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Letztes Update: 05.06.2004

Dick, Philip K.
"The Game-Players of Titan" (Dt. "Das Globus-Spiel")
  7/10 Punkte
Copyright: 1963
Verlag: vintage
Erschienen: 1992
Übersetzer: n.a.
Form: Paperback
Umfang: 215 Seiten
ISBN: 0-679-74065-1
Preis: US$ 12,00

Die Erde wird nur noch von wenigen Millionen Bewohnern bevölkert und die Menschheit ist auf lange Sicht gesehen dem Untergang geweiht. Verursacht durch den letzten globalen Konflikt, bei dem China auch vor dem Einsatz von sterilisierenden Strahlen nicht zurückschreckte, bilden die Überlebenden des Krieges quasi die letzte menschliche Generation - beaufsichtigt und betreut von den irgendwie in den Krieg verwickelten außerirdischen "Vugs" vom Planeten Titan. Durch lebensverlängernde Maßnahmen ließ sich ein allzu rascher Untergang vermeiden, aber wirklicher Bevölkerungszuwachs ist nur möglich, falls beide Elternteile eine Resistenz gegen die Strahlung aufweisen und so eine Schwangerschaft ermöglicht wird ... und dieses Glück einmal zu haben ist das Lebensziel aller. Deshalb führten die Vugs "Bluff" ein, gespielt in kleinen Runden von Großgrundbesitzern mit ganzen Landstrichen als Einsatz und Ehepartnern als Gewinn. Allabendlich treffen sie sich zu dem Spiel und kehren - falls siegreich - mit einer neuen Immobilie und einem neuen Partner nach Hause zurück.

Es zieht sich zwar keine durchgängige Erzählperspektive durch das Buch, doch dreht sich eigentlich alles um Pete Garden aus Kalifornien, einem chronisch Manisch-Depressiven immer kurz vor der Flucht in den Suizid. Daß er kein Glück hat ist für ihn schon normal, aber jetzt hat er beim Spiel auch noch seinen besten Grundbesitz verloren. Und der neue Eigentümer hatte nichts besseres zu tun, als es einem Fremden von der Ostküste zu verkaufen und so einem "Außenseiter" den Weg in die geschlossene Runde zu ermöglichen - der zu allem Überfluß auch noch als bester Bluff-Spieler des Landes gilt und so die Existenz aller bedroht (denn wer alles verloren hat, wird vom Spiel ausgeschlossen).

Dieses einfache Szenario wird jedoch schnell komplexer, denn Pete schlittert in ein Netz aus Verschwörungen, kommt in die Fänge einer patriotischen Untergrund-Organisation und erlebt ziemlich psychedelische Phasen. Bestimmt wird das Ganze von dem Kräftemessen zwischen Telepathen, Telekinetikern und Präkognitiven. Die Fronten und Konstellationen wechseln erschreckend schnell, anfangs nur eine Marionette liegt es am Ende an Pete, die Antwort auf die Frage "Wie bluffe ich einen Telepathen?" zu finden.

Urteil: Das vorliegende Werk gehört wohl zu den weniger bekannten des Autors, aber es steht einer Berühmtheit wie "Bladerunner" in nichts nach. Stets versteht es Dick, durch überraschende Wendungen den Leser immer aufs Neue zu überraschen. Kaum bildet man sich ein, die Verstrickungen durchschaut zu haben, wird auch schon wieder alles über den Haufen geworfen und das Buch auf eine höhere, globalere Ebene gebracht. Anfangs denkt man, das Ganze ende in einer Art Krimi, doch plötzlich steht die weitere Existenz der ganzen Erde auf dem Spiel.

Alles in allem wirklich eine Empfehlung wert, und auch mit moderaten Englischkenntnissen liest es sich im Original sehr angenehm. (of)

Dick, Philip K.
"Das Orakel vom Berge" (Org. "The Man in the High Castle")
  7/10 Punkte
Copyright: 1962
Verlag: Bastei
Erschienen: 1992
Übersetzer: Heinz Nagel
Form: Taschenbuch
Umfang: 270 Seiten + Nachwort
ISBN: 3-404-24117-7
Preis: DM 7,80
Hugo Award 1963  

"Das Orakel vom Berge" bedeutete für Dick den schriftstellerischen Durchbruch - und zwar nicht nur innerhalb des SF-Genres. Es dient noch heute als Paradebeispiel für die vielen Bücher, die sich mit den etwaigen Folgen eines Siegs Hitlers im II. Weltkrieg beschäftigen. Jedoch legt der Autor hier eher Wert auf die individuelle Welt der Hauptcharaktere als auf die globale politische Lage.

