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Letztes Update: 05.06.2004 |
Der Wüstenplanet - Eine Retrospektive
"Sie müssen wissen, daß wir uns im Jahr 10191 befinden. Das bekannte Universum wird regiert von Padisha Imperator Shaddam dem IV, meinem Vater. Die allerwichtigste Substanz im Universum ist die Spice Melange. Das Spice verlängert das Leben - das Spice verändert das Bewußtsein. Das Spice ist lebenswichtig für die Raumfahrt. Die Raumfahrergilde und ihre Navigatoren, die das Spice über 4000 Jahre psychisch verändert hat, benutzen das orangene Spice Gas, das ihnen die Möglichkeit gibt, den Raum zu krümmen. Das heißt, in jeden Teil des Universums zu fliegen, nur durch die Kraft der Gedanken. Ach ja, ich vergaß zu sagen: das Spice existiert nur auf einem einzigen Planeten, einem einsamen trockenen Planeten mit weiten Wüsten. In den Felsen dieser Öde lebt nur ein Volk, genannt Fremen. Aus der Vorzeit ist ihnen überliefert, daß einst ein Mann kommen wird, ein Messias, Kwisatz Haderach genannt, der sie in die wirkliche Freiheit führen wird. Der Planet heißt Arrakis, auch genannt DUNE (der Wüstenplanet)" - Prinzessin Irulan
Geheimbericht der Raumfahrergilde. Unter dem Verdacht, die Gewinnung des Spice zu sabotieren stehen vier Planeten: Arrakis, die Quelle der Spice Melange, Caladan, Heimat des Hauses Atreides, Giedi Prime, Heimat des Hauses Harkonnen, Kaitan, Heimatplanet des Imperators des uns bekannten Universums. Schickt einen Gildennavigator dritten Grades nach Kaitan. Es soll vom Imperator die Aufklärung über die Verschwörung verlangen. Das Spice muß fließen.
Dies ist eine Art Prolog zu einem der umstrittensten Science Fiction Epen der achtziger Jahre: D U N E (Der Wüstenplanet). Dune gilt als das unbestrittene Hauptwerk Frank Herberts und wurde vor einigen Jahren zu dem "besten SF-Buch aller Zeiten" gewählt: ein gigantischer, kaum überschaubarer Zyklus von ökologischen, politischen und religiösen Themen, eine stilistisch ausgefeilt erzählte Abenteuer-Story, ein Universum, das von großer Schönheit, aber auch von Hass, Intrigen, Liebe und Machthunger in Gang gehalten wird. Es ist nicht leicht, Dune in Worte zu fassen. Noch schwieriger, fast unmöglich ist es, aus all diesen Elementen einen Film zu machen. David Lynch hat es versucht. Nach Meinung der Kritik und vieler Herbert Fans ist er damit kolossal gescheitert und hat, wie es damals, als der Film ins Kino kam, so spöttisch hieß, 'ein Millionen-Budget in den Sand gesetzt'.
Dune erzählt die Geschichte von Paul Atreides, Sohn von Leto, Herzog von Caladan, und dessen Konkubine Jessica. Seine Mutter ist ein Mitglied des Bene-Gesserit-Ordens, der seit Hunderten von Generationen versucht, den Kwisatz Haderach, eine Messiasgestalt mit mythischen Kräften, durch wohldurchdachtes Zusammenbringen von bestimmten Blutlinen, zu erzeugen, und zu seinem Zweck zu benutzen. Mit Paul ist ihnen dies endlich gelungen, doch durch einen Ungehorsam von Lady Jessica verlieren sie die Kontrolle über ihn.
