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Letztes Update: 05.06.2004 |
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Sagan, Carl "Contact" (Dt. "Contact") |
8/10 Punkte
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Copyright: 1985 Verlag: Legend |
Erschienen: 1988 Übersetzer: n.a. |
Form: Taschenbuch Umfang: 431 Seiten |
ISBN: 0-09-946950-2 Preis: 5,99 |
Carl Sagan, normalerweise eher bekannt für seine populärwissenschaftlichen Bücher über das Universum (eines wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet), versucht sich hier erstmals im Fiktions-Genre. So erstaunt es nicht, dass das Buch niemals ins Triviale abgleitet, sondern immer auf einer wissenschaftlichen, wenn auch spekulativen, Basis aufbaut. Sagan konsultierte sogar einen befreundeten Physiker, um ihn nach einer Möglichkeit für überlichtschnellen interstellaren Flug zu befragen. Diese in seinen Buch erstmals vorgestellte Spekulation (die auf der Reise durch Wurmlöcher basiert) ist mittlerweile zu einer in Physikerkreisen heiß diskutierten Theorie geworden.
Das Buch schildert anfangs die Kindheit eines recht ungewöhnlichen Mädchens, das alles besitzt, was einen guten Wissenschaftler auszeichnet: Intelligenz, Intuition und Neugierde. Sie erkämpft sich ihren Weg allen Vorurteilen zum Trotz und wird nach einem Physikstudium und einigen Jahren Praxis zur Leiterin des ersten Projekts, das sich mit der Suche nach extraterrestrischer Intelligenz (SETI - Sagan steht übrigens auch in engem Kontakt zu der wirklichen SETI-Gemeinde) beschäftigt.
Nach einigen Jahren erfolgloser Suche, als das Projekt Argus (so der Name des in der Wüste New Mexikos gelegenen Radioteleskops) schon kurz vor dem Scheitern steht, werden plötzlich Signale aufgefangen. Was zuerst nur wie eine Reihe Primzahlen aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als die Übermittlung der ersten im großen Stil durchgeführten terrestrischen Fernsehausstrahlung: der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936. Doch der Ursprung liegt nicht auf der Erde, vielmehr in einem 26 Lichtjahre entfernten Punkt im System Vega. Die Analysen der Spezialisten ergeben, daß unter der Oberfläche noch mehr in der Nachricht verborgen ist, eine Mitteilung, die den Weg zu den Sternen öffnet ...
In diesen Plot flechtet Sagan die wahrscheinlich unvermeidlichen emotionalen Elemente wie Familienprobleme, Beziehungen usw., die allerdings glücklicherweise stark an den Rand gedrängt werden. Auch die Tatsache, daß der Autor versucht, dem Leser ein paar wissenschaftliche Grundlagen zu vermitteln sind teilweise etwas nervig; vor allem anfangs, wenn er, meist in Dialogen, definiert, was beispielsweise Primzahlen sind. Später jedoch, wenn er die Funktionsweise des instellaren Flugs beschreibt, erweisen sich diese "Belehrungen" als faszinierend, vor allem wenn man sich vor Augen hält, daß alles im Rahmen des (theoretisch) möglichen ist. Einer der Themen, die Sagan scheinbar am Herzen lagen, ist die Konfrontation von Wissenschaft und Religion. Die Argumente beider Seiten ziehen sich durch das ganze Buch und am Ende wird die Frage nach einem Gott beantwortet ... scheinbar.
Urteil: Sicher kein Buch für Liebhaber der seichten Unterhaltung, aber auch keine Hard-SF. Sagan versucht die Materie auch demjenigen nahezubringen, der noch nie etwas von Pulsaren, Radioteleskopen und Rotlichtverschiebung gehört hat. Auch wenn mir persönlich die "Auflösung" nicht sonderlich gefiel, muß ich doch eingestehen, daß es die einzige Möglichkeit war, dem Buch ein Ende zu geben. Alles in allem ein wirklich empfehlenswertes Buch. (of)
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Setzepfandt, Bernd "Carmens Geheimnis" |
3/10 Punkte
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Copyright: 2000 Verlag: Libri Books on Demand |
Erschienen: 2000 (OA) Übersetzer: n.a. |
Form: Taschenbuch Umfang: 291 Seiten |
ISBN: 3-89811-240-3 Preis: DM 24,90 |
Wer sich als Hobby-Autor in der Vergangenheit den Traum vom eigenen Buch erfüllen wollte, ging zumeist ein nicht unbedeutendes finanzielles Risiko ein und hatte anschließend noch das Problem der Vermarktung. Genau hier setzt Libris "Books on Demand"-Idee an, bei der Bücher erst nach der Bestellung gedruckt werden und so ein kostspieliger Angebotsüberschuss vermieden wird. Die Qualität des verwendeten Digitaldruckverfahrens ist zwar noch verbesserungsfähig (vor allem was das Cover und die Bindung angeht), aber davon abgesehen bietet sich hier eine Möglichkeit, auf die viele Autoren sicherlich lange gewartet haben.
So auch Bernd Setzepfandt, der mit "Carmens Geheimnis" seinen ersten Roman präsentiert. Es ist eigentlich keine klassische Science Fiction, sondern wendet sich eher an den Mainstream-Leser, der sich auch für eine ungewöhnliche Handlung begeistern kann: So beginnt die Geschichte mit einer Fahrt zweier Freunde an die Nordsee, schlägt dann aber in eine mehr oder minder spannende Action-Story um, die die beiden "Helden" Peter und Karl auf den Grund eines Sees und schließlich sogar in die Weiten des Alls verschlägt. Zuerst auf der Jagd nach der entführten Carmen (der geheimnisvollen Chat-Freundin Peters), befinden sie sich später auf der Flucht vor einer "Weltraum-Mafia", gegen die sie am Ende den aktiven Widerstand beginnen.
Der anspruchsvolle SF-Leser wird an "Carmen" wohl kaum gefallen finden, dazu mangelt es einfach an einer entsprechenden Handlung und zumindest einem Anflug von Tiefgang - Setzepfandt beschränkt sich auf das rein Triviale, sogar als sich ihm mit dem titelgebenden Geheimnis Carmens die Chance zu mehr bietet. Wer jedoch auf der Suche nach bloßer Unterhaltung ist, kann ja mal auf der Webseite des Autors vorbei schauen und sich die Leseproben zu Gemüte führen - es ist übrigens als preiswertere Alternative auch ein Download als eBook möglich. Bleibt zu hoffen, dass in einer eventuellen zweiten Auflage zumindest ein Teil der Rechtschreibfehler beseitigt wird, da diese den Lesefluss doch erheblich stören. (of)
Weiterführender Link: Die Webseite des Autors
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Shaw, Bob "Andere Tage, andere Augen" aka "Augen der Vergangenheit" (Org. "Other Days, Other Eyes") |
6/10 Punkte
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Copyright: 1972 Verlag: Heyne |
Erschienen: 1996 (NÜ) Übersetzer: Irene Bonhorst |
Form: Hardcoverchen Umfang: 236 Seiten |
ISBN: 3-453-10941-4 Preis: DM 14,90 |
Was zunächst nur ein kurioser Nebeneffekt war, der einige Verkehrsunfälle und den Absturz eines Testflugzeuges verursachte, wird zu einer Revolution, die die Welt ähnlich grundlegend verändert wie die Erfindung der Dampfmaschine. Die Rede ist von sogenanntem Langsamglas, Retardit genannt, das die Fähigkeit besitzt, Licht zu verlangsamen. Lichtstrahlen, die auf diese Kristalle treffen, brauchen, je nach Typ des Retardits zwischen Sekundenbruchteilen bis hin zu einigen Jahren, um es zu durchqueren. Ihren Erfinder machen diese Retardit-Scheiben zu einem schwerreichen, doch unglücklichen Mann, denn bei dem Versuch, die Emission des Lichts zu beschleunigen, um die gespeicherten Bilder früher abzurufen, kommt es zu einem Blitz, der seiner Frau das Augenlicht nimmt. Da wird zum erstenmal deutlich, dass Retardit mehr kann, als nur Fenster mit Meerblick in die Großstadt zu bringen. Ärzten gelingt es, Retardit-Linsen anzufertigen, die eingefangenes Licht unter Umgehung der Netzhaut mit 24-stündiger Verspätung sichtbar zu machen. Das heißt, ein Mensch "lädt" die Linsen einen Tag lang auf, dann werden sie eingesetzt und geben ihre Bilder frei. Verkehrsbeleuchtung, Spionagetechnik, Verbrechensbekämpfung, bald ist Retardit nicht mehr wegzudenken aus der Welt. Der Nachteil ist, dass man quasi ständig unter Beobachtung lebt. "Big Brother" weltweit ...
