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Letztes Update: 05.06.2004

Die Wirklichkeit des Phantoms

Über die Realitätskrise in der Science Fiction

Zu Frank Herberts Zyklus vom Wüstenplaneten
und David Lindsays "Reise zum Arcuturus"

In dieser verräterischen Welt ist nichts Wahrheit, nichts Lüge;
alles ist wie die Farbe des Glases, durch das man es sieht.
("Worte des Muad'dib" von Prinzessin Irulan)

In den ersten drei Kapiteln deutet der Autor die Entstehung des "Phänomens (...) Science Fiction als Ausfluß der von ihr zu beschreibenden Realitätskrise". Er definiert Science Fiction als den Punkt, in dem sich die ambivalenten Pole "Dichtung" und "Wissenschaft" treffen, und beschreibt sie als ein Genre, daß nicht irgendwelchen Phantomen nachjagt, um den "Realitäten der Wissenschaft (...) zu entfliehen, sondern um ihnen vorauszueilen und neue Einsichten zu gewinnen. Da nach der Meinung des Autors die Entwicklung des Genres durch die "Masse des Schunds (...) nahezu begraben" wird, greift er sich exemplarisch zwei Werke heraus, "A Voyage to Arcuturus" von David Lindsay (als eines der unbekannten, aber richtungsweisenden Werke), sowie "Dune" von Frank Herbert (als sehr bekanntes Beispiel). Den Teil über "Dune" habe ich im folgenden aufgeführt:

IV

Ganz im Gegensatz zu "A Voyage to Arcuturus" wurde "Dune" (dt. Der Wüstenplanet) von Frank Herbert - wenigstens in den USA und unter Science Fiction-Lesern - ein großer Erfolg. Der Roman erschien 1965 und erhielt noch zwei Fortsetzungen: 1969 "Dune Messiah" (dt. Der Herr des Wüstenplaneten) und 1976 "Children of Dune" (dt. Die Kinder des Wüstenplaneten), die in relativ kurzen Zeitabständen ins Deutsche übersetzt wurden. "Dune" ist - was in der Science Fiction nicht eben häufig vorkommt - ein Riesenroman mit einem Umfang von rund 700 Seiten. Die ganze Trilogie umfaßt rund 1460 Seiten. In einer Leserumfrage in den Vereinigten Staaten nach dem "besten Science Fiction-Roman aller Zeiten wurde mit überwiegender Mehrheit "Dune" von Frank Herbert genannt. Die Frage nach dem Erfolg angesichts oder trotz dieses gewaltigen Umfangs, der in der Science Fiction bisher eher ein Hindernis für hohe Auflagen und breites Leserecho zu sein schien, wäre sicher eine Untersuchung wert. Doch muß sie in diesem Zusammenhang unterbleiben, weil hier in erster Linie die Darstellung der phantomatischen Existenz oder der Wirklichkeit des Phantoms interessiert, deren Elemente nur durch textimmanente Analyse des Werks gefunden werden können, wobei natürlich auch externe Faktoren - sozio-ökonomisches und sozio-kulturelles System - und deren Einflüsse auf das Werk genauer zu bestimmen sind.

Im Gegensatz wiederum zu "A Voyage to Arcuturus" kann die "Dune"-Trilogie als ein typisches Produkt der Science Fiction - mit all ihren Stärken und Schwächen - angesehen werden, das breite und tiefe Wurzeln im Boden der Trivialliteratur hat. Zum Ausgleich für dieses Fundament hat Herbert einen philosophisch-ideologischen Überbau geschaffen, der besonders das erste Buch an Kopflastigkeit leiden läßt und ständig droht, Aktion in Reflexion umkippen und erstarren zu lassen. Wer etwas genauer hinsieht, wird allerdings bemerken können, daß der Autor die verschiedenen Bezugsebenen seines Romans durch jeweils geschlossene Strukturen zu einem System verbunden hat, das als ganzes offen und in Bewegung ist. Reflexion soll nicht den Gang der Handlung stoppen, sondern sie vorantreiben, und Aktion soll das Denken fördern. Der Mensch ist Teil eines fortschreitenden Universums und entwickelt sich mit diesem nach wechselnden Prinzipien und Gesetzen, die den Gang der Evolution bestimmen. Von dieser im Motto von "Children of Dune" niedergelegten Essenz des Werks her sind sein Grundriß, seine Konstruktion, seine strukturellen Beziehungen und das System innerer Verweisungen - eine Art Leitmotivtechnik - zu erklären und zu verstehen, die ein so riesenhaftes Gebilde aus Wörtern und Sätzen zu einem überschaubaren, bedeutungsvollen Ganzen machen.