Als Pauls Vater vom Padisha-Imperator den Planeten Arrakis als Lehen erhält, vermutet er bereits, daß es sich um eine Falle handelt. Doch daß sich der Imperator, die mächtige Raumfahrergilde und Letos Todfeinde, die Harkonnens, zusammengetan und gegen die Atreides verschworen haben, ahnt er nicht. Als die neuen Herren von Arrakis sich gerade auf die besonderen Umstände des Wüstenplaneten einzustellen beginnen, greifen Harkonnen-Truppen unterstützt von imperialen Sardaukar-Soldaten Letos Palast an und durch einen Verrat innerhalb des Führungsstabes der Atreides gelingt ihnen dies ohne größere Probleme. Die gesamte herzogliche Famile wird gefangengenommen, doch während es für Leto keine Rettung mehr gibt, können Jessica und ihr Sohn in die Wüste flüchten. Dort treffen sie auf die wahren Bewohner von Arrakis: die Fremen, ein von den Strapazen des Alltags gestähltes Volk, das zu Millionen versteckt in Höhlen lebt. Paul und seine Mutter werden von diesen Fremen aufgenommen und Paul lehrt sie die Benutzung der "Schallmodule", eine überragende Waffe, die von den Atreides entwickelt wurde (übrigens eine Erfindung Lynchs, anscheinend um den Sieg der Fremen gegen die als unbesiegbar geltenden Sardaukar plausibel erscheinen zu lassen). Da Pauls Erscheinen exakt den Legenden entspricht, die durch den Bene-Gesserit-Orden seit ewigen Zeiten verbreitet wurden, wird er schnell als Messias angesehen und wird zum Führer der Fremen. Als er alle seine Kräfte gesammelt hat, beginnt er einen Krieg mit dem Ziel, jeden Harkonnen von Arrakis zu vertreiben ...
Ich bin der ketzerischen Meinung, daß der Film nicht ganz gescheitert ist und bestimmt nicht das aufgeblasene, faschistische Zelluloid-Monster, daß vor allem die deutsche Filmkritik Lynch andichtete. Als hätte '...Leni Riefenstahl zusammen mit David Lean und einer gut abgeschmeckten Portion LSD eine Art kosmisches Remake von Laurence von Arabien drehen wollen... [Zitat einer Kritik]', hahaha,wie witzig. Und der arme David Lynch, der mit seinem Debüt Eraserhead und dem wunderschönen, genialen Elephant Man noch zwei Jahre vorher die Kritiker und das Publikum zu Tränen rührte, galt nun als visionärer Stümper. Lynch ist nicht der erste, der sich an Dune versuchte. Nachdem Paul Jakobs, der Produzent der Planet of the Apes Filme mit dem Projekt nicht weiterkam, gingen die Rechte an den exzentrischen chilenischen Regisseur Alexander Jodorowski, der mit einem Budget von 45 Millionen und mit Unterstützung von Künstlern wie Ron Cobb, Dan O Bannon und H. R. Giger einen Dune Film plante, der womöglich noch extremer ausgefallen wäre als es Lynchs Version tatsächlich war. Ist die Vorstellung, Salvador Dali als Padisha Imperator und Herr von Kaitan zu sehen, nicht ungeheuer reizvoll? Die Rolle von Dr. Kynes sollte David Carradine bekommen, wohl auch nicht gerade eine Fehlbesetzung. Ebenso Orson Welles als Herzog Leto. Doch Jodorowskis Budget ging schon allein für die Pre-Production drauf und er mußte schweren Herzens aufgeben. Nachdem Dino de Laurentiis die Rechte an dem Buch aufgekauft hatte, und sogar Frank Herbert selbst bei der Herstellung eines Drehbuchs scheiterte, zeigte auch Ridley Scott kurzzeitig Interesse, verwarf das Projekt dann aber wegen Blade Runner. Lynch übernahm das Projekt, beschäftigte sich mit Herberts erstem Dune Roman und entdeckte in dem Stoff ungeheure Möglichkeiten. Hätte