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Letztes Update: 05.06.2004 |
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Egan, Greg "Cybercity" (Org. "Permutation City") |
9/10 Punkte
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Copyright: 1994 Verlag: Bastei-Lübbe |
Erschienen: 1995 Übersetzer: A. Merz und J. Martin |
Form: Taschenbuch Umfang: 429 Seiten |
ISBN: 3-404-24200-9 Preis: DM 12,90 |
Wenn ich eine Ahnung von Computern hätte, würde ich den Roman vielleicht verstehen ... so ähnlich könnte ein Fazit klingen. Im Grunde dreht sich die Story darum, dass ein Visionär namens Paul Durham eine virtuelle Realität schaffen will, in der die sogenannten "Kopien" wirklich sicher, zufrieden und - vor allem - ewig leben, ohne von Systemabstürzen oder böswilligen Administratoren bedroht zu sein. Quasi völlig autark von der Außenwelt. Diese Kopien sind exakte Computersimulationen eines menschlichen Nervensystems. So exakt, dass sie ein eigenes Bewusstsein entwickeln, dass mit dem der Originale identisch ist. Eigentlich schön, da Computerprogramme nicht sterben können. Aber sie können an der wirklichen Welt auch nicht teilhaben. Das ist der Nachteil, den Durham beseitigen will. Er erschafft eine Welt aus virtuellen, sich selbst replizierenden Rechnern, die in ihrer eigenen Dimension existieren und nach dem Start auf herkömmlichen Computern einfach existent sind, ohne mit "unserer" Realität irgendwie korreliert zu sein. Ein sich selbst erhaltender und entwickelnder Gedanke Gottes sozusagen. Dazu hat Durham noch eine Simulation eines vereinfachten "Autversums" erdacht, in dem sich auf einem simulierten Planeten simuliertes Leben entwickeln soll, aber nur aufgrund einfacher Vorgaben und Formeln. Nachdem der Demiurg Durham einmal den Schalter gedrückt hat, weiß keiner wie sich die Sache entwickelt. Dieses virtuelle Leben besitzt seine eigenen virtuellen Gesetze. Davon wird aber auch der Garten Eden der Kopien in Mitleidenschaft gezogen: Die Bewohner dieses "Autoversums" scheinen ihre Götter genausowenig zu mögen wie wir unsere. Zeit für die Götterdämmerung im PC.
Anmerkung: Jetzt wissen wir also, dass wir nach dem Bilde Gottes geschaffen worden sind. Aus einem Gedanken wird ein Programm auf einem Computer. Dieses Programm "denkt" sich selbst weiter bis in alle Ewigkeit, ohne dass es angehalten oder von außen manipuliert werden könnte. Nur die Einzelteile dieser Genesis beeinflussen ihr Universum durch ihren evolutionären Reigen. Wenn man genauer drüber nachdenkt, entspricht die ganze Story bis ins Kleinste der Schöpfung, wie sie sich einige Theologen vorgestellt haben. Ein Gedanke wird Realität; entwickelt Leben, diesen unbegreifbaren Funken; Entwicklung und Fortschritt entsteht und die Geschöpfe stellen sich die Frage nach ihren Schöpfern. Doch die sind keineswegs gütige alte Knacker mit weißem Bart und sonorer Stimme. Die kommen schon eher an das griechische Pantheon heran. Wir sind es selbst. Menschliche Gedanken erschaffen Computer, Computer erschaffen eine neue Realität, die in einer völlig neuen Dimension existiert. Das ist eine Schöpfung. Eine Mythologie unserer Zeitalters. Greg Egan hat das Buch Genesis neu verfasst, dafür gibt's dann doch mal neun Punkte. Für den Zehner sind seine sprachlichen Mittel zu gering ins Gesamtwerk eingebunden. Aber trotzdem ein Klassiker! (cp)
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Egan, Greg "Diaspora" (Org. "Diaspora") |
7/10 Punkte
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Copyright: 1997 Verlag: Heyne |
Erschienen: 2000 (DE) Übersetzer: Bernhard Kempen |
Form: Taschenbuch Umfang: 444 Seiten |
ISBN: 3-453-16181-5 Preis: DM 19,90 |
Wenn sich bei einem Buch die Literaturhinweise auf rein akademische Werke beziehen, das Glossar selbst den mathematisch Geschulten stellenweise schlucken lässt und der Autor auf seiner Homepage sogar versucht, die von ihm entwickelten Ideen zu visualisieren - dann kann man wohl guten Gewissens von Hard-SF in Reinkultur sprechen: Sowohl die Charaktere als auch die eigentliche Handlung treten bei Egan in den Hintergrund, machen Platz für seine Visionen und Gedankenspiele. Dabei lässt er nicht nur alles Körperliche, sondern auch das uns bekannte Universum hinter sich, und nimmt den Leser mit auf eine faszinierende Reise:
Alles beginnt recht friedlich auf der Erde des dritten Jahrtausends, als sich die Menschheit zum größten Teil bereits in unterirdische Großrechner (sogenannte "Poleis") hochgeladen und sich so des lästigen Körpers entledigt hat. Doch eine unerwartete kosmische Katastrophe macht den Polis-Bewohnern plötzlich bewusst, dass auch ihrer neuen Existenzform Grenzen auferlegt sind. Aus ihrer Lethargie gerissen, schicken die "Bürger" Tausende Klone auf den Weg zu den Sternen, um Antworten auf die kosmischen Fragen zu suchen, von denen ihre weitere Existenz abhängt - die Diaspora beginnt.