So bricht zum Beispiel für Robert Chandler, einem in San Francisco - wie auch die übrige Westküste unter japanischer Jurisdiktion - lebenden Antiquitätenhändler, gleich zu Beginn eine Welt zusammen: Die bei den japanischen "Besatzern" so beliebten authentischen amerikanischen Kunstgegenstände, Haupteinnahmequelle Chandler, stellen sich teilweise als Fälschungen in beinahe schon industriellem Maßstab heraus ... öffentlich bekannt, würde das seinen Ruin bedeuten.

Wie viele seiner Landsleute hat sich auch Chandler den Umständen nach dem Krieg angepaßt, und so gehören sowohl die japanischen Wertevorstellungen als auch das I Ching (eine Art Orakel mit jahrtausendealter Tradition) untrennbar zu seinem Leben. Und ebenso wie die Masse der Amerikaner hat er den Glauben an sich selbst verloren, buckelt vor den Japanern und sieht sich verglichen mit ihnen nur als "Barbar". So verwundert es nicht, daß ein Buch zum allgemeinen Gesprächsstoff wird, das sich mit einem Sieg der Allierten und seinen Folgen auseinandersetzt. Dieses Buch benutzt Dick als Mittel, um eine weitere alternate history zu entwickeln - denn die Geschichte des Buchs ist keineswegs die unsere.

Chandler bildet zwar einen Knotenpunkt, auf den die meisten der zahlreichen Handlungsstränge früher oder später treffen, jedoch steht er keineswegs im Mittelpunkt. So beschäftigt sich Dick auch mit Mr. Togomi, einem hohen japanischen Beamten, der unfreiwillig in eine politisch überaus prekäre Lage gerät und für den schließlich auch eine Welt zusammenbricht. In all dies eingebunden ist noch die verworrene Situation im Nazi-Deutschland nach dem Tod des Führers, sowie innenpolitische Kämpfe, die das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen können ... und wie so oft in Dicks Büchern lautet die Frage am Ende: Was ist Illusion und was Realität?

Urteil: Selten fiel mir die Bewertung eines Buches so schwer wie im vorliegenden Fall, denn obwohl der literarische Anspruch über jeden Zweifel erhaben ist, mangelt es Dick an der Fähigkeit, den Leser zu fesseln - jedenfalls in meinem Fall. Das immer wiederkehrende Motiv der in Frage gestellten Wirklichkeit, sowie die teils seitenlangen philosophischen Passagen erschweren das Lesen, und auch die zeitweise recht "künstlich" (künstlerisch?) wirkenden Dialoge tragen nicht gerade zu einem Lesefluß bei.

Auf der anderen Seite jedoch kann man dem Buch eine gewisse Faszination nicht streitig machen, zu plastisch und glaubwürdig schildert Dick die Zustände im unter japanischen Einfluß stehenden San Francisco, und zu geschickt verknüpft er die einzelnen Handlungsstränge. Sein Kunstgriff mit dem Buch im Buch, aber auch die Einbindung des I Ching verleihen dem "Orakel vom Berge" einen ganz besonderen Flair. Allerdings sollte man zumindest in den Grundzügen mit den politischen Gegebenheiten Nazi-Deutschlands vertraut sein, um die inneren Zusammenhänge vollständig zu durchschauen.

Liebhaber der seichten Unterhaltung werden somit wohl nicht auf ihre Kosten kommen - allen anderen sei es aber ans Herz gelegt, um sich selbst ein Bild zu verschaffen. (of)

Dick, Philip K.
"Ubik" (Org. "Ubik")
  9/10 Punkte
Copyright: 1969
Verlag: Vintage
Erschienen: 1991
Übersetzer: n.a.
Form: Paperback
Umfang: 216 Seiten
ISBN: 0-679-73664-6
Preis: US$ 11,00

Zeitlich am Ende seiner interessantesten Schaffensperiode einzuordnen, liefert "Ubik" eines der Paradebeispiele für das bei Dick beinahe zur Obsession gewordene Hinterfragen der Wirklichkeit. Dabei haben die Protagonisten - eine Gruppe Telepathen - in diesem Fall jedoch allen Grund, an "ihrer" Realität zu zweifeln, denn ihr bei einem Attentat getöteter Chef überbringt ihnen scheinbar aus dem Jenseits kryptische Botschaften. Schnell wird klar, dass nicht er sondern sie selbst dem Attentat zum Opfer gefallen sind und sich nun in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod befinden. Als ob der Dramatik damit noch nicht Genüge getan wäre, scheint eine mysteriöse Kraft auf sie zu wirken, die ihre subjektive Realität ständig verändert und immer weiter in der Zeit zurück versetzt - mit tödlichen Nebenwirkungen für die Protagonisten. Ihre einzige Hoffnung liegt in einem Spray, das die letzte Konstante ihrer Welt zu sein scheint: Ubik.

