl - Heilbringers in der SF, ist das eines Menschen, der in sich extraterrestrisch erzeugte oder durch Mutation zustandegekommene Kräfte entdeckt oder die Lanze der Wega-Ritter findet, die ihn die Menschheit vor dem Robot-Diktator retten läßt. Was er danach tut, ist meistens nicht mehr im Roman enthalten. Nach dem Happyend mit der Superschönheit wird es meistens langweilig.

Herbert schildert gerade diese langweilige Zeit. Der Heilbringer hat sich für dreieinhalb Jahrtausende institutionalisiert und schafft Friedhofsruhe, in der sich nichts entwickeln kann. Er weiß sogar vorher, wo Aufruhr ausbrechen wird und kann diesen noch vor dem Keimen ersticken.

Hier ist nun der Punkt erreicht, an dem wir auf die spezifisch technisch-wissenschaftlichen Verstehensweisen in Herberts Romanen eingehen können. Zunächst einmal wird die Zeit hier als linearer Fortgang beschrieben, als Aneinanderreihung von Zeit-Pünktchen, in denen es keine Möglichkeit zu einer sich entwickelnden Biographie gibt. Der Wurmgott läßt etwa pausenlos einen "neuen" Duncan Idaho aus den Zellen des alten Waffenmeisters der früheren Atreidesherzöge klonen. Sobald sich diese "Duncans" gegen ihr Schicksal, Marionetten zu sein, wehren, sich entwickeln, werden sie vernichtet. Der letzte Duncan hilft allerdings bei der Zerstörung Letos mit. Auch Leto selbst kämpft gegen die Langeweile, die den durch viele Ahnengenerationen Sehenden nichts Neues mehr erleben läßt.

Die Zeit, die hier dominiert, ist die naturwissenschaftliche Zeitvorstellung der Evolutionstheorien, nämlich die Zeit, die nötig ist, damit ein Zuchtprodukt Letos aus dem Menschenstamm der Atreides heranwachsen kann, um neue Junge zu bekommen. Eine solche Zeit ist in ihrem Verlauf genauestens beschreibbar. Sie ist beschreibbar durch den Blick des "Biologen" Leto, der statt Kaninchen Menschen züchtet, gute Exemplare schützt und schlechte Nachzuchten ausmerzt. Das Heil, das er den Menschen bringt, ist ihre biologische Entwicklung zu noch ausdauernderen und brutaleren Menschen, deren Fähigkeiten dem Überleben in feindlicher Umwelt entsprechen. Es ist keine Zeit für Biographien, die Persönlichkeitsentwicklungen schildern, die nicht in Zeit-Bruchstücke auflösbar sind, sondern sich an Schlüsselerlebnissen, an wichtigen Zeiten (etwa Hochzeit als Hochzeit), an qualitativ unterscheidbaren Zeiten festmachen.

Wenn wir kurz nach den geistesgeschichtlichen Wurzeln eines solchen Denkens fragen, so stoßen wir auf die Epigonen von Charles Darwin (1809-1882). Er hat in seinen Hauptwerken "Die Entstehung der Arten" (1859) und "Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl" (1874) den Gedanken einer Evolution der Arten in der Auseinandersetzung mit einer feindlichen Umwelt systematisch ausgearbeitet. Seine Epigonen versuchen nun im späten 19. Jahrhundert, den Menschen ebenfalls evolutionsgeschichtlich zu denken. Dies kann zu einem Sozialdarwinismus führen, wie er im Nationalsozialismus vertreten wurde. Nämlich zu dem Gedanken, daß eine Rasse besser an die Erfordernisse des Lebens angepaßt sei als andere, sie deshalb das Recht habe, sich rücksichtslos in Vernichtungskriegen durchzusetzen.

