Startseite >> Science Fiction >> DUNE >> Sonstiges >> Vorwort zu "Raumschiffe von Foss" |
Letztes Update: 05.06.2004 |
Vorwort zu "Raumschiffe von Foss"
Dune mußte verfilmt werden.
Aber was für Raumschiffe sollte man nehmen? Auf keinen Fall die degenerierten und abweisenden Abkömmlinge heutiger amerikanischer Automobile und U-Boote, die schiere Antithese von Kunst, wie man sie gewöhnlich in Science-fiction-Filmen, einschließlich 2001, zu sehen bekommt. Nein! Ich wollte magische Gebilde, vibrierende Vehikel, wie schwimmende Fische, die ihr Wesen in den mythologischen Tiefen des sie umgebenden Ozeans finden. Die "galaktischen" Schiffe der nordamerikanischen Technokratie sind eine mausgraue Beleidigung des göttlichen und deshalb phantasievollen Chaos des Universums. Ich wollte Juwelen sehen, Maschinentiere, Seelenmechanismen. Fein wie Schneekristalle, Myriaden-facettierte Fliegenaugen, Schmetterlingsflügel. Keine Rieseneisschränke, keine mit Transistoren und Nieten übersäten mächtigen Massen, aufgedunsen vor Macht, Beute, Arroganz und eunuchischer Wissenschaft.
Ich behaupte, nach der Seele ist das schönste Gebilde in der Galaxis ein Raumschiff! Wir alle träumten von Gebärmutterschiffen, Ausstoßkammern der Wiedergeburt in andere Dimensionen; wir träumten von Hurenschiffen, getrieben von dem Samen unserer leidenschaftlichen Ejakulation. Von der unbesiegbaren und kastrierenden Rakete, die unsere Rache in das eisige Herz einer verräterischen Sonne trug; von kolibriatrigen Ornithoptern, die uns dorthin tragen, wo wir den uralten Nektar der Zwergensterne schlürfen können, welche uns den Saft der Ewigkeit schenken. Ja! Aber noch weitaus mehr: engelhafte Pracht! Wir träumten von raupenbewehrten, hochgezüchteten Sportwagen, die so lang waren, daß ihr Hinterende am Horizont verschwand. Wir sahen uns aufgesaugt in jene gewaltigen Massen, die einen schwindelerregenden Zug von Planeten aus einer dunklen Welt zu einer Galaxis katapultierten, die in sterniger Milch untergegangen war. Wir sahen uns im Inneren winziger, im Äther wohnender Haie, die in einer terrestrischen Sekunde siebentausend Universen durchquerten und dabei eine Schallschleppe hinterließen, die zu einer Kette halluzinatorischer Perlen erstarrte. Züge, die die ganze Menschheit davontragen konnten, Maschinen, die größer waren als Sonnen und die verwirrt und rostig umherirrten, wimmernd wie Hunde, die ihre Herrn suchen. Und gewaltige Flügel, die den Kometen das Mark aussaugten. Und Denkräder, die sich wartend hinter Meteoriten versteckten, als metallische Felsen verkleidet und auf einen Hauch Leben wartend, der durch jene galaktischen Randzonen strich, damit sich durstige Tanks wieder mit psychischen Abscheidungen füllen ließen. All dies und noch mehr wollte ich für Dune haben.
Und plötzlich sah ich in einem Buchladen auf den Seiten eines englischen Magazins in tausend Farben etwas, von dem ich nicht geglaubt hatte, daß man es darstellen könne. Jene Raumschiffe, die mich erfreuten und anrührten, stammten von Chris Foss. Ich bedeckte die Wände des Studios, in dem ich den Film vorbereitete, mit seinen Arbeiten. Ausnahmslos Meisterwerke! Ich engagierte verschiedene Detektive, die ihn mir ausfindig machen sollten. Ja, in jenen berauschenden Tagen hatte ich Macht! Hinter mir standen mehrere Millionen Dollar: ein Engagement, das allerdings letztlich nicht erfüllt wurde. Ich hatte die Möglichkeit, die besten Köpfe unserer Generation anzusprechen auf eine Mitarbeit bei einem Projekt, das der Welt einen Messias geben sollte. Keinen Menschen, sondern einen Film. Einen Film, der unser Herr sein sollte. Dune hatte mich zu seinem Jünger gemacht; doch ich brauchte andere, und zu ihnen gehörte Chris Foss.
Wie mochte dieser Mutant nur sein? Denn er mußte ein Mutant sein, um so malen zu können! Das waren ja keine Bilder mehr, sondern Visionen! Würde er sich als neurotischer alter Mann entpuppen? Als verrückter Rauschgiftsüchtiger? Würde man mit ihm sprechen können? Und dann kam Chris Foss, durch und durch englisch mit seinen Steptänzerschuhen, dem engen Anzug, wie er in vornehmen Schuppen von Casanovas getragen wurde, mit einem Goldzahn (ich hielt ihn für einen Diamanten), mit einem gelben Hemd aus vornehmer Seide, der grellen Krawatte eines ästhetischen Mietkillers, mit dem Kinderlächeln, das so durchdringend war, daß er sich in eine Hyäne verwandeln konnte. Ja: Chris Foss war ein wirklicher Engel, ein Wesen, das sich so wirklich und unwirklich zeigte wie seine Raumschiffe. Ein mittelalterlicher Goldschmied künftiger Äonen, ein Wesen, das seine Bilder mit derselben ultramütterlichen trug wie die kaitanesischen Kangarooboos die Kinder ihrer Selbstbefruchtung.
Chris war anfangs sehr nervös und mißtrauisch. er fürchtete, wir würden ihm einen Stil aufzwingen und ihn einschränken. Als er jedoch erkannte, daß er freie Bahn hatte, geriet er in Ekstase. Er kaufte sich einen speziellen Glas-Zeichentisch, der sein Papier durchsichtig machte, so daß die Linien im Raum zu schweben schienen. Und er stürzte sich stundenlang, jahrtausendelang in die Arbeit. In den frühen Morgenstunden pflegte er lange Spaziergänge zu einem Platz zu unternehmen, wo Schmetterlingswesen mit Menschenhaut und präshistorischen Parfums ihre rosa Zungen mit langen durchsichtigen Haaren um sein britisches Glied schlangen. Ich habe ihn im übrigen seinen psysikoemotointellektuellometaphysischen Durst mit Alkohol stillen sehen, der wie Tränen aus Augen tropfte, die in der aggressiven Atmosphäre eines Hotelkorridors aufgeschlagen worden waren.
Und so entstanden die Schein-Raumschiffe, die mit Leder und Dolchen besetzten Maschinen der faschistischen Sardaukar, die dickhäutige Geometrie des goldenen Planeten von Imperator Padi-Schah, das zierliche Schmetterlingsflugzeug und viele andere unglaubliche Maschinen, die eines Tages ganz bestimmt das interstellare All bevölkern. Chris Foss weiß, daß die technische Realität des Heute die Falschheit von morgen ist. Chris weiß auch, daß die heutige Kunst die Realität von morgen ist. Der Mensch wird das All auf dem Rücken von Foss' Raumschiffen erobern, nie aber in den Konzentrationslagern des Geistes der NASA. Ich war dankbar für die Existenz meines Freundes. Er brachte den traurigen Maschinen einer phantasielosen Zukunft die Farben der Apokalypse.
Alejandro Jodorwosky, 1977.
entnommen aus dem im Moewig Verlag erschienenen Buch "Raumschiffe von Foss" (Originaltitel: "21 Century Foss").