Anmerkung: In der "High 8000"-Serie erschienen, ist dieses schmale Bändchen zunächst ein Totalausfall. Das steigert sich aber im Lauf der Geschichte doch noch zu einem sehr dramatischen Finale, das eigentlich in der Dramaturgie an eine Short Story erinnert. Zunächst fand ich das Setting der Geschichte todlangweilig, was soll schon so toll an einer Glassorte sein, durch die man sehen kann, welches Nachbarskind einem mal wieder einen Klingelstreich gespielt hat? Aber was der Autor für eine Breite der Anwendungen gefunden hat, nötigt einem Respekt ab. Auch die langweiligen Eheprobleme des Protagonisten, erhalten durch eine simple Erfindung eine ungeahnte Brisanz, ganz zu schweigen von dem wahrhaft apokalyptischen Ende, in dem der eigentliche Alptraum totaler Überwachung erst beginnt. (Vor allem, wenn man bedenkt, dass dieser Roman vor über 20 Jahren geschrieben wurde!) Fazit: Auch dieser 8000er-Band ist lesenswert. (cp)
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Copyright: 1975 Verlag: rororo |
Erschienen: 1977/78 Übersetzer: Udo Breger |
Form: Taschenbuch Umfang: zusammen 859 Seiten |
ISBN: 3-499-14577-4, 3-499-14696-7, 3-499-14772-6 Preis: je DM 12,99 |
Diese Romantrilogie dreht sich um eine mächtige Untergrundorganisation, deren Ziel es ist, die Menschheit auf ewig in einer Spirale aus Obrigkeitshörigkeit und blindem Fortschrittsglauben gefangenzuhalten. Dagegen kämpfen mehrere, mindestens ebenso geheime Organisationen an, die nach geistiger Weiterentwicklung streben und von einem Ex- Anarchisten gesteuert werden, der seine Operationen zur Vernichtung jeglicher autoritärer und staatlicher Strukturen von einem riesigen, gelben U-Boot aus leitet, und mit Delphinen, der einzigen wirklich intelligenten Lebensform, zusammenarbeitet. Im Detail spielt der Roman auf ungefähr acht verschiedenen Zeitebenen, die allerdings alle einen gemeinsamen Bezugspunkt besitzen, nämlich ein Open-Air Festival bei Ingolstadt, wo alle Handlungsstränge zusammenlaufen und die vorherigen, unklaren Handlungen aufgeklärt werden. Auf einer der Hauptebenen befindet sich die Welt an dem Rand eines Atomkrieges, da auf einer völlig unbedeutenden Atlantikinsel ein Staatsstreich eines geldgeilen Offiziers über die Bühne ging, für den die Amerikaner den Russen die Schuld geben und deren Abzug fordern. Dies kann allerdings nicht geschehen, da kein einziger russischer Soldat auf der Insel stationiert ist. Die Engländer sind um Aufklärung bemüht und schicken ihren Topagenten 00005 (Deckname: Fission Chips), der leider völlg paranoid und nur an guten Martinis interessiert ist. Gleichzeitig gelangt nahe Las Vegas die neuste Entwicklung eines biologischen Kampfstoffes, eines Milzbrand-Erregers in die Aussenwelt, während die Führungsspitze der Nazis, Hitler und Goebbels, die den Krieg überlebten und sich 50 Jahre lang versteckten, mittels einer in Stasis versetzten SS-Division die Besucher des Rockfestivals zu töten versuchen. Dies zu verhindern ist das Hauptziel der Untergrund-Anarchisten. Verfolgt werden sie dabei von zwei Streifenpolizisten aus New York, die durch einen Bombenanschlag auf die Spur der Machenschaften der Illuminaten und deren Gegner gekommen sind. Zwischenzeitlich bringen die Autoren einige historische Begebenheiten, wie den Kennedy-Mord, die Überfälle John Dillingers, etc in Bezug zu den Illuminaten, die tatsächlich am Ende des 18. Jahrhunderts als Splittergruppe einer Freimaurerloge existierten (und in Ingolstadt gegründet wurden), von Wilson und Shea aber als Medium für eine zynische Parodie auf die Gesellschaft der Gegenwart benutzt werden. Des weiteren wird Bezug genommen auf so ziemlich jede ausgeflippte Idee die im 20. Jahrhundert publiziert wurde, sei es LSD in der Trinkwasserversorgung , um alle Menschen glücklicher zu machen, bis hin zu nebulösen Anspielungen auf Lovecrafts "At the mountains of madness", in dem angeblich die Wahrheit über die Herkunft der Illuminaten stehe. Ausserdem wird die Zahlenmystik und esoterische Theorien bis ins Absurde getrieben und treffend parodiert.
Urteil: "In einer visionären Vermischung von Erzähltechnik des Science-Fiction-Romans, des Politthrillers und des modernen Märchens jagen die Autoren den staunenden, erschrockenen und lachenden Leser durch die jahrhundertelange Geschichte von Verschwörungen, Sekten, Schwarzen Messen, Sex und Drogen." (Klappentext,rororo-Verlag) So könnte man es ausdrücken; die Bücher sind allerdings noch viel durchgeknallter, als es hier erscheint. Man hat wirklich den Eindruck, daß die beiden Autoren zuviel Acid erwischt haben - was soll's, es ist einfach genial, witzig und gar nicht mal anspruchslos. (cp)
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Simmons, Dan Hyperion-Zyklus 1/4 - "Hyperion" (Org. "Hyperion") |
8/10 Punkte
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Copyright: 1989 Verlag: Heyne |
Erschienen: Dezember 1997 Übersetzer: Joachim Körber |
Form: Hardcoverchen Umfang: 686 Seiten |
ISBN: 3-453-13304-8 Preis: DM 19,90 |
| Hugo Award 1990 |
Nachdem die Kritiken zu Simmons' Werk durchweg positiv und die Wertungen ausgesprochen hoch ausfielen, ging ich mit großen Erwartungen an dieses Werk. Doch sowohl Cover als auch Klappentext dämpften meine Euphorie, denn diese vermittelten eher den Eindruck eines trivialen "Hilflose Menschen kämpfen gegen schreckliches Monster"-Buchs, das nur durch die Beschreibung von Gewalt zu unterhalten weiß.
Doch beim Lesen wird schnell klar, daß dem nicht so ist. Denn im Vordergrund stehen die sieben Protagonisten, die zu einer letzten Pilgerfahrt nach Hyperion aufbrechen, um dort eines der letzten ungelösten Geheimnisse des Universums zu lüften: die Zeitgräber, die sich scheinbar aus der Zukunft kommend rückwärts in der Zeit bewegen. Umgeben von einem "Anti-Entropiefeld", daß zuweilen starke Störungen in der Zeitlinie hervorrufen kann, dient es zugleich als Gefängnis für das Shrike. Dieses legendäre Dornenwesen - gefürchtet von den meisten, angebetet von seinen Jüngern - besitzt Kontrolle über die Zeit, und kann so in sekundenschnelle Armeen abmetzeln. Und eben diese Felder, die als einziges ein planetenweites Massaker verhindern, beginnen sich seit einiger Zeit aufzulösen und drohen bald vollkommen zu verfallen.
Die Wichtigkeit der Pilgerfahrt ergibt sich auch aus einer weiteren Tatsache: Vor langer Zeit, als die Erde durch den "Großen Fehler" zerstört wurde und die Menschen sich auf viele entlegene Planeten, die nur aufgrund der sie verbindenden "Farcaster" ein Netz bilden, zerstreut haben, hat sich ein kleiner Teil, die sogenannten "Ousters", vom Rest losgesagt und die Reise in unbekannte Teile der Galaxie angetreten. Diese Ousters planen nun eine Offensive gegen das "Netz", und der Planet, den sie zuerst in ihre Gewalt bringen wollen, ist Hyperion. Denn falls sie das Geheimnis der Zeitgräber lösen können, kann sich ihnen nichts mehr in den Weg stellen.