Zugleich tritt ein anderer Entwicklungsgedanke im 19. Jahrhundert auf, den wir ebenfalls bei den Akteuren in Frank Herberts "Dune" wiederfinden. Fortschritt sei nur im naturwissenschaftlichen Denkstil, der Technologie ermöglicht, zu finden. Auguste Comte (1798-1857) interpretiert in seiner "positiven Philosophie" die Menschheitsgeschichte als eine Geschichte, in der sich die Menschen langsam aber sicher zum naturwissenschaftlichen Denken entwickeln. Für ihn besteht die Menschheitsgeschichte in dem "notwendigen und universellen Durchgang der Menschheit durch drei aufeinanderfolgende Zustände (...), nämlich durch den vorbereitenden theologischen, den vorübergehenden metaphysischen und den endgültigen positiven."20 Im theologischen Stadium der Menschheitsgeschichte deutet der Mensch seine gesamte Umwelt als irgendwie auf Göttliches bezogen, als Götter. Im metaphysischen Stadium werden diese Göttergebilde als abstrakte Begriffe, als Sein und Existenz, als Nichts und Wesen, als forma und materia interpretiert. Im positiven Zeitalter der Menschheit findet der Mensch zu sich als dem, der die Welt im naturwissenschaftlichen Denken beherrschen kann. Alles erscheint machbar, wenn man die Naturgesetze, die die Welt beherrschen, durchschaut hat. In Frank Herberts Dune-Romanen finden wir beide Denkfiguren, die sozial darwinistische und die der "positiven Philosophie", ausdrücklich bedacht.

Der technisch-wissenschaftliche Denkstil erscheint zunächst als "theologisches Ingenieurswesen" des Bene Gesserit-Ordens, das seit Jahrhunderten die Menschen durch Meinungsmanipulation, durch Sozialtechnologie auf das Kommen eines Messias vorbereitet. Diese Weltsicht erscheint weiter in der Konzeption eines gentechnologisch programmierten Messias, den Kwisatz Haderach der Bene Gesserit. Dieses Konzept scheitert, weil der Störfaktor "Mensch" in der Gestalt der Lady Jessica ungehorsam ist. Der Kwisatz Haderach wird zu früh geboren. Paul wehrt sich zwar gegen seine genetisch programmierte Rolle, Heilbringer zu werden, stürzt aber die Menschheit ins Unheil, weil er zur Galionsfigur im Heiligen Krieg degradiert wird. Er kehrt wieder als eigener Unheilsprophet und wird ermordet.

Auch Leto II. scheitert. Doch ist sein Scheitern auf eine sehr differenzierte Weise dargestellt. Scheinbar setzt er sein Ziel durch. Er ist der Heilbringer, der bewußt Evolution zu betreiben versucht. Er hält die Menschen in Friedhofsruhe, um dreieinhalbtausend Jahre lang gentechnologische Experimente durchzuführen, die Menschheit hochzuzüchten. Am Ende dieser Zeit ist er aber das Gegenteil dessen, was einen Heilbringer ausmacht. Er ist auf dem Weg zum bewußtlosen Sandwurm, sein Selbstopfer führt ihn in vortechnische Zeiten zurück. Er wird zum Vegetationsgott vortechnischer ackerbauernder Frühkulturen. Er wird damit gerade nicht ein unter den Bedingungen der technisch-wissenschaftlichen Welt darstellbarer Heilbringer. Er führt sich selbst ad absurdum, weil Herbert keine befriedigende Lösung weiß. Dies ist das Großartige an der zweiten Konstruktion eines Heilbringers durch Frank Herbert. Es ist ein Baal-Leto, der nicht seinen Geist, seine Ahnenerinnerungen weitergibt, sondern Evolution rückwärts vollzieht. Leto, der für die Hochzucht der Menschheit dreieinhalbtausend Jahre opferte, wird selbst wieder Natur. So darf er sich als "heilige Obszönität" (4/126) bezeichnen.

Ich bin gespannt auf den nächsten Versuch Herberts, einen techno-theologischen Heilbringer zu konstruieren - warten wir die weiteren Bände ab.