Fazit: Für mich eines der besten Bücher Dicks, das überraschende Parallelen zu den Werken zeitgenössischer Autoren (beispielsweise Jeff Noon) aufweist - ein Beweis für die wegweisende Wirkung seines Schaffens. Neben seinem eigentlichen Leitmotiv entwickelt er in Nebensätzen Ideen, denen andere Autoren ein ganzes Buch widmen würden. Dabei verliert er jedoch die eigentliche Thematik nie aus den Augen, lässt die Charaktere wie auch den Leser im Dunklen über das eigentliche Geschehen und stellt am Ende - als endlich Klarheit herrscht - doch alles wieder auf den Kopf. Auch wer mit Philip K. Dick normaler Weise nicht unbedingt etwas anfangen kann, sollte sich einmal mit "Ubik" beschäftigen - in meinen Augen ein Muss für jedes Bücherregal. (of)

Dick, Philip K.
"Die Welten des Philip K. Dick"
  9/10 Punkte
Copyright: siehe unten
Verlag: Bastei
Erschienen: 1985
Übersetzer: verschiedene
Form: Taschenbuch
Umfang: 757 Seiten + Nachwort
ISBN: 3-404-24075-78
Preis: DM 12,00

Dieser Sammelband beinhaltet:
1. "Die seltsame Welt des Mr. Jones" (Org.: "The World Jones made") ©1956
2. "Und die Erde steht still" (Org.: "Eye in the Sky") ©1957
3. "Die rebellischen Roboter" (Org.: "We can build you") ©1977
4. "Die Invasoren von Ganymed" (Org.: "The Ganymed Takeover") ©1976

... sind düster, bedrohlich und schwer zugänglich. Wenn man jedoch einmal in diese Alpträume eingedrungen ist, lassen sie einen nicht mehr los. So auch die Romane, die hier in einem Band zusammengefasst wurden. Die Stücke stammen aus unterschiedlichen Schaffensphasen des Autors, haben aber bei allen Unterschieden in der Wahl des Topos immer eines gemein: Sie entpuppen sich als Abgründe - egal ob sie in der Innenwelt, also der Seele eines Menschen spielen, oder in der Welt der nahen Zukunft. Immer sind es paranoide, vom Wahn gezeichnete Szenarien. Dick lässt zum Beispiel seine Protagonisten durch einen bizarren Unfall in die Vorstellung eines alten Mannes fallen. Diese Welt ist eine skurrile Persiflage auf die Welt des alten Testaments, mit einem kindisch-rachsüchtigen Gott namens Tetragrammaton, der Flüche damit bestraft, daß er Heuschrecken regnen lässt. Maschinen sind für diesen alten Knacker ebenfalls Wunder, weil er keine Ahnung von Technik hat, deshalb wird das gewünschte ex nihilo erschaffen. Die Menschen, die diese Welt bevölkern, werden ebenfalls dieser Weltsicht angepasst - dämliche blonde Bordsteinschwalben, verschlagene Ausländer usw. Aber selbst diese Welt ist harmlos verglichen mit denen, die noch kommen sollen - die Welt einer dicken Matrone, die alles was nicht in ihre Häkeldeckchenidylle passt eliminiert, z. B. Geschlechtsorgane, Vögel, Autos ... So stolpern die Protagonisten durch ihre eigenen Seelen und jeder der Durchschnittsbürger hat ein tieferes Loch hinter seiner Fassade als sein Vorgänger. In dem zweiten Roman stellt Dick die Frage nach der Menschlichkeit: "We can build you" arbeitet mit dem selben Androidentopos wie Blade Runner. Nach meinem dafürhalten eher langweilig! Besser gelöst wurde das in "Die seltsame Welt des Mr. Jones", ein Mensch der Kenntnis über die Zukunft besitzt, aber trotz dieser Gabe nicht mehr menschlich ist. Lediglich der letzte Roman des Bandes: "The Ganymed takover" fällt aus dem Rahmen. Eine klassische Invasionsstory wie in den vielen 50er-Jahre Streifen, in denen böse Außerirdische die Erde erobern. Aber auch diese Story, die Dick zusammen mit einem anderen Autor verfasste, gewinnt trotz des äußerst dämlichen Settings noch einiges an Tiefgang und interessanten Wendungen.

Fazit: Unbedingt antesten! Die Druckfehler machen das Buch zwar zu einem typischen Bastei-Lübbe-Erzeugnis, aber die Qualität der Geschichten sowie das hervorragende Vorwort machen diesen Makel mehr als wett. (cp)