Doch all dies dient nur als Hintergrund, denn eigentlich passiert im Laufe des Buches nicht viel. Die sieben Pilger treffen sich, treten ihre Reise zu den Zeitgräbern an und erreichen es. Wenn sich jetzt jemand vermutet, daß sie viele Abenteuer auf ihrem Weg zu bestehen haben, liegt leider falsch, denn außer daß der "Tempelritter" - einer der Pilger und Kapitän des Schiffs, das sie nach Hyperion brachte - verschwindet, ereignet sich nicht viel. Die Funktion der Reise liegt vielmehr darin, den Protagonisten genug Zeit zu geben, um sich gegenseitig ihre Lebensläufe zu erzählen. Sie erhoffen so herauszufinden, warum gerade sie auserwählt wurden und wie sie das Shrike im Ernstfall besiegen können.
So wie auch die Charaktere sind auch deren Geschichten von grundlegend unterschiedlicher Thematik und Struktur: Da gibt es den Geistlichen, der bei der Suche nach einem auf Hyperion verschollenen Priester eine unglaubliche, mit dem Menschen symbotisch verschmelzende Lebensform entdeckt; den Soldaten, der sich bei seinen Kampfsimulationen in ein vermeintliches Konstrukt der Matrix verliebt und es dann nach einem Absturz auf Hyperion in persona trifft; der Dichter, der nach einigen, ihm gewissermaßen aufgezwungenen, Bestseller-Romanen erkennt, daß ihn seine einstige Muse verlassen hat, und der auf der Suche nach ihr in die "Stadt der Dichter" auf Hyperion reist; der Gelehrte, dessen Tochter bei den Zeitgräbern einen Unfall erleidet, und seitdem stetig jünger wird; die Detektivin, die von einer KI beauftragt wird, die Lücke in ihrem Gedächtnis zu füllen; sowie den Politiker, dessen Geschichte den Lauf des Geschichte am meisten beeinflusste.
All diese Geschichten decken langsam aber sicher die Hintergründe auf, die Dinge, die unter der Oberfläche des "Netzes" geschehen: sei es das Technocore, eine Verenigung von KIs, die die Geschicke der Menschheit in Wirklichkeit leitet, oder seien es nur die geheimen Hoffnungen und Ängste, die die verschiedenen Parteien mit Hyperion verbinden.
Das Ganze bleibt jedoch äußerst unterhaltsam und der häufige Wechsel in Stil und Inhalt sorgt für einen Erhalt der Leselust: ob Action, Thriller, Lyrik, Sex oder Politik ... für jeden sollte etwas dabei sein. Und obwohl beispielsweise bei den Farcaster nicht einmal der Versuch unternommen wird, eine Erklärung der Funktionsweise zu liefern (Frei nach dem Motto: Kein Mensch weiß, wie sie funktionieren ... Hauptsache sie tun es), merkt man, daß Simmons sich bemüht, wenigstens einigermaßen realistisch zu bleiben.
Urteil: Wirklich gute Unterhaltung, die jedoch wahrscheinlich nur das Fundament für den Fortsetzungsband "Der Sturz von Hyperion" erzeugen soll. Ohne Fortsetzung wäre dieses Buch jedenfalls ziemlich unbefriedigend, da es gerade in dem Moment endet, als die finale Konfrontation der Pilger mit dem Shrike bevorsteht. (of)
Wichtig: Der ersten Auflage dieser Ausgabe fehlen die zwei letzten Seiten des Epilogs. Sollte also als Druckdatum im Impressum Dezember 1997 angegeben sein, sollte vom Kauf abgesehen werden und stattdessen eine neue Ausgabe bestellt werden.
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Simmons, Dan Hyperion-Zyklus 2/4 - "Der Sturz von Hyperion" aka "Das Ende von Hyperion" (Org. "The Fall of Hyperion") |
8/10 Punkte
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Copyright: 1990 Verlag: Heyne |
Erschienen: April 1999 Übersetzer: Joachim Körber |
Form: Hardcoverchen Umfang: 779 Seiten |
ISBN: 3-453-15639-0 Preis: DM 29,90 |
Während man am Ende von "Hyperion" ja quasi auf dem Höhepunkt allein gelassen wurde, schließt Simmons nun mit seiner Fortsetzung direkt daran an und entwickelt ein Werk epischen Ausmaßes: im Nachhinein ist "Hyperion" nicht mehr als ein Prolog, in dem der Autor den Hintergrund für die weitere Handlung beschreibt und dem Leser ein präzises Bild der Protagonisten vermittelt. Darauf baut er nun auf, konzentriert sich auf Nebencharaktere und gibt dem Geschehen eine komplett neue Dimension.
Durch einen Kunstgriff - ein weiterer Cybrid mit der rekonstruierten Persönlichkeit John Keats' fungiert als Berater von Präsidentin Gladstone und "träumt" die Erlebnisse der Pilger auf Hyperion - gelingt es Simmons, sich neben den Geschehnissen rund um das Shrike auch auf die mittlerweile akut gewordene Gefahr durch die Ousters zu konzentrieren, die nicht nur Hyperion sondern scheinbar das ganze Netz angreifen wollen. Gladstone sieht in diesem Krieg, der totales Chaos und wahrscheinlich ein Zusammenbruch des Netzes zur Folge haben wird, jedoch noch etwas anderes: die einzige Chance sich der stetigen internen Bedrohung durch die KIs des TechnoCore ein für allemal zu entziehen. Diese kontrollieren alle wichtigen Bereiche des menschlichen Lebens, während gleichzeitig eine Kontrolle durch die Menschheit unmöglich ist - ein permantes Damoklesschwert der Vernichtung schwebt somit über dem gesamten Netz.
Inmitten all dieser Konflikte suchen die Pilger auf Hyperion weiterhin die Konfrontation mit dem Shrike, jeder mit seinen eigenen Hoffnungen und Ängsten, während der eigentliche Zweck ihrer Reise weiterhin im Dunkeln bleibt. Aber eines steht fest: die Zeitgräber öffnen sich ...
Urteil: Auch wenn Simmons mit seiner Hommage an den Dichter John Keats etwas übertreibt (neben dem Titel des Buchs und dem Thema der Handlung - im Original der Sturz der Titanen durch die Olympier - natürlich auch der Cybrid mit seinen Gedicht-Rezitationen, der den Tode Keats' am eigenen Leib erlebt) und einige Elemente, wie beispielsweise der Kampf der Höchsten Intelligenzen, recht mystisch anmuten, wird der Lesespaß dadurch kaum gemindert. Durch die vielen parallelen Handlungsstränge werden kleine Längen schnell überbrückt und der Spannungsbogen wird - zumindest im ersten und letzten Drittel - über große Strecken aufrecht erhalten.
Zusammen mit "Hyperion" entsteht so eine passgenaue Einheit, die am Ende genügend Antworten liefert, um beim Leser ein befriedigtes Gefühl zu hinterlassen, gleichzeitig aber auch reichlich offene Fragen im Raum stehen bleiben, so daß eine Fortsetzung ("Endymion") noch angebracht erscheint. (of)
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Simmons, Dan Hyperion-Zyklus 3/4 - "Endymion: Pforten der Zeit" (Org. "Endymion") |
7/10 Punkte
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Copyright: 1995 Verlag: Goldmann |
Erschienen: November 1997 (DE) Übersetzer: Joachim Körber |
Form: Paperback Umfang: 670 Seiten |
ISBN: 3-442-43351-7 Preis: DM 28,00 |
Rund 250 Jahre nach dem "Sturz von Hyperion" hat sich die menschliche Gesellschaft radikal verändert: durch den Wegfall des Farcasternetzes und die dadurch ausgelösten Katastrophen erstarkte die jahrhundertelang in der Versenkung verschwundene katholische Kirche. Gleichzeitig Religion, Regierung und Militär bildet der "Pax" auf den meisten Planeten die alleinige Machtinstanz, denn nur die Kirche besitzt das Geheimnis der Unsterblichkeit - die Kruziform. Ein Großteil der Menschheit hat diese "Gabe Gottes" bereits angenommen und sich so der Kirche ausgeliefert.