Anmerkungen:

1

Ich zitiere F. Herberts "Dune" im folgenden als:
F. Herbert, Der Wüstenplanet, München (Heyne-Buch Nr. 06/3108) 1978 = Bd. 1; ders., Der Herr des Wüstenplaneten, München (Heyne Nr. 06/3266) 1978 = Bd. 2; ders., Die Kinder des Wüstenplaneten, München (Heyne Nr. 06/3615) 1978 = Bd. 3, ders., Der Gottkaiser des Wüstenplaneten, München (Heyne Nr. 06/3916) 1982 = Bd. 4 mit Bandzahl/Seitenzahl im Text. Diese 4 Bände liegen der Untersuchung zugrunde. Inzwischen sind zwei weitere Bände erschienen bzw. im Erscheinen begriffen: ders., Die Ketzer des Wüstenplaneten (Heyne-Buch Nr. 06/4141) 1984 = Bd. 5, und: ders., Die Ordensburg des Wüstenplaneten (in Vorb.) = Bd. 6, sowie Willis E. McNelly (Hrsg.), Die Dune-Enzyklopädie, 2 Bde. (Heyne-Buch Nr. 06/4142 und 4143).

2

Eigene Übersetzung aus: A brief reminiscence written by Frank Herbert for jackett copy of Dune: The Banquet Scene, Read by the Author, New York 1977, zit. nach: T. O'Riley ed., Critical Encounters: Writers and Themes in Science Fiction, New York 1978, 41-55, hier: 42.

3

Der Name "Heilbringer" wurde zum erstenmal 1905 von dem Historiker Kurt Breysig in einem Vortrag vor der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte verwandt. In seinem Buch "Die Entwicklung des Gottesgedanken und der Heilbringer" (Berlin 1905) definiert er S. 6: "Der Heilbringer ist eine Gestalt der Überlieferung, von deren menschen- oder teils menschen-, teils tierhaftem Auftreten auf der Erde man erzählt, der man schon während ihres irdischen Lebens übermenschliche Kräfte beimißt und die zumeist nach ihrem Entschwinden in die Gestalt eines Gottes von sehr hohen Kräften übergeht." An weiterer Literatur sei hingewiesen auf: Artikel "Heiland und Erlöser" in A. Anwanderer, Wörterbuch der Religion, Würzburg 1962, 223 f; G. Widengren, Religionsphänomenologie, Berlin 1969, 89-92; J. Heiselbetz, Artikel "Heilbringer" in: K. Rahner u. a. (Hrsg.), Lexikon für Theologie und Kirche Bd. 5, Freiburg 1960, 82 f; K. Latte (K. Goldammer), Artikel "Heiland", in: K. Galling u. a. (Hrsg.), Die Religion in Geschichte und Gegenwart Bd. 3, Tübingen 1959, 143 ff; G. v. d. Leeuw, Phänomenologie der Religion, Tübingen 19703, 104-133; F. Heiler, Erscheinungsformen und Wesen der Religion, Stuttgart 1961, 501-514; A. v. Deursen, Der Heilbringer. Eine ethnologische Studie über den Heilbringer bei den nordamerikanischen Indianern, Groningen/Den Haag/Batavia 1931, bes. 1-16 und die zusammenfassenden Bestimmungen des "Heilbringers" auf S. 380 f.

4

Altes Testament, Isaias 41, 22-23.

5

Altes Testament, Isaias 61, 1-2 und 5.

6

Vgl. dazu das Alte Testament, Exodus 1 und 2.

7

Vgl. dazu das Neue Testament, Matthäus 1, 18 bis 2, 21 sowie Lukas 1,26 bis 2,20.

8

So auch das Selbstgespräch der Lady Jessica: "Unsere Missionaria Protectiva versagt selten. Auch hier hat sie hervorragende Verbreitungsarbeit geleistet. Inmitten dieser Wildnis existiert ein Zufluchtsort für uns (...)" (1/392 f.).