Ort der Handlung ist Arrakis, der dritte Planet der Sonne Canopus, bekannt unter der Bezeichnung "Wüstenplanet". Seine Geographie und Ökologie, die durch das Gesicht der Wüste - Trockenheit, Sand und Wassermangel - bestimmt sind, werden bis ins einzelne dargelegt. In sechs dem Roman "Dune" angehängten Appendizes erläutert der Autor in lexikalisch geordneten Begriffen und kurzen systematischen Abhandlungen Ökologie, Religion, Geschichte der Herrscherhäuser, imperiale und soziale Struktur des Planeten. Es gibt sogar kartographische Erläuterungen zur nördlichen Polarregion von Arrakis und eine Karte des Wüstenplaneten am Schluß des Romans. Diese Bemühung um die Anwendung geradezu wissenschaftlicher Methoden bei der Beschreibung von Sachzusammenhängen und der Erläuterung der diese Sachzusammenhänge erklärenden Begriffe sowie die Bildung einer eigens für die Darstellung einer bestimmten Realität in einem bestimmten Werk entworfenen Terminologie finden wir schon in Tolkiens Romantrilogie "The Lord of the Rings", die hier möglicherweise als Vorbild gedient hat. In beiden Fällen wird der Versuch gemacht, nicht nur darzustellen, sondern die Darstellung des Dargestellten zu begründen, Vorgänge und Aktionen nicht einfach ablaufen zu lassen, sondern sie zu kommentieren und zu erklären. Es geht - anders ausgedrückt - darum, fiktive Realität nicht bloß herzustellen, sondern sie für den kritischen Leser eines wissenschaftlich-technischen Zeitalters rational annehmbar und plausibel zu machen. Der Unterschied zwischen den beiden Autoren und ihren Werken liegt allerdings darin, daß Tolkien sich auf die Charakterisierung eines selbsterfundenen Mythos beschränkt, die seiner inneren Lokalisierung und damit der Gliederung und Transparenz der Motivations- und Sinnzusammenhänge im Hinblick auf die epische Struktur des Werks dienen, während Herberts Nomenklatur in sehr viel stärkerem Maße neben der inneren - werkimmanenten, d.h. auf die epische Struktur des Werks bezogenen - eine äußere Lokalisierung seiner Fiktion intendiert, indem er sie dem Raum-Zeit-Kontinuum zuordnet, dem faktischen Universum und unserer Galaxis, einer terranischen Vergangenheit und schließlich einer denkbaren, möglichen Zukunft.