Nicht so Raul Endymion, der rückblickend von seinen Erlebnissen erzählt: Zusammen mit dem Androiden A. Bettik beschützt er die zwölfjährige Aenea vor den Häschern des Pax, die in ihr eine Bedrohung für das gesamte System sehen - als "Diejenige Die Lehrt" soll sie der Prophezeiung nach in die Geschichte eingehen, dem Pax und den Resten des TechnoCore ein Ende bereiten. So ist es nicht verwunderlich, dass die Kirche sie mit allen Mitteln in ihre Gewalt bringen will; anfangs noch im Weltall verlagert sich die Jagd schnell an die Ufer des legendären Flusses Tethys, dessen Farcaster sich für Aenea und ihre Freunde aktivieren und sie so von einer Welt zur nächsten bringt.
Urteil: Simmons kann nicht ganz an die Qualität der Vorgängerbände anschließen, was zum einen an der Story, zum anderen aber auch an seinem Stil liegt: Vor allem die banale Art und Weise, wie der Autor die wenigen Auftritte des Shrike und seines Gegenspielers schildert, macht keinen sehr guten Eindruck. Der häufige Perspektivwechsel zwischen Jäger und Gejagten hat zwar genauso seinen Reiz wie die Idee der "Auferstehungschristen", doch mit dem Wissen, dass unserem Protagonisten ja ohnehin nichts passieren kann, wird die Reise über den Tethys gegen Ende hin zu einem Geduldspiel (erinnert in diesem Punkt leicht an Tad Williams' "Otherland").
Das abrupte Ende kennt man ja schon von "Hyperion", aber ein paar offene Fragen mehr hätten ruhig geklärt werden können - dem kontinuierlichen Spannungsaufbau folgt ein ernüchternd ruhiges Ende, das zumindest bei mir keinen besonders starken Drang erweckte, gleich mit dem Abschlussband des Cantos ("Endymion: Die Auferstehung") weiterzumachen. Ein Einstieg in den Zyklus ist mit dem vorliegenden Buch ohne Probleme möglich, die ersten beiden Bände sind aber bedeutend besser und lassen kaum zu wünschen übrig. (of)
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Simon, Erik (Hrsg.) "Alexanders langes Leben, Stalins früher Tod" |
7/10 Punkte
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Copyright: 1999 Verlag: Heyne |
Erschienen: 1999 (OA) Übersetzer: Prof. Dr. Gerlach und Erik Simon |
Form: Taschenbuch Umfang: 427 Seiten |
ISBN: 3-453-14912-2 Preis: DM 18,90 |
Das ist nach "Wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte ..." der zweite Band, bei denen sich Leute lediglich mit der Frage "was wäre, wenn..." beschäftigt haben. Ich kann aber Entwarnung geben, diesmal sind es keine abstrusen Gedankengebilde gelangweilter Gelehrter, sondern regelrechte Short Stories von Schriftstellern und Journalisten. Das bedeutet natürlich einen ungleich höheren Lesegenuss, vor allem weil es sich um "ernsthafte" Arbeiten handelt und nicht um Notizen, die, wie im Falle Churchills, eigentlich in den Papierkorb gehört hätten. Die einzigen "nicht-literarischen" Arbeiten stammen im zweiten Band von Toynbee, dem berühmten Historiker, und Titus Livius, die doch beide recht kurzweilig formuliert sind.
Die stilistische Bandbreite ist dennoch wieder sehr hoch. Manche Autoren gaben ihrer Spekulation die Form einer Quelle aus der Parallelwelt, zum Beispiel eine Rede, die in einer hypothetischen DDR gehalten wird, andere nehmen einen alternativen Geschichtsverlauf nur als Setting, um eine Story spinnen zu können. Jeschke geht diesen Weg. Er lässt die Geschichte ab der Renaissance einen veränderten Ablauf nehmen. Die technischen Entdeckungen wurden schneller gemacht, alles ist um die 100 Jahre früher passiert - Napoleon und die Dampfmaschine. Dadurch erhält er eine hypothetische Gegenwartswelt, wie wir sie erst in hundert Jahren haben können. Darin entwickelt er einen Romananfang mit Protagonisten und einer Handlung. Man merkt schon, dass das ganze eher wie ein Trailer für einen Film daherkommt, und genau das ist es auch. Die Alternativhistorie ist nur eine Ausrede, um ein bisschen Werbung für seinen nächsten Roman zu machen. Egal, der scheint recht gut zu werden.
Reiner Quatsch ist dagegen der Essay von Thurber: "Wenn Grant bei Appomatox betrunken gewesen wäre". Hier wird kein alternativer Zeitablauf entwickelt, sondern lediglich ein Ereignis verändert. (Liegt wohl daran, dass es keinen Unterschied gemacht hätte. Grant hat später als Präsident sowieso gesoffen wie ein Loch. Ein interessanteres Thema wäre gewesen: "Wenn Grant sich nicht während seiner Amtszeit zu Tode gesoffen hätte".) Die absoluten Highlights des Buches sind die Beiträge Amerys und die Alternativcharaktere Stalins.
Anmerkung: Diese Anthologie kann man schon guten Gewissens empfehlen. Der Durchschnittsleser möchte schließlich unterhalten werden. Die schlimmsten Macken des ersten Teiles wurden hier ausgemerzt. Für geschichtsinterssierte SciFi-Fans ist diese Buch durchaus ein angenehmer Zeitvertreib. (cp)|
Spinrad, Norman "Bilder um 11" (Org. "Pictures at 11") |
8/10 Punkte
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Copyright: 1994 Verlag: Heyne |
Erschienen: 1997 Übersetzer: Peter Robert |
Form: Hardcoverchen Umfang: 669 Seiten |
ISBN: 3-453-12640-8 Preis: DM 19,90 |
Der Meister des Medienthrillers hat wieder zugeschlagen! KLAX-TV ist ein schäbiger kleiner Lokalsender irgendwo im smogverseuchten Großstadtmoloch L.A. Nachrichtensprecher Toby Inman, Sportredakteur Carl Mendoza, Wetterfee Heather Blake und der Manager Eddie Franker tun mehr oder weniger lustlos ihren Job im Dienst eines Energiekonzerns, dem der Sender gehört. Bis zu jenem Tag an dem Terroristen den Sender besetzen und das Programm übernehmen, um ihre Forderungen an die breite Öffentlichkeit zu tragen. Sie müssen eine Allianz mit der Satellitenbetreiberfirma eingehen, denn nur Einschaltquoten können verhindern, daß die Regierung, die mittlerweile der C.I.A den Fall übertragen hat, den Befehl zum Stürmen des Senders gibt. Ein mehrtägiges, nervenzerfetzendes Pokerspiel beginnt, in dem die Geiseln den Terroristen sogar helfen, denn wenn das Gebäude gestürmt wird, so die Drohung, wird eine Bombe, die mit 1 Kilo Plutoniumstaub versetzt ist, zur Explosion gebracht, und ganz L.A. kontaminiert. Diese Terroristen sind Verzweiflungstäter, die versuchen, um jeden Preis das Bewußtsein der Öffentlichkeit auf die Umweltzerstörung und die drohende Vernichtung der Biosphäre zu lenken. Es gelingt ihnen sogar, einige Forderungen durchzusetzen, sie werden zu Medienstars und Staatsfeinden No.1 gleichermaßen. Doch ihr Anführer beginnt größenwahnsinnig zu werden und stellt unerfüllbare Forderungen. In dieser ausweglosen Situation übernimmt buchstäblich Hollywood das Kommando und verschafft ihnen eine perfekt verfilmbare Lösung, die an Zynismus nicht mehr zu überbieten ist.