9

"Djihad" kommt aus dem Arabischen. Der Gebrauch von al-Dschihad ist der des Heiligen Krieges. Wir finden die Rede vom Heiligen Krieg im heiligen Buch des Islam, im Koran, in der Sure 49, 15: "Die (wahren) Gläubigen sind diejnigen, die an Gott und seinen Gesandten glauben, und hierauf nicht (wieder unsicher werden und) Zweifel hegen und die mit ihrem Vermögen und in eigener Person um Gottes willen Krieg führen" (zit. nach: G. Rotter, Dschihad: Krieg im Namen des Glaubens, in: H. v. Stietenvon [Hrsg.], angst und Gewalt. Ihre Präsenz und Bewältigung in den Religionen, Düsseldorf 1979, 252-267, hier 252 f.).

10

Vgl. dazu Anmerkung 2.

11

Altes Testament, Amos 2, 6.

12

Altes Testament, Amos 5, 1-2.

13

Auch in seinem 1972 erschienen Roman "Die Riten der Götter" (München, 1979, Heyne-Buch Nr. 06/3460) fragt Herbert nach der Möglichkeit, einen Messias durch menschliche Fertigkeiten zu schaffen. Dabei taucht ebenfalls die Doppelbödigkeit des Vorgehens auf, wenngleich dieser Roman ein eher triviales Happy-end findet: "Wie wir wissen", sagte der Abt, "besteht die Hauptgefahr unseres Vorgehens darin, daß wir Erfolg haben. Wenn es uns gelingt, einen Gott zu erschaffen, so entsteht paradoxerweise etwas, das nicht mehr unsere Schöpfung ist. Wir selbst könnten die Schöpfung dessen werden, den wir ins Leben rufen" (S. 8).

14

Es gibt seit der Antike sehr viele Beispiele für eine solche Idee, Herrschaftsausübung zu legitimieren. Die Metapher vom Kopf und den untergeordneten Gliedern entwickelt sich bei Herbert allerdings zu einer Satire auf Herrschaftsausübung. Letos Kopf bleibt zum Schluß seiner Metamorphose einzig noch menschlich. Nach zweieinhalbtausend Jahren besitzt er einen Sandwurmkörper und einen menschlichen Kopf.

15

Zitiert nach M. Eliade, Geschichte der religiösen Ideen. Quellentexte, Freiburg 1981, 336f.

16

Sintflutberichte gibt es fast überall und auf den unterschiedlichsten Kulturstufen. Vgl. dazu etwa bei M. Eliade, 1981, abgedruckte Texte: die elfte Tafel des Gilgamesch-Epos (aufgezeichnet in babylonischer Sprache um 650 v. Chr.) und Ovids (43 v. Chr. - 17/18 n. Chr.) Epos "Metamorphosen", I, 260-415.
Die alttestmentliche Sintfluterzählung (Genesis 6 bis 8) ist nicht ein Text, sondern eine Vielzahl von Erzählbruchstücken, die im Laufe der Zeit zusammenkamen. Ich zitiere hier nur die um 1000 v. Chr. entstandenen frühesten Teile, die ein (oder mehrere) Schriftsteller verfaßte(n), dem (oder denen) die Forschung den Namen "Jahwist" gegeben hat, da dieser Jahwist den Gottesnamen "Jahwe" verwendet.

17

Als angenehm lesbare Einführung in die Vorstellungswelt des Alten Testaments sei das eben zitierte Buch von F. J. Stendebach, Der Mensch ... wie ihn Israel vor dreitausend Jahren sah, Stuttgart 1972 (hier S. 162) empfohlen.

18

Zitiert nach M. Eliade, Geschichte der religiösen Ideen, Bd. 1, Freiburg 1981, 151.

19

So etwa Herman Melville (1819-1891), der eigentlich eine Roman über Wale schreiben wollte - dem dieser Roman, Moby Dick, aber unter der Hand zu einem der bedeutendsten Werke über den modernen Menschen wurde.

20

A. Comte, Soziologie, Jena 1923, 3 Bde., Bd. 3/391.

©1984 Linus Hauser, erschienenen im "Heyne SF Magazin 12"