man Lynchs erste zweihundertseitige Drehbuchfassung verfilmt, wäre wohl ein vierstündiges Epos dabei herausgekommen. Es galt als gelungene Vorstudie und enthielt alle Charaktere und wichtigen Episoden des Romans. Die 135-seitige, siebte Fassung erhielt schließlich den Zuschlag und wurde akzeptiert. Der Schriftsteller Paul Sammon, der Einblick in der Drehbuch hatte, berichtet: Die Dialoge sind nahezu wörtlich übernommen und Lynch hat es auch geschafft, die surrealen, biomechanischen Elemente einzubauen, die in seinen früheren Filmen auftauchten. Sehr deutlich ist dies an dem ekelhaften, überindustrialisierten Planeten Giedi Prime zu erkennen, der Heimatwelt der heimtückischen Harkonnen. Die Dreharbeiten begannen im März 1983 in Mexico City in den Curubusco Studios. Anthony Masters, der für die Bauten in Kubriks 2001 verantwortlich war, wurde als Production Designer, Ron Miller als Illustrator und Bob Ringwood als Kostümdesigner verpflichtet. Die Kamera führte Freddie Francis, der für Lynch bereits den Elephant Man fotografiert hatte. Das Ergebnis von Lynchs Bemühungen, Herberts Roman in der endgültigen Schnittfassung von knapp 130 Minuten in den Griff zu kriegen, ist nicht leicht zu beurteilen. Und vor allem ist es einfach, den Film anhand seiner unbestreitbaren Schwächen hinzurichten: bestimmte wichtige Handlungselemente des Romans fehlen, erklärende Passagen werde zu schnell oder gar nicht abgehandelt, tauchen als innere Monologe der Personen auf die dann wiederum seltsam reduziert erscheinen. Herzog Leto Atreides (Jürgen Prochnow) wirkt manchmal einfach wie imposante Staffage. Feyd-Rautha ist der Einfachkeit halber, wie alle Harkonnen, auf seine Bösartigkeit festgelegt, damit der Gegensatz Gut - Böse klar erhalten bleibt. Warum Paul Atreides zum Messias der Fremen, genannt Muad'dib und zum kosmischen Übermenschen Kwisatz Haderach wird, ist nur in der wesentlich längeren TV Version plausibel, die die Wirkung des Spice in Pauls Bewußtsein zeigt. Visionen, die an Lynchs frühere Filme erinnern: Eraserhead und Elephant Man. Es hat schlicht und einfach den Anschein, als ob in den imposanten Kulissen, Spezialeffekte und Massenszenen die Schauspieler, allen voran Kyle McLachlan als Paul Atreides, einfach untergehen. Trotzdem: Dune hat eine andere Wirkung auf den Zuschauer als Weltraumepen wie Star Wars. Die Faszination des Films findet sich in Lynchs eigenen Visionen, die zwar von Herbert inspiriert, jedoch unbestritten anders sind, als der normale Konsument von Science Fiction es gewöhnt ist. Da ist nichts leicht zu verarbeiten, Dune ist kein Epos, daß man sich einfach so reinziehen kann mit Spaß dabei. Lynchs morbide Phantasie manifestiert sich am deutlichsten im ersten Auftauchen des Navigators, der in einem riesigen Tank hereingerollt wird, ein gigantisches Fötus oder wurmähnliches Ungeheuer. Sieht man es, glaubt man sofort, das dieses Wesen in der lage ist, durch Gedankenkraft den Raum zu krümmen. Die Harkonnen, aus einer Welt von Krankheit, Schmutz und gigantischen Maschinen stammend, wirken wie die personifizierte Grausamkeit, als ob ihre Existenz sich nur in Gewalt, Bösartigkeit und Machtgier äußern kann. Es ist auch zu einfach, Paul Atreides Verwandlung zum kosmischen Messias einfach nur als faschistische Machtphantasie abzutun, so wie dies in erster Linie von der deutschen Filmkritik geäußert wurde. Was davon