Anmerkung: Alles was schon "Champion Jack Barron" zu einem starken Buch machte findet sich hier wieder: der Insiderblick in die Welt der modernen Massenmedien, der an Zynismus grenzende Realismus und die schonungslose Offenheit in der Darstellung. Aber damit läßt sich die Faszination des Romans nur unzureichend erklären: Spinrad schafft das Kunststück Situationen zu schaffen, die gleichzeitig skurril und bedrohlich sind, dabei durch fast drehbuchähnliche Schilderung sehr plastisch wirken. Außerdem steigert sich der Spannungsverlauf in schwindelerregende Höhen, denn spätestens in der ersten Hälfte des Buches denkt man: "Es kann gar nicht mehr weitergehen, die Situation ist völlig verfahren"; doch genau dann tritt eine der zahlreichen, völlig abgedrehte Wendungen ein, bei der jeder der oben genannten Protagonisten mal seinen großen Auftritt hat. Alleine die Implikationen des Romanes sind schon bizarr: Terroristen nehmen die Medien als Geisel, aber im Prinzip werden sie von den Medien als Geisel genommen und müssen ihren Gesetzen gehorchen. Die Allmacht in dieser (Zukunfts?)Vision besitzt die "öffentliche Meinung"- so diffus dieser Terminus erscheint, ist er doch mächtiger als bewaffnete Terroristen oder gewählte Politiker. (cp)
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Spinrad, Norman "Die Bruderschaft des Schmerzes" (Org. "Men in the Jungle") |
6/10 Punkte
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Copyright: 1967 Verlag: Moewig |
Erschienen: 1982 (DE) Übersetzer: Ulrich Kiesow |
Form: Taschenbuch Umfang: 281 Seiten + Nachwort |
ISBN: 3-8118-3574-2 Preis: DM 6,80 |
An der "Bruderschaft des Schmerzes" scheiden sich die Geister. Die einen sehen in ihm eine nihilistische Schilderung der menschlichen Natur, die den Leser durch Schockelemente aufrütteln will, die anderen hingegen fühlen sich von den beschriebenen Perversionen überrannt und wenden sich angeekelt ab. Auf die Diskussion, in wie weit die von Spinrad praktizierten Darstellungen von Sadismus und Kannibalismus nötig oder zumindest vertretbar sind, will ich hier verzichten, aber der Leser sollte auf jeden Fall wissen, was ihn da erwartet.
Beschränkt man sich nämlich auf den eigentlichen Inhalt, reduziert sich der Roman auf einen simplen Plot: Nach dem Verlust seines "Freistaates" befindet sich dessen ehemaliger Präsident Bart Fraden auf der Suche nach einem passenden Planeten für seinen nächsten Umsturz. In dem dünn besiedelten Sangre sieht Bart den idealen Kandidaten, doch bereits kurz nach der Landung erkennt er die wahren Ausmaße der Unterdrückung und Sklaverei. Aus der Ferne noch über das "hohe revolutionäre Potenzial" erfreut, sieht er sich plötzlich mit einer Kaste pseudo-religiöser Perverslinge konfrontiert, die sich menschliche "Fleischtiere" halten und zu ihrer Unterhaltung Massenfoltern veranstalten. Erst als die Bruderschaft ihm jedoch seine eigenen emotionalen Qualen bereitet, lodert Fradens Hass auf - er schwört die Bruderschaft bis auf den letzten Mann auszuradieren und die unterdrückten Massen in die Freiheit zu führen. Doch 300 Jahre Unterdrückung haben ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Anstatt sich Fradens Umsturz anzuschließen, stellt die Bevölkerung die von der Bruderschaft propagierte "natürliche Ordnung" nicht in Frage, so dass Fradens Plan bereits im Keim zu ersticken droht ...
An stilistischen Feinheiten oder sprachlichen Finessen hat der vorliegende Roman erschreckend wenig zu bieten, die kompromisslose Gewaltdarstellung erdrückt alle Versuche einer tiefer gehenden Handlung. Schenkt man dem Nachwort von H. J. Alpers Glauben, schrieb Spinrad "Die Bruderschaft des Schmerzes" unter dem Eindruck des Vietnam-Krieges, was zumindest das gegen Ende kaum zu übersehende Gefühl der Hoffnungslosigkeit erklären würde. Wirklich anfreunden kann ich mich mit Spinrads Umsetzung dieses Themas allerdings nicht, als bedeutend gelungener würde ich in diesem Zusammenhang Brunners "Schafe blicken auf" oder Millers "Logesang auf Leibowitz" bezeichnen, die ebenfalls eine durchweg pessimistische Stimmung verbreiten, ohne sich jedoch einer derartigen Unzahl von Schockelementen zu bedienen. (of)
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Spinrad, Norman "Champion Jack Barron" (Org. "Bug Jack Barron") |
8/10 Punkte
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Copyright: 1969 Verlag: Heyne |
Erschienen: Oktober 1998 Übersetzer: Joachim Körber |
Form: Hardcoverchen Umfang: 480 Seiten |
ISBN: 3-453-14889-4 Preis: DM 24,90 |
Jack Barron ist ein Moderator einer interaktiven Fernsehshow, in der Zuschauer vor hundert Millionen ihr Leid klagen können und von dem gewieften, zynischen Jack Barron die Illusion vermittelt bekommen, jemand würde sich für ihre Probleme einsetzen. Der skrupellose Unternehmer Benedict Howards, Präsident einer Gesellschaft, die Menschen gegen Zahlung einer horrenden Summe vor deren Tod einfriert, erkennt die ungeheure Macht, die hinter dieser Medienmaschine steckt und versucht mit allen Mitteln, Jack Barron zu kaufen, damit er für ihn die öffentliche Unterstützung gewinnt, die nötig ist, um einen Gesetzentwurf durchzubringen, die Howard's Gesellschaft ein Monopol einräumen würde. Der nächste Präsidentschaftskandidat stand bereits auf Howards Gehaltsliste, jedoch kam dieser unter ungeklärten Umständen ums Leben. Daraufhin versuchen der Vorsitzende einer Partei für soziale Gerechtigkeit, ein Freund Jack Barrons, und der Chef der Republikaner, den Moderator als eigenen Präsidentschaftskandidaten aufzubauen. Dies benutz Jack als Druckmittel gegen Howards, um diesen zu dem höchsten Angebot zu treiben, daß er machen kann: Die Unsterblichkeit für Jack und seine Frau!
Vordergründig gehen auch beide darauf ein, weil sie denken, dem Teufel ein Schnippchen schlagen zu können indem sie nach erfolgter Unsterblichkeitsbehandlung Howard die Unterstützung versagen, die er als Gegenleistung verlangte. Doch sie irrten sich, durch den Vertrag war Jack und seine Frau auf Gedeih und Verderb an den satanischen Plan Howards gebunden. Doch in all seiner Gerissenheit übersah der machthungrige Howard, was die Macht der Liebe bewirkt, und, wozu ein Mann fähig ist, wenn er bereits alles verloren hat, das ihm etwas bedeutete.
Anmerkung: Diesem bereits 1969 erschienen Roman gerecht zu werden dürfte ein hoffnungsloses Unterfangen sein, zu einfallsreich wird hier mit Sprache und Fiktion ein Bild gewoben, das leider in der deutschen Übersetzung verblassen muß, da viele der versteckten Andeutungen und Wortspiele einfach nicht ins Deutsche übertragbar sind (Dank an den Heyne Verlag, daß versucht wurde, einiges als Fußnote zu erläutern).
Ich versuche es mal, für meine Verhältnisse ungewöhnlich planvoll, analytisch rauszulösen, was Spinrad hineingewoben hat: Die Erzählperspektive ist eigentlich personal, dennoch wechselt der Erzähler häufig zwischen den 3 Hauptcharakteren hin und her, um so Perspektivität zu erzeugen. Innere Handlung wird oft im "Bewußtseinsstrom" geschildert, d.h. eigentlich zusammenhanglose Bilder, ohne Satzstruktur. Die Sprache wirkt zwar ordinär, fast pornographisch, besitzt aber dadurch unglaubliche Intensität und Bildhaftigkeit. Man kann sehr deutlich mehrere "Grundmuster" herausarbeiten, d.h. Themen welche die ganze Handlung durchziehen, hier nur die am deutlichsten hervortretenden: Hybris, der Hochmut, unsterblich sein zu wollen, quasi gottgleich; Selbstopferung um eines gerechten Zieles willen; Verführung, die Korrumpierbarkeit eines Menschen, wenn man seinen Preis kennt. (Faust läßt grüßen)
Diese Interpretationen könnte man noch weiter treiben, z.B. die Charakterisierung des Helden und seines Antagonisten als 2 Seiten derselben Münze, aber das soll lieber ein Literaturwissenschftler machen. Angesprochen werden sollten an dieser Stelle noch die einzigen beiden Schwachpunkte des Romans: Die Figuren wirken etwas klischeehaft (nur stellenweise) und der etwas seltsame Schluß des Romans, es gibt kein Happy End (Dafür sterben zu viele); es gibt kein wirklich tragisches Ende (dafür überleben zu viele) und es gibt auch kein open end (nach der Climax folgt noch eine Auflösung).