Wie schon erwähnt, konzentriert sich Egan voll und ganz auf die Entwicklung seiner Ideen. Doch solange diese gut sind (wie im vorliegenden Fall) schadet das dem Lesegenuss kaum - man muss nur Gefallen an der Thematik finden. Zugegeben, stellenweise übertreibt der Autor etwas und sein Stil driftet ins Dozieren ab, doch im Großen und Ganzen überwiegt ein Gefühl der Faszination, über die Art und Weise wie Egan spekulative wissenschaftliche Theorien in die Wirklichkeit überträgt und mit ihnen experimentiert: angefangen von der Bewusstwerdung eines Bürgers bis hin zu dem Leben in der sechsdimensionalen Raumzeit. Ich kann mir vorstellen, dass "Diaspora" nicht für jedermann geeignet ist, aber wer sich von der Rezension angesprochen fühlt, sollte unbedingt mal einen Blick hinein werfen (und sich nicht wundern, wenn er nicht alles versteht). (of)
Weiterführender Link: Die Webseite des Autors
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Egan, Greg "Qual" (Org. "Distress") |
8/10 Punkte
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Copyright: 1995 Verlag: Heyne |
Erschienen: 1999 Übersetzer: Bernhard Kempen |
Form: Taschenbuch Umfang: 557 Seiten |
ISBN: 3-453-15643-9 Preis: DM 16,90 |
In der Mitte des nächsten Jahrhunderts werden wir Gewissheit haben: Es gibt keinen Thron im Himmel. Kein mystischer Schöpfer, der unser aller Geschicke lenkt. Es gibt nur uns. Die Gentechnologie ist soweit fortgeschritten, dass Geschlechtsunterscheidungen, Rassen und somit Nationalität und Ideologie frei wählbar sind. Lediglich der Kampf gegen die Wissenschaft trägt religiöse Züge. Dieser Fanatismus ist begründet, wenn doch reichen Leuten die Möglichkeit offensteht, ihren Organismus völlig von der Umwelt autark zu machen. Das bedeutet, sie können alte Autoreifen essen, mit Stoffen hantieren und Gase einatmen, die normale Menschen umbringen würden. Außerdem sind sie völlig immun gegen Viren und Bakterien, weil ihre DNA auf anderen Basenpaaren aufgebaut wurde. Diese selbsternannte Elite würde gern die restliche Menschheit auslöschen und eine neue Welt mit den von ihnen Auserwählten aufbauen.