Thema auf der untersten - fundamentalen - Ebene ist die "ökologische Umwälzung" des Wüstenplaneten durch Bewässerung und Kultivierung, durch die Anlage von sicheren Plätzen (Sietch) und den Anbau von Gewürzen (Melange). Hierbei entwickelt sich in der Folge von zwei Generationen der nomadisierende Stamm der sogenannten "Fremen" zu einem seßhaften Bauernvolk, das allerdings seinen wilden Nomadencharakter beibehält. Der auf der Erde sich über Jahrtausende langsam hinziehende sozio-kulturelle Wandel über Sammler- und Jägerkultur (Nomaden) zur Agrikultur (Bauern) wird hier gewissermaßen im Zeitraffertempo oder an einer Schnittstelle dieses Prozesses im Übergang von einer Generation zu anderen vorgeführt. Protagonist dieser Entwicklung und zugleich zentrale Figur des Romans ist Paul Atreides, Sohn des Herzogs Leto Atreides, der, kurz nachdem er Arrakis vom Imperator zum Lehen erhalten hatte, von seinen Gegnern getötet wurde. Paul entflieht in die Wüste, und es gelingt ihm, bei den Fremen unterzukommen. Er wird der Anführer des Nomadenvolks und erhält den Namen Muad'dib, d.h. Kängaruhmaus oder Wüstenspringmaus. Aber die Umwälzung bringt auch Gefahren mit sich. Nachdem Paul sich selbst an die Stelle des gestürzten Imperators gesetzt hat, entsteht ein neuer hierarchischer Staat mit der Religion des "Propheten" Muad'dib, die die Zerstörung der Sandwüste zum Inhalt hat. Diese aber hat die Vernichtung von Melange zur Folge, des "Gewürzes aller Gewürze", das lebensspendend und altershemmend wirkt sowie die Fähigkeit zur Voraussicht fördert. Ohne das Gewürz sind der interstellare Handel und die ökonomischen Existenzgrundlagen des Imperiums gefährdet.
Sterben wird auch "Shai-Hulud: der Sandwurm von Arrakis, der 'Alte Mann der Wüste', der 'Ewige Vater' oder 'Großvater der Wüste'. Sie sind von enormer Länge (in der Wüste wurden Exemplare von vierhundert Metern und mehr gesichtet) und erreichen ein hohes Alter, wenn sie nicht von einem Artgenossen getötet werden oder mit Wasser - das für sie giftig ist - in Berührung kommen. Der größte Teil des arrakisischen Sandes soll von den Sandwürmern erzeugt worden sein." 9

Mit der Gestalt des Sandwurms - einer Art Leviathan der Wüste - hat Herbert die das ganze Werk durchziehende, es beherrschende Perspektive geschaffen. Die Sandwürmer sind die wahren Herrscher der Wüste. Sie sind die Verkörperung des Shai-Hulud im Innern der Wüste und genießen göttliche Verehrung, werden von den Fremen aber auch als Reittiere benutzt. Wenn ein Wurm sich durch den Sand an die Oberfläche gräbt, dann bedeutet das Tod und Vernichtung für alles, was sich ihm in den Weg stellt. In seinem Maul können ganze Fabriken verschwinden, aber er selbst stellt einen riesigen Ofen dar, der Sauerstoff abgibt, und seine Exkremente sind eine Vorstufe des lebensnotwendigen Gewürzes, das alle ersehnen. Der Wurm ist Bringer von Leben und Tod, Symbol der alten Tiergottheiten, die vor allem in den orientalischen Religionen eine so zentrale und verhängnisvolle Rolle spielen. Anders als diese stellt Shai-Hulud aber auch eine Art sinnlosen und blinden Verhängnisses dar, das aus dem Wüstensand kommt, in einer Staubwolke vorangleitet und das man jederzeit selber herbeirufen kann. Schließlich sind die Würmer nichts anderes als die größten Lebewesen des Planeten, den sie erhalten und auf dem sie leben, in unauflöslicher Symbiose mit der Wüste, die sie selbst geschaffen haben.

V

Im zweiten Roman der Trilogie - "Dune Messiah" (dt. Der Herr des Wüstenplaneten) - vollzieht sich eine erste entscheidende geistige Wende. Paul Muad'dib ist unumschränkter Herrscher auf Arrakis und in der Galaxis geworden und hat Djihad, den Heiligen Krieg, entfesselt. Da überfallen ihn die ersten Zweifel. "Paul fühlte die Zeit auf sich einstürzen ... Mach dich frei, dachte er, zieh dich zurück ... er fühlte eine plötzliche Furcht, daß er beim Griff nach irgend etwas Neuem fallen lassen könnte, was ihm am wertvollsten war, daß selbst das leiseste Geräusch von ihm ein Echo auslösen könnte, in dessen krachendem Zurückschlagen das Universum in Trümmer fallen würde, bis er kein Stück mehr wiederfände." 10 Der religiöse Eifer der herbeiströmenden Pilger ist zu einer abscheuerregenden Quelle des Reichtums für Pauls Imperium geworden. Der Herrscher beginnt sich vor dem zu fürchten, was er selbst in Bewegung gesetzt hat.