Für eine simple Rezension reicht das erst mal, aber hingewiesen sei noch auf die prophetische Weitsicht, mit der 1969 (vor Watergate!) eine politische Landschaft dargestellt wurde, die damals als Schreckensvision gelten konnte, heute allerdings Realität ist. Meiner Meinung nach ist das die beste Veröffentlichung des Jahres 1998. (cp)
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Spinrad, Norman "Deus X" (Org. "Deus X") |
7/10 Punkte
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Copyright: 1992 Verlag: Heyne |
Erschienen: 1997 Übersetzer: Peter Robert |
Form: Taschenbuch Umfang: 174 Seiten |
ISBN: 3-453-13302-1 Preis: DM 12,90 |
Die Menschheit hat es endlich geschafft: die Umwelt ist so weit zerstört, daß das Leben für alle nur noch schwer zu ertragen ist. Der Meeresspiegel ist angestiegen und hat die Küsten unter Wasser gesetzt (was Tauchgänge ins ehemalige Venedig ermöglicht). Die Ozonschicht ist vollends vernichtet, so daß man quasi auf der Flucht vor der Sonne ist und auch im Winter nur mit extremem Sonnenschutz ins Freie gehen kann.
Die Ansicht, daß bald die gesamte Biosphäre des Planeten zerstört sein wird, hat sich allgemein durchgesetzt. Das Einzige, was danach noch wenigstens eine Art "Leben" besitzt, wird das globale Netz - das "Big Board" - sein. Mittlerweile ist es nämlich gelungen, die Persönlichkeit eines Menschen in elektronischer Form zu speichern und so ein "Online"-Weiterleben nach dem Tod zu Ermöglichen. Um den Konsum von Medienkanälen und das Verbrauchen von Ressourcen bis in alle Ewigkeit zu sichern, werden noch vor dem Tod Verträge abgeschlossen, die den Einsatz eines Teils dieser "Nachfolger-Entität" als Expertensystem oder auch einer Steuerungsroutine erlauben (nachdem selbstverständlich vorher alle Bewußtseins- und Ich-Komponenten gelöscht wurden).
Die römisch-katholische Kirche, ehemals eine mächtige Organisation, hat immer mehr Mitglieder verloren, seit der Papst in einer Bulle dieses "Verewigen" der Persönlichkeit als Werk des Teufels verdammt hat. Sie macht den Netz-Entitäten eine Seele streitig und verweigert ihnen jegliche Rechte. Doch Maria I., die erste Päpstin, die nach der Meinung vieler nur aus genau diesem Grund - dem Wunsch, progressiv zu erscheinen - in ihr Amt gewählt wurde, will diese Frage ein für allemal klären: Sollte der Beweis erbracht werden, daß die Entitäten doch einen freien Willen besitzen (und nicht nur ein Abbild der Persönlichkeit sind), will sie deren Existenz voll anerkennen und ihnen alle Rechte, wie beispielsweise die Möglichkeit der Absolution, zugestehen.
Zu diesem Zweck läßt sie Pater DeLeone zu sich bestellen, ein todkranker Mann, der einer der striktesten Vertreter der Theorie ist, die Entitäten hätten keine Seele. Sie bittet ihn darum, von sich selbst eine Persönlichkeitsabbild erstellen zu lassen, um das Unbeweisbare zu beweisen: sollte er im "Big Board" seine Meinung ändern und den Entitäten einen freien Willen zugestehen, besitzen diese wirklich eine Seele. Sollte er bei seiner Meinung bleiben, ist das Gegenteil bewiesen. Doch verständlicherweise bedeutet das ein großes Opfer des Paters, da er ja gerade das als ein Werk Satans sieht und so seine Seele aufs Spiel gesetzt sieht. Schließlich entscheidet er sich jedoch dafür, der Bitte der Päpstin zu entsprechen, und läßt sein Persönlichkeits-Abbild in den Computer des Vatikans laden. Doch schon nach kurzer Zeit dringt jemand vom "Big Board" aus in den Computer ein und entführt die Nachfolger-Entität.
Die Kirche setzt natürlich alles daran, ihren "Pater" wieder zu finden, und wendet sich an Marley Philippe, sozusagen ein Detektiv im "Big Board". Er soll die Entität wieder aufspüren und zurück in die Hände des Vatikans bringen ...
Geschildert wird die gesamte Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Marley Philippe und Pater DeLeone, zwei ziemlich gegensätzlichen Charakteren. Philippe hat mit der Kirche wenig am Hut und schippert auf seinem Boot das ganze Jahr hindurch über die Meere. Er lebt in den Tag hinein, sieht alles ziemlich locker und erledigt nur von Zeit zu Zeit Aufträge, um seinen Lebensunterhalt zu sichern.
DeLeone hingegen hat sein ganzes Leben der Kirche gewidmet und hat schon mit allem Weltlichen abgeschlossen. In der Bitte der Päpstin sieht er eine letzte Chance, der Kirche zu dienen, auch wenn diese bestimmt nicht mehr in allen Dingen seinen Vorstellungen entspricht.
Urteil: Spinrad schafft es, mit viel Phantasie das Innere eines globalen Computernetzes zu schildern und auch die Charaktere sind dem Leser sofort sympathisch. Zu Bemängeln ist allerdings die Tatsache, daß der "rote Faden" - die Frage nach der Definition bzw. der Existenz einer Seele - zu "dick" ist, sprich zu große Teile des Buches bestimmt. Wer jedoch gerne ein Buch lesen würde, das die philosophischen und ethischen Folgen eines "Big Boards" mit eigenständigen Entitäten behandelt (vor allem aus der Sicht der Kirche), der wird an "Deus X" bestimmt Gefallen finden. Ansonsten ist es zwar lesenswert, doch als "Empfehlung" oder gar "Muß" würde ich es nicht einstufen. (of)
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Spinrad, Norman "Der stählerne Traum" (Org. "The Iron Dream") |
10/10 Punkte
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Copyright: 1972 Verlag: Heyne |
Erschienen: 1981 Übersetzer: Walter Brumm |
Form: Taschenbuch Umfang: 303 Seiten |
ISBN: 3-453-30684-8 Preis: DM 6,80 |
Es war einmal eine Welt nach einem Atomkrieg: Die Erde ist von widerlichen Mutanten bevölkert nur ein kleines Land wird von "echten" Menschen bevölkert und befindet sich ständig im Krieg mit seinen degenerierten Nachbarn. Allerdings ist die momentane Regierung von Mutanten unterwandert und schwach. Dann tritt Ferenc Jaggar auf. Ein Abkömmling des alten Königsgeschlechtes dessen Charakter messianischen Züge trägt. Er wird der Auserwählte sein, der sein Land von Mutanten reinigt und die Welt befreit. Seine Machtergreifung wird von einer radikalen Partei, zu deren Vorsitzenden er sich schnell macht, und deren Schlägertrupps vorbereitet, in dem die Opposition einfach niedergeknüppelt wird. Unterstützt wird er von treuen Lakaien, einem fetten Held aus dem letzten Krieg, einem frettchenhaften Chauffeur, einem intelligenten, aber uncharismatischen Strategen usw. Nach der Machtergreifung wird das Land auf einen Vernichtungskrieg gegen seine Nachbarn vorbereitet, um die Erde in den Besitz der "echten" Menschen zu bringen.
Wer es noch nicht kapiert hat: Das ist die Geschichte der Machtergreifung der Nazis, in eine Science Fiction Realität verlagert und aus deren Sicht geschildert. Deshalb hat Spinrad auch einen "impliziten" Autor diese Geschichte schreiben lassen. Sein Name: Adolf Hitler. In Spinrads Realität ist er Science-Fiction-Schriftsteller geworden und hat seinen stählernen Traum zu Papier gebracht und nicht zu Realität werden lassen. Deshalb geht es hier auch aus wie es geplant war. Alle Mutanten werden vernichtet, der Endsieg gelingt. Doch hierbei handelt es sich keineswegs um Nazi-Propaganda. Wer das Buch so versteht, hat sein Gehirn entweder schon für ne Mark versetzt, oder einfach 30 Seiten vor Schluß aufgehört zu lesen. Hier soll kein Verständnis geweckt werden, hier liegt es ähnlich wie bei einem alten Propaganda-Film - wir kennen die Realität, deshalb wirkt die Darstellung eines Konzentrationslagers hier noch bei weitem ekelhafter als bei der schonungslosesten Dokumentation. Dafür sorgt schon der Rahmen, in dem diese Erzählung präsentiert wird.