noch im Film zu sehen ist, viel davon fiel der Schere zum Opfer, kann nur Ansatzweise zeigen, was Lynch eigentlich vorschwebte: es gab da einige Einstellungen, die dem Zuschauer das innere Paul gezeigt hätten, bestimmte Zentren von Pauls Gehirn, also Szenen, die den Zuschauer mitfühlen ließen was Paul erlebt. Es bleibt uns nur zu hoffen, daß die 3-stündige TV Version irgendwann von Lynch persönlich vervollständigt und autorisiert wird, so daß wir endlich den wahren Wüstenplaneten sehen können, so wie es ursprünglich auch geplant war. Denn leider ist auch diese, ohne Lynch hergestellte, "Extended Version" nicht ganz befriedigend. Da sie für das Fernsehen produziert wurde, glaubten die Verantwortlichen anscheinend, bestimmte Szenen seien den Zuschauern wohl nicht zumutbar. So fiel vor allem die grausame vampirische Attacke des Baron Harkonnen auf einen weißgekleideten Knaben der Schere des Zensors zum Opfer. Auch die Tatsache, daß bei dem neu hinzugekommen Material vergessen wurde, die Augen der Fremen blau zu färben, fällt negativ auf. Logisch, daß diese Fassung nicht den Segen des Meisters erhielt und das Pseudonym Alan Smithee mal wieder für einen Film herhalten mußte. Das geschieht ja exakt dann, wenn andere in der Arbeit eines Regisseurs herumpfuschen. Lynch selbst sagte, er würde gerne eine etwa vierstündige Fassung schneiden, den Film mehr zu einem langen Gedicht machen, ohne viel erklärenden Dialog und mehr auf die Stimmungen achten. Ein Wunsch, der ihm hoffentlich irgendwann einmal gewährt wird, vielleicht wäre dies eine Möglichkeit, ein verkanntes Beinahe-Meisterwerk neu zu erleben und auch . Nun hört man Gerüchte, daß Dune für das amerikanische Fernsehen in einer wahrscheinlich sechsteiligen Mini-Serie neu verfilmt werden soll, "werkgetreu", was auch immer das heißen mag. Dies, und die Tatsache, daß Frank Herberts Sohn Brian zusammen mit Star-Wars-Autor Kevin J. Anderson planen, 3 weitere Bücher zu schreiben, zeigt, daß es auch 30 Jahre nach Erscheinen von Dune alles andere als ruhig um diesen faszinierenden Stoff geworden ist.
Vielleicht sollte man sich auch ins Gedächtnis rufen, daß Film und Buch zwei verschiedene Medien sind und das es nicht immer von Vorteil ist, sich an ein Klischee wie Wertreue zu binden, zumal dies im Falle von Dune wohl heißen wird, daß man niemandem auf die Füße treten und eine brave, verschnarchte Gutenachtgeschichte für das lesefaule amerikanische Fernsehpublikum zurechtbasteln wird. Auf jeden Fall sollte man David Lynchs Dune einfach eine Chance geben, sich an den visuellen Ideen seines Schöpfers, den hervorragenden Schauspielern und den interessanten Special-FX erfreuen.
Credits:
Dune (Der Wüstenplanet)
Regie: David Lynch Buch: David Lynch, Photografische Leitung: Freddie Francis, Musik: Toto,
Prophezeiungsthema: Brian Eno, Daniel Lanois, Poduction Design: Anthony Masters, Creatures: Carlo Rimbaldi , mechanische Spezialeffekte: Kid West.
Darsteller: Kyle McLachlan (Paul). Jürgen Prochnow (Herzog Leto), Francesca Annis (Lady Jessica), Linda Hunt (Shadout Mates), Brad Dourif (Pieter DeVries), Sting (Feyd), Jose Ferrer (Imperator Shaddam), Virginia
Madsen (Irulan), Patrick Stewart (Gurney Hallek), Freddie Jones (Thufir), Sean Young (Chani), Dean Stockwell (Dr. Yueh) u.a.
Länge der OV 141 Minuten, Länge der Fernsehfassung 187 Minuten
© 1998 by Hermann Müller und Oliver Faulhaber