"Er fühlte, daß irgendwo in ihm eine endlose Rauhreifnacht ertrunken lag. Sein zweites Gesicht hatte an dem Bild des Universums herumgepfuscht, das die Menschheit sich gemacht hatte ... Dieser Planet, auf der er stand, war in weiten Teilen in ein wasserreiches Paradies verwandelt worden, eine längst gestorbene Welt, die er wiederbelebt hatte. Nun, da ihr Pulsschlag kräftiger und dynamischer war als der irgendeines Menschen, widerstand sie ihm, wehrte sich, entglitt seiner Kontrolle ..." 11 Die Zweifel des Emporkömmlings und Tyrannen führen dazu, daß er wirklich ein Prophet wird. Er geht zurück in die Wüste und versucht, eins mit ihr zu werden. Er gibt ihr sein Wasser und bringt mit diesem - nicht nur symbolischen - Akt der ehemaligen Wüstenbewohner zum Ausdruck, daß er um die Existenz der Wüste weiß und für ihre Erhaltung kämpfen und predigen wird.

Die Wüste gewinnt hier und im dritten Roman - "Children of Dune" (dt. Die Kinder des Wüstenplaneten) - über ihren ökologischen Charakter hinaus eine immer stärker werdende existentielle und metaphorische Bedeutung. Man denkt an Nietzsches "Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten bringt!" oder an die biblischen Gleichnisse von Johannes dem Täufer und Jesus, die in der Wüste Einkehr und Umkehr suchten. Wie in diesen Vorstellungen hat das Bild bei Herbert mehrdeutigen - mindestens ambivalenten - Charakter. Die Wüste als Lebensgesetz kann nicht überwunden werden, indem man sie bekämpft oder ignoriert, sondern nur, indem man mit ihr lebt. Deswegen ist - um das Bild wieder auf seinen ökologischen Ursprung zurückzuführen - "Dune" auch kein Werk des dialektischen Fortschreitens über Antagonismen bis zur Synthese, sondern eins des evolutionären Humanismus - im Sinne Julian Huxleys -, das auf Anpassung und Symbiose zielt. Veränderungen der genetischen Struktur des Menschen sind unter dieser Voraussetzung nur auf streng wissenschaftlicher Basis und im ökologischen Kontext möglich. 12

Diese Veränderungen sind vor allem Thema des dritten Romans - "Children of Dune" -, in dem Paul Muad'dib, von vielen totgesagt, als "todloser Wanderer der Wüste" nur noch selten in Erscheinung tritt und seine Kinder, die Zwillinge Leto und Ghanima, die Herrschaft des neugegründeten Reichs übernehmen. Leto ist im Gegensatz zu seinem Vater als Fremen geboren. Während Paul, der Imperator, der Wüste sein Wasser gab, ohne sich wirklich mit ihr vereinigen zu können, wird sein Sohn ein Geschöpf der Wüste, eine lebende und wissende Gemeinschaft. Leto legt sich auf den Sand und hört das Geflüster und Geraschel unzähliger kleiner Kreaturen, die sich um seine Hand zu einem Handschuh formen und dann langsam seinen ganzen Körper mit einer zweiten Haut überziehen. Diese Energie spendenden, kleinen Lebewesen sind Sandforellen, die sich auf diese Weise mit ihm und ihren eigenen Artgenossen zu einer Symbiose zwischen Mensch und Tier vereinigen. In Leto erwacht ein neues, starkes, ihm selbst zunächst völlig unbegreifliches Lebensgefühl: "Ich bin nun kein Mensch mehr. Die Legenden, die aus dieser Nacht erwachsen, werden sich so stark verselbständigen, daß nicht einmal mehr die sie erkennen werden, die sie erschaffen haben. Aber sie werden Wahrheit werden." 13

Leto ist als höchste Verkörperung des Nomandenvolks der Fremen auch der eigentliche Bezwinger des Leviathans der Wüste. Er kann die Würmer nicht nur reiten, sondern sich ihnen entgegenstellen und sie zwingen, vor ihm zurückzuweichen. Denn sie wittern das Wasser in seiner zweiten Haut, die nicht seine und doch seine ist, und fürchten es.

Der Höhepunkt des Romans - vielleicht auch der ganzen Trilogie - ist die Begegnung zwischen Vater und Sohn in der Wüste, bei der Paul die Zügel der Herrschaft und der Sicht in die Zukunft seinem Sohn in die Hände legt. Diese Fäden werden von Herbert selbst als Fäden der Ein- und Übersicht interpretiert, die es möglich machen, sich dem Zeitstrom zu übergeben und Gedanken, die noch in fernster Zukunft ungeträumt waren, auf das Jetzt zurückzulenken und die Hände bewegen zu lassen. In diesem Sinne hält Leto und nicht Paul, dessen Vision nicht weit genug ging, alle Fäden der Zeit und der Erkenntnis in der Hand. "Die Vision, die sie beide kannten, hatte sich hier, an dieser Stelle, bereits in Bewegung gesetzt. Sie hatte eines Schöpfungsaktes zu einem bestimmtem Zeitpunkt bedurft. Durch diesen Moment hervorgerufen, teilte das ganze empfindende Universum eine lineare Zeitsicht, die alle Charakteristika einer ordnungsgemäßen Progression aufwies." 14

Weil Leto kein Mensch, sondern eine Tier-Mensch-Symbiose, kein Individuum, sondern eine Gemeinschaft, ein Volk, ein gedankliches Kollektiv ist, ist er auch "der Sehende im Universum der Blinden". 15 Er kann sich sogar an den Reiseweg eines gewissen Chaucer von London nach Canterbury erinnern - Canterbury, das ebenso wie der Planet, auf dem sich diese Stadt befunden hatte, aus dem Bewußtsein der Menschen verschwunden war. Er wird dieses Canterbury irgendwann einmal besuchen. Sein Blick in die Zukunft reicht weiter als der irgendeines Menschen. Leto, der neue Imperator, wird die Menschheit, ohne sie zur Ruhe kommen zu lassen, auf den "Goldenen Pfad" und in den Frieden führen.

VI

Die Krise der Realität, die in den Werken der älteren und neueren Science Fiction - exemplarisch bei David Lindsay und Frank Herbert - dargestellt wird, ist vielschichtig und zugleich kontinuierlich fortschreitend. Was für Darstellung und Beschreibung der Realität gilt, trifft auch für die adäquate Widerspiegelung der Realitätskrise zu: Es ist unmöglich, sie im ganzen und in all ihren Details zu erfassen. Ihre sich verbreiternde Bewegung weist ein starkes Gefälle auf, mit Umschichtungen und bedeutenden Akzentverschiebungen.

Wenn in "A Voyage to Arcuturus" der Akzent auf dem Sein im metaphysischen Sinne liegt, das das physische, prismatisch gebrochene Sein durchstrahlt, dann liegt er in "Dune" eindeutig auf dem physischen Sein, das als Ökologie eines Planeten die Religion und Metaphysik seiner Bewohner bestimmt. Hegels Satz "Das Bewußtsein bestimmt das Sein" und seine genaue Umkehrung durch Marx sind hier durchaus anwendbar. Dennoch sollte die ohnehin überstrapazierte dialektische Denkweise einmal nicht als - wenn auch noch so gefälliges - Deutungsschema, das fast immer zu vergröbernden Erklärungen führt, herangezogen werden. Lindsays und Herberts Werk sind Bewegungen und Entwürfe in einem zu vielgestaltigen Prozeß, als daß man sie und ihn ohne weiteres auf einen dialektischen Nenner bringen könnte. Sie widerspiegeln die Stadien einer die Neuzeit durchschreitenden und von der Gegenwart in die Zukunft hinübergreifenden Krise, die man verallgemeinernd als metaphysisch und ökologisch bezeichnen kann. Die "metaphysische" Krise drückt sich - unbeirrt und subjektiv unbeeinflußt durch äußere Systemzwänge - im gebannten Hinstarren auf die Nachbilder und Komplementärfarben eines verlorenen Diesseits und Jenseits aus. (...)

Die Feststellung, daß eine metaphysische Krise natürlich Teil einer umfassenden Kulturkrise ist und nicht unabhängig von ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen gesehen werden kann, sondern in Wechselwirkung mit ihnen steht, die Feststellung der Interdependenz dieser und aller anderen Phänomene also, führt mit Notwendigkeit zu dem, was Frank Herbert die "ökologische Umwälzung" genannt hat. Die Erkenntnis, daß der Begriff "Umwelt" im biologischen und soziologischen Sinne nicht mehr ausreicht, um die Frage des Überlebens der Menschheit in den Griff zu bekommen und zu beantworten, hat die Ökologie zu einer lebenswichtigen Wissenschaft werden lassen, deren interdisziplinärer Charakter eine ständige Ausweitung ihrer Forschungsgegenstände möglich und notwendig macht. Der Begriff Umwelt ist schlechterdings nicht zu begrenzen, ebensowenig, wie das uns umgebende Universum eine eindeutig feststellbare Grenze hat. "Dune" ist der Versuch, Umwelt näher zu definieren - als Wüste - und die durch ihre Veränderung entstehenden Konsequenzen darzustellen. Der Roman weist im Gegensatz zu anderen Riesenwerken des zwanzigsten Jahrhunderts - zum Beispiel Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" - eine geschlossene Struktur auf, obwohl er ein offenes, veränderliches Universum zum Gegenstand hat. Die räumliche Distanz wird hier noch durch eine zeitliche ergänzt, die die Existenz des Planeten Erde erst in der Wiedervereinigung im Bewußtsein Letos entstehen läßt. Dennoch ist die Erde und nichts als die Erde gemeint, wenn alle Fäden des Anfangs bis zum Ende der Trilogie in dem Begriff "Wüste" als Lebenswelt zusammenlaufen. Denn sind wir nicht schon lange dabei, aus unserem Planeten eine - äußere und innere - Wüste zu machen? Findet nicht die ökologische Umwälzung des Planeten Arrakis im Grunde auf der Erde statt, nur in genau umgekehrter Richtung? Dann wäre also die Erde das "wasserreiche Paradies", das Arrakis einmal war und wieder werden wird. Und wir würden nicht wissen, daß wir bereits im "Goldenen Zeitalter" leben, und uns sinnlosen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft hingeben.

Der Wüstenplanet als eine denkbare und mögliche Zukunft - das ist die Zerstörung der Hoffnung auf eine bessere Welt durch Regression, durch Beschwörung von Urangst, die mit dem linearen Fortschritt verbunden wird. "Dune" ist ein kollektiver Menschheitstraum, aber auch ein Trauma des amerikanischen Imperialismus. Der Traum von der Befreiung des Menschen ist weiter von der Zukunft entfernt als in irgendeiner historischen Epoche der Menschheit auf der Erde. "Dune" zeigt, daß aus dem Traum immer wieder ein Traum werden wird, weil die Menschen nicht aufhören können, an das "Goldene Zeitalter" zu glauben.

Das Bewußtsein einer ökologischen Krise in unserer Zeit, das gegenwärtig wohl am stärksten im reichsten Land unserer Erde - in den Vereinigten Staaten von Amerika - verbreitet ist, hat sicherlich wesentlich zum Erfolg der Romantrilogie von Frank Herbert beigetragen. Dennoch ist nicht auszuschließen, daß dieses Werk - im Gegensatz zu zahlreichen kleineren Romanen und Erzählungen, die die ökologische Krise behandeln - die Zeit überdauern wird, weil es eine epische Dimension erreicht, die man sonst in der Science Fiction selten oder überhaupt nicht finden kann.

Ich will gar nicht bestreiten, daß es in der Science Fiction besser geschriebene Romane gibt, beispielsweise "The Left Hand of Darkness" (1969; dt. Der Winterplanet) und "The Dispossessed" (1974; dt. Der Planet der Habenichtse) von Ursula K. LeGuin, deren Atmosphäre dichter und deren Charakterzeichnung besser ist als die Herberts in "Dune", oder "Eden" (1959) von Stanislaw Lem, dessen wissenschaftliche Voraussetzungen präziser definiert sind und zu einer im Hinblick auf Plausibilität und stilistische Einheit überzeugenderen Erzählung führen. (...)

Aber die der "Dune"-Trilogie anhaftenden Schwächen scheinen mir eher strukturell bedingte - d. h. notwendige - Mängel zu sein, die dem Werk als ganzes nicht anhaben können. Wer käme heute allen Ernstes auf die Idee, "Die Dämonen" von Dostojewskij wegen des stellenweise schlampigen Stils nicht als einen der größten Romane des neunzehnten Jahrhunderts anzuerkennen.

Tormance und Arrakis, Planet des Arcuturus und Planet des Canopus, Welt des Todes, die zur Einsicht, und Welt der Wüste, die zum Wasser des Lebens führt - das sind zwei starke Metaphern, die einen gemeinsamen Ursprung haben: die ewige Todesfurcht des Menschen und seine Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Die Krise unserer Welt von ihren Anfängen bis heute hat den Phantomcharakter des Daseins nicht beseitigt, nur verändert. Die "Entzauberung" der Welt durch die Wissenschaft und ihre Beschreibung durch ein unübersehbar gewordenes Dickicht von Formeln und Chiffren läßt sie heute als ein noch unerklärlicheres Geheimnis erscheinen als jemals zuvor. Wir wissen heute ebensowenig wie unsere Vorfahren, ob das, was wir für das All halten, nicht in Wirklichkeit eine Nußschale ist, und umgekehrt, ob nicht ein Eiweißmolekül bloß die Hülle eines unseren Sinnen uns unserem Verstand unzugänglichen Universums ist. Weil das so ist und weiter so sein wird, kann das Abenteuer des Geistes, dem sich Schriftsteller wie David Lindsay und Frank Herbert in unbedingter Leidenschaft verschrieben haben, niemals aufhören.

Anmerkungen:

9

Frank Herbert, Der Wüstenplanet, München 1978, S. 694.

10

Frank Herbert, Der Herr des Wüstenplaneten, München 1978, S. 64.

11

op. cit., S. 65.

12

In dem 1973 in den USA erschienenen Buch Hellstroms Hive (dt. Hellstroms Brut) versucht Herbert, das Modell einer zukünftigen Menschheit zu beschreiben, das mit der Nachahmung insektenstaatlicher Prinzipien (Bienenstock) die Veränderung der genetischen Strukturen menschlicher Individuen (Außenseiter) sowie ihre totale Integration in ein Kollektivbewußtsein plant und in einer unterirdischen Versuchsstation realisiert.

13

Frank Herbert, Die Kinder des Wüstenplaneten, München 1978, S. 422.

14

op. cit., S. 436.

15

op. cit., S. 436.

©1982 Dietrich Wachler, in Auszügen entnommen aus dem "Heyne Science Fiction Magazin 4"