Allerdings geht von solchen Spinnern weniger Gefahr aus, als von einer netten Physikerin, Mitte 40, die sich hauptsächlich damit befasst, mathematische Theorien miteinander in Einklang zu bringen um eine sogenannte "Universaltheorie" zu formulieren. Diese UT soll alle bisher aufgestellten Hypothesen, die einzelne Phänomene erklären, widerspruchsfrei zu einem riesigen mathematischen Modell des Universums machen. Allerdings glauben einige Fanatiker, dass durch die Formulierung einer solchen UT das Universum erst geschaffen wird. Also versuchen sie, alle zu töten, die das Universum nicht in ihrem Sinne formulieren. Außerdem sind einige Biotech-Konzerne daran interessiert, die Insel im Pazifik, auf der diese UT erstmals veröffentlicht werden soll, völlig zu vernichten, denn sie wurde durch gestohlene Gen-Patente erbaut. Auf dieser Insel hat sich eine völlig regierungsfreie Gesellschaft etabliert, die natürlich allen Mächten der Welt ein Dorn im Auge ist, beweist deren Existenz doch, das die Abwesenheit von Hierarchie nicht automatisch zu Chaos führt. Und mittendrin ist ein Wissenschaftsjournalist, der sich eigentlich einen möglichst ruhigen Auftrag aussuchen wollte, hat ihn doch seine vorherige Dokumentation über die Ausartungen der modernen Technik psychisch arg gebeutelt ...
Anmerkung: Eine schöne neue Welt wird uns da verheißen, aber mal ehrlich: Wer glaubt denn, daß die Gentechnik eine saubere Technik ist, die keinerlei "Nebenwirkungen" hat, solange sie nicht missbraucht wird? Die Atomkraft wurde vor 30 Jahren ähnlich dargestellt und selbst wenn man ihren Missbrauch in Form von Atombomben außer acht lässt, ist Kernenergie keineswegs sauber. Vielmehr stellt der radioaktive Abfall ein genauso ernstes Problem dar, wie die Luftverschmutzung durch die erste industrielle Revolution. Genauso wird auch die Gentechnologie neue Probleme schaffen. Das Utopia, das am Anfang jeder neuen Technik herbeigesehnt wird, lässt Greg Egan im Pazifik entstehen. Eine künstliche Insel, eine perfekte Gesellschaft, umzingelt und angefeindet von unserer verdorbenen Welt. Dieses Buch verdient Aufmerksamkeit. Egan stellt seine Vision dar, wortreich und hervorragend gestaltet. Zum Happy End kann sich dann wieder jeder seine eigene Meinung bilden.
Ich kann dieses Buch wärmstens empfehlen. Endlich mal wieder Literatur, die diese Bezeichnung verdient, dabei aber nie so hochgestochen daherkommt, dass die Spannung oder der Unterhaltungswert flöten geht. (cp)
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Eschbach, Andreas "Die Haarteppichknüpfer" |
8/10 Punkte
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Copyright: 1995 Verlag: Heyne |
Erschienen: Januar 1998 Übersetzer: n.a. |
Form: Taschenbuch Umfang: 324 Seiten |
ISBN: 3-453-13318-8 Preis: DM 12,90 |
Das Buch schildert anfangs die Zustände auf einem Planeten in einer nicht näher bestimmten Zukunft: Die am höchsten angesehe Kaste ist die der "Haarteppichknüpfer", einer Art Weber, die aus dem Haar ihrer Frauen und Töchter einen Teppich weben; und das mit solch einer Kunstfertigkeit und Knotendichte, daß an deren Lebensende gerademal ein Teppich vollendet ist, mit dessen Verkauf das Überleben der Familie wieder für eine Generation gesichert ist. Der Käufer aller Teppiche des Planeten ist der Kaiser, gottgleich und unsterblich, für dessen Palast die unbezahlbaren Kunstgegenstände bestimmt sind.
Die Perspektive wechselt, und plötzlich findet sich der Leser im Orbit des Planeten wieder. Dort befindet sich ein Expeditionsraumschiff, das in diesen bisher unbekannten Sektor der Galaxie vorgedrungen ist und dessen Pilot nun beschließt auf dem Planeten zu landen um mehr Informationen zu sammeln. Kurz nach seiner Ankunft wird er jedoch gefangen genommen, denn er verbreitet die "ketzerische" Nachricht, der Kaiser sei schon seit langem gestürzt und die Rebellen hätten die Menschen von ihrem Joch befreit. Dies paßt natürlich überhaupt nicht ins Weltbild der Einheimischen, denn für die Festigung der Macht des Kaisers sorgen planetenweit umherwandernde Priester ... doch vor seinem Verschwinden kann der Pilot noch eine Mitteilung über die Haarteppiche an sein Schiff schicken. Nach einiger Zeit wird die Suche nach ihm aufgegeben und die Sache mit den Teppichen wäre nur eine Kuriosität geblieben, wenn nicht Hunderte anderer Planeten entdeckt worden wären, auf denen das gleiche faszinierende Handwerk weit verbreitet ist. Doch in dem Palast des Kaisers - der in der Tat gestürzt wurde - wird kein einziger dieser Teppiche gefunden und immer noch holen Schiffe die fertiggestellten Produkte ab. Was also geschieht mit den Teppichen? Die Antwort wird am Ende des Buches offenbart, doch bis dahin erfährt man noch viel mehr Hintergründe: die Geschehnisse, die zum Sturz des Kaisers führten, genauso wie Einblicke in die Kultur des Planeten ... und immer wieder nimmt die Handlung überraschende Wendungen.
Urteil: Mit seinem Erstlingswerk zeigt Eschbach, daß die deutsche SF nicht tot ist. Die von ihm entworfene Welt ist ebenso äußerst ergreifend wie fremdartig, und das ohne irgendwelche spektakulären Action-Einlagen oder Superaliens. Durch andauernde Sprünge in Erzählperspektive sowie Zeitlinie weiß der Autor den Leser bis zum Ende zu fesseln, bis schließlich die vielen Mosaike ein großes Bild ergeben ... auch wenn die Auflösung und einige andere Aspekte vielleicht mehr mit Fantasy als mit Science Fiction zu tun haben. Alles in allem wirklich empfehlenswert, besonders weil sich die Story erfrischend vom Durchschnitt abhebt. (of)
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Eschbach, Andreas "Jesus Video" |
6/10 Punkte
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Copyright: 1998 Verlag: Schneekluth |
Erschienen: 1998 (OA) Übersetzer: n.a. |
Form: Hardcover Umfang: 606 Seiten |
ISBN: 3-7951-1625-2 Preis: DM 44,00 |
Bei einer Ausgrabung in Israel wird das Skelett eines Zeitreisenden gefunden. Ein Mensch, der in unserer Zeit gelebt hat und in Israel zu Jesus' Zeit gestorben ist. In seinem Grab wird die Bedienungsanleitung einer Videokamera und ein Brief gefunden, in dem steht, dass er Jesus aufgenommen hat. Ein Wettlauf um die Kamera beginnt. John Kaun, ein Medientycoon, will unbedingt das Geschäft seines Lebens machen und den Film an die Kirche verkaufen. Die Kirche hat ein lebhaftes Interesse daran, die Aufnahme zu bekommen, wird sie doch, gleichgültig was sie zeigt, dem Mythos Jesus, der über 2000 Jahre aufgebaut wurde, vernichten, wenn die Welt sieht was oder wer dieser Mann war. Ein Mitglied des Ausgrabungsteams, Stephen Foxx, ein klassischer Self-Made-Man, will Kaun zuvorkommen und den Film der Menschheit zugänglich machen. Schon breitet sich ein Plot aus, wie er schöner und spannungsreicher in keinem Indiana-Jones-Film verbraten wurde. Diese archäologische Schnitzeljagd führt uns an Schauplätze wie aus einem dieser Spielberg-Filme: Ein von der Außenwelt abgeschnittenes Kloster mitten in Palästina, in dem Mönche die Kamera seit Jahrtausenden bewahren, finstere Schergen des Vatikans, die Christus im Mund und eine Uzi in der Hand führen, Bibliotheken und Verfolgungsjagden. Jeder versucht mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln der Erste in diesem Spiel zu werden. Und tatsächlich, am Ende hat niemand was er gerne hätte, oder werden doch alle Wünsche erfüllt?
Kaun findet Frieden, Foxx entdeckt, daß das Leben mehr ist, als immer nur der Erste sein zu müssen und die Kirche behält ihre Machtposition. Macht es da etwas aus, wer der Mann auf den Videobildern ist? Für die einen verkündet er die frohe Botschaft, den anderen geht es am Arsch vorbei. So bleibt es für die Menschen des Videozeitalters und die Menschen der Antike ein und dasselbe. Wer sucht der findet, wer nichts sucht, wird auch nichts finden. Wen kümmern Beweise, wenn es um Glaube geht, und die Wirkung die er auf das Seelenleben jedes einzelnen hat? Jesus, Buddah, Wissenschaft, Ufos, Elvis ... letztlich läuft alles auf ein Zitat vom alten Fritz hinaus: "auf dass ein jeder nach seiner Fasson selig werde". (cp)