Spinrad zeigt uns eine andere Perspektive. Die Geschichte des dritten Reiches von der anderen Seite aus betrachtet. Dabei ist seine Detailtreue und seine Fähigkeit, seine Stoffe literarisch völlig neuartig, doch niemals trivial aufzuarbeiten einfach überragend. Spinrad spielt mit den Mechanismen der Literatur, und heraus kommt einfach ein großartiges, spannend zu lesendes Buch, das sich neben den Klassikern der Weltliteratur nicht zu verstecken braucht. (cp)
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Spittel, Olaf R. (Hrsg.) "Science Fiction, Essays" |
keine Wertung |
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Copyright: 1987 Verlag: Mitteldeutscher Verlag Halle |
Erschienen: ? Übersetzer: n.a. |
Form: Taschenbuch Umfang: 187 Seiten |
ISBN: 3-354-00193-3 Preis: ? |
Zur Abwechslung hat sich auch mal ein theoretischer Text auf die Schlachtbank verirrt; ein besonders exotischer noch dazu. Wohlan denn, wollen wir ihn mal zerpflücken.
Gegenstand dieses Bändchens sind die Essays von mehreren Literaten, die sich im Jahre 1987 hinter dem sogenannten eisernen Vorhang ihre Gedanken zum Thema SF machten. Dergestalt sensibilisiert springen die sozialistischen Termini mal mehr, mal weniger offen ins Auge. Man sollte schon etwas vertraut mit marxistisch-leninistischen Sichtweisen sein, vor allem im Hinblick auf Geschichtstheorie und Soziologie, um das Gelesene in den richtigen Bezugsrahmen zu bringen. Dennoch sind einige bemerkenswerte Ansichten zur Definition von SF, zur Herleitung aus anderen literarischen Gattungen und der Abgrenzung zwischen SF und Trivialliteratur dabei. Wenn natürlich ständig irgendwelche saumäßig unbekannte Sowjetphilosophen als Referenz angegeben werden, nimmt sich das dann doch eher putzig aus. Oder aber Horst Heidtmann's "Apologetik und Apokalyptik in der SF der BRD". Der gute Mann nimmt den Hammer aus der roten Fahne und haut damit dermaßen auf den Putz, daß man am liebsten strammstehen und die Internationale pfeifen möchte. (Ich hab nix gegen Kommunisten, im Gegenteil; aber über Verlierer zu lästern macht einfach mehr Spaß. Anm. d. Verf.) Generell läßt sich sagen, daß in dem Buch von interessant über konfus bis hin zu lächerlich das ganze Qualitätsschema abgedeckt wird. Deshalb ist dieses Buch nicht nur als Zeitdokument interessant, sondern gibt auch darüber Aufschluß, daß auch im "Reich des Bösen" (O-Ton R. Reagan) SF geschrieben und gelesen wurde und einiges davon kann man sich auch mal unter seine westlich-imperialistische Nase reiben lassen, man kann nämlich was dabei lernen. (cp)
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Squire, J.C. (Hrsg.) "Wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte ..." (Org. "If It Had Happened Otherwise") |
5/10 Punkte
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Copyright: 1972 Verlag: Heyne |
Erschienen: 1999 (DE) Übersetzer: Walter Brumm |
Form: Taschenbuch Umfang: 399 Seiten |
ISBN: 3-453-14911-4 Preis: DM 18,90 |
Eins vorweg: In diesem Band sind Essays und Schriftstücke von völlig unterschiedlichen Personen gesammelt, die größtenteils nicht mal Schriftsteller sind. Deshalb kann man dieses Buch genausowenig pauschal bewerten wie eine Sammlung von Kurzgeschichten. Das einzige verbindende Element ist, das sie alle mehr oder minder spekulativ sind. Die Autoren haben einfach den Gedanken "Was wäre, wenn ..." auf die Weltgeschichte bezogen. Mit Science-Fiction-Literatur hat das nur im weitesten Sinn was zu tun, denn kaum einer der Aufsätze ist literarisch gestaltet. Wenn man erzählende Literatur erwartet, sollte man von dem Buch also die Finger lassen. Das soll allerdings nicht heißen, dass diese Chose per se langweilig wäre. Im Gegenteil, einige sind recht interessant, zum Beispiel die Story die darüber fabuliert, was passiert wäre, wenn Napoleon nach seiner Niederlage nach Amerika entkommen wäre. Dagegen sind auch absolute Schlaftabletten darunter, zum Beispiel ein Beitrag Winston Churchills oder ein Aufsatz über einen alternativen Lebenslauf Lord Byrons. Es hängt wohl auch zum Großteil davon ab, ob man einen inhaltlichen Bezug herstellen kann, das heißt ob man überhaupt im Detail weiß, von was die da fabulieren. Ich habe zum Beispiel so geringe Kenntnisse von der politischen Situation nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, dass mir der Artikel über Lincoln einfach vom Inhaltlichen her verschlossen blieb.
Bei anderen ist es einfacher, denn alle haben den gleichen Fehler: Sie vereinfachen viel zu stark. Eine entscheidende Wendung der Weltgeschichte zieht innerhalb kurzer Zeit so weite Kreise, dass man unmöglich eine weitere Entwicklung prognostizieren kann. Zum Beispiel: Im ersten Weltkrieg besiegte Hindenburg die Russen bei Tannenberg in Ostpreußen. Man kann allerdings nicht sagen: Hätten die Russen diese Schlacht gewonnen, wäre ein großer Teil des Reiches 70 Jahre lang unter kommunistischer Herrschaft gewesen. Im Gegenteil - dann hätte das deutsche Oberkommando wohl nie Lenin nach Russland gebracht, der Kommunismus wäre nie in dieser Form entstanden. Aber man muß auch berücksichtigen, wie die Westmächte reagiert hätten, die USA, einige Schlachten an der Westfront wären völlig anders verlaufen, Adolf Hitler wäre nie eingezogen worden, hätte nie eine Verwundung davongetragen, der Versailler Vertrag hätte nie in seiner Form bestanden usw. Dabei wird einem schnell klar, dass Geschichte ein ähnlich chaotisches System wie das Weltklima ist. Ein Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann theoretisch Jahre später einen Orkan in China auslösen, einzig aufgrund der Bewegung eines Luftmoleküls das wiederum in Wechselwirkung mit anderem steht. Deshalb halte ich es auch für grundfalsch, Geschichte als große, unvermeidbare Entwicklungen zu verstehen, die sich in der ein oder anderen Form ereignen müssen. Mann kann bestenfalls mit Strömungen herumexperimentieren, die aus der menschlichen Natur ableitbar sind. Wenn man die arbeitende Bevölkerung unterdrückt, wird sie sich wehren, und sowas wie Kommunismus entsteht. Druck erzeugt Gegendruck. In dem Maßstab bleibt der Sachverhalt übersichtlich, wenn man aber versucht abzuwägen, warum sich Lenin und nicht Trotzki durchsetzte, sind so viele Variablen zu berücksichtigen, daß man auch einfach vom Zufall reden kann. (cp)
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Stephenson, Neal "Diamond Age - Die Grenzwelt" (Org. "The Diamond Age or, A Young Lady's Illustrated Primer") |
7/10 Punkte
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Copyright: 1995 Verlag: Goldmann |
Erschienen: 1996 Übersetzer: Joachim Körber |
Form: Taschenbuch Umfang: 575 Seiten |
ISBN: 3-442-24802-7 Preis: DM 17,90 |
| Hugo Award 1996 |
Auf dem Umschlag wird Stephenson als "Quentin Tarantino des Cyberpunk" bezeichnet, doch - zumindest in dem vorliegenden Buch - spürt man weder von dem einen noch dem anderen etwas ...
Alles beginnt damit, daß der Nanotech-Ingenieur Hackworth den Auftrag erhält, ein spezielles Buch für die Enkelin eines einflußreichen Adligen zu produzieren. Diese Fibel soll dem Kind während seiner Entwicklung zugleich als Babysitter, Lehrer und Bezugspunkt dienen, quasi als Ausgleich zu den Defiziten des Schulsystems. Um Hackworths weiteres Vorgehen zu verstehen, muß gesagt werden, daß er als Angehöriger der Neo-Viktorianer nicht nur größten Wert auf Etikette und gesellschaftliche Konventionen legt, sondern auch auf ausgeprägte Klassenunterschiede. Daher sieht Hackworth in der Fibel die einmalige Chance, seiner Tochter eine gute Ausbildung zu ermöglichen und ihr so vielleicht zu einem höheren gesellschaftlichen Status zu verhelfen.
Doch als er schließlich eine illegale Kopie erstellt hat, wird ihm diese bei einem Überfall gestohlen und fällt durch Zufall in die Hände der kleinen Nell, die in ärmlichen Verhältnissen ohne jegliche Perspektive auf Besserung äufwächst. Es kommt, wie es kommen muß: durch die Fibel kommt sie auf spielerische Weise in den Genuß einer individuellen Bildung, woraufhin sich ihr Leben radikal verändert ... dies macht deutlich, welch eine "Gefahr" das Buch in den falschen Händen wäre.
Ort der Handlung ist der Großraum Shanghai, der - wie der übrige Teil der Welt auch - nicht länger Teil einer Nation ist, sondern sich aus mehreren Stammesenklaven zusammensetzt, die in mehr oder weniger direkter Konkurrenz stehen. Dabei orientiert sich Stephenson anscheinend an der tatsächlichen Situation während der Kolonialzeit, was auch durch die authentischen Schauplätze wahrscheinlich scheint. Er bemüht sich zudem um eine Projektion der aktuellen Konflikte in die Zukunft, und in eben diese Konflikte wird Hackworth durch seine illegalen Machenschaften hineingezogen: Plötzlich befindet er sich als Doppelagent auf einer heiklen Mission - zwischen den Fronten der Viktorianer und des "Himmlischen Königreichs" der Konfuzianer ...
Urteil: Wie schon angesprochen, handelt es sich hier keineswegs um Cyberpunk - zu schleppend ist das Tempo, zu "clean" der Stil. Gegen Ende hin freute ich mich sogar mehr auf die Passagen, in denen Nell ihre Phantasie-Abenteuer in der Fibel erlebt (die sich als innere Handlung durch das ganze Buch ziehen), als auf die der eigentlichen Story.
Anfangs fasziniert noch Stephensons Konzept der Nanotechnologie (teilweise liefern sich die Nano-Fluggeräte verschiedener Parteien regelrechte Kriege), aber spätestens bei den - schon aus Star Trek bekannten - "Replikatoren" machten sich bei mir Zweifel an der Realisierbarkeit breit. So kommt es, daß die Erklärung viktorianischer Etikette Hand in Hand mit der Beschreibung ziemlich abgedrehter Technologien geht, und Stephenson nebenbei noch versucht, dem Leser einen Eindruck der Philosophie des Konfuzius zu vermitteln: Immer wieder weist er darauf, das das genetische Potential aller Menschen gleich ist und erst durch die Umwelt die Entwicklung dieser Menschen eingeschränkt bzw. gefördert wird.
Als Resumee läßt sich sagen, daß das Buch in Ansätzen einiges zu bieten hat, man aber auch gut leben kann, ohne es gelesen zu haben. (of)
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Stith, John E. "Zeitschichten" (Org. "Redshift Rendezvous") |
6/10 Punkte
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Copyright: 1990 Verlag: Heyne |
Erschienen: 1999 (DE) Übersetzer: Norbert Stöbe |
Form: Taschenbuch Umfang: 329 Seiten + Anhang |
ISBN: 3-453-13991-7 Preis: DM 14,90 |
Mit der überlichtschnellen Raumfahrt ist das so eine Sache. Einstein hat behauptet, daß c im Universum konstant ist (glaub' ich jedenfalls, aber Physik hab ich in der 11. Klasse abgewählt). Wie auch immer, die Redshift kann jedenfalls im Hyperraum Entfernungen recht schnell überbrücken. Allerdings ist das Leben an Bord nicht einfach, da die meisten relativistischen Effekte dort am eigenen Leib erfahrbar sind. So ist beispielsweise die Lichtgeschwindigkeit so niedrig, daß man die Gesten eines Gesprächspartners erst mit ca. 4 Sekunden Verzögerung wahrnimmt. Dasselbe gilt für den Schall: Ein guter Sprinter kann locker die Schallmauer durchbrechen. Auch die Zeit verläuft in den von der antreibenden Gravitationsquelle entfernten Decks schneller. Allerdings kann ein Mensch ohne lebenserhaltendes Feld in dieser Umgebung nicht überleben. Diese Erfahrung machen einige Gangster, die versuchen, das Schiff zu kapern, aber nicht mit der Tatkraft des 1. Offiziers gerechnet haben, der, an diese bizarre Umgebung gewöhnt, den Raumpiraten eine nette Schlacht liefert. Damit aber noch nicht genug, die Opfer dieser Ganoven sind gar nicht so wehrlos, im Gegenteil, die sind gerade die wirklich moralisch völlig verkommenen Subjekte, und am Ende weiß der arme Jason Kraft gar nicht mehr, wen er als nächsten kaltstellen soll.
Anmerkung: Wer das Buch lesen will, sollte sich zunächst mal darüber klar werden, ob er Hard SF oder irgendein moralisch anspruchsvolles Traktat, mehr oder weniger liebevoll in ein Science Fiction Mäntelchen gehüllt, lesen will. Hier geht es nämlich eigentlich nur um die zugegeben witzigen relativistischen Effekte an Bord des Raumschiffes. Stith hat einfach in ein paar Gleichungen andere Zahlen eingesetzt und dann mal "was wäre, wenn... " gespielt und heraus kommt ein wirklich amüsant zu lesender Roman. Wer die "veranschaulichenden Beispiele" zur allg. Relativitätstheorie kennt (Relation Beobachter zu einem mit c fahrendem Zug usw.) und bei den Erklärungen kein Kopfweh bekommen hat, wird hier sicherlich seinen Heidenspaß haben. Die Handlung ist ohne größere Schnitzer konzipiert und stört auch nicht weiter. Die Hauptsache aber, und das sagt der Autor im Nachwort selbst, ist das Raumschiff: die Redshift. A propos Nachwort: Allein das würde schon die Anschaffung des Buches lohnen, die Erläuterungen von Stith sind einfach sauwitzig zu lesen. (cp)
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Strugatzki, Arkady & Boris "Die Wanderer" aka "Die Wellen ersticken den Wind" (Org. "volny gasjat veter") |
6/10 Punkte
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Copyright: 1985 Verlag: Heyne |
Erschienen: Juli 1997 Übersetzer: Erik Simon |
Form: Taschenbuch Umfang: 219 Seiten |
ISBN: 3-453-12648-3 Preis: DM 16,90 |
Wer in deutschen Verlagsprogramm nach russischen Autoren sucht, wird unweigerlich auf die Strugatzki-Brüder stoßen: beinahe alle ihre Romane wurden ins Deutsche übersetzt, so daß sie als einzige osteuropäische Autoren (abgesehen von Lem) einer größeren Leserschaft bekannt sein dürften. Seit den 50er Jahren publizierten Arkady und Boris gemeinsam bis zum Tode Arkadys 1991 - der hier vorliegende Roman ist also zum Spätwerk der beiden Brüder zu zählen.
30 Jahre zurückblickend berichtet Maxim Kammerer - der ehemalige Leiter der "Kommission für Kontrolle, Abteilung Besondere Vorkommnisse" - von den Ereignissen, die seinerzeit unter dem Namen "Große Offenbarung" in die Geschichte eingingen. Nach dem Entdecken außerirdischer Artefakte einer als "Wanderer" bezeichneten Superzivilisation wurde diese Abteilung gegründet, um alle ungeklärten Ereignisse zu untersuchen - denn die Angst sitzt tief, daß diese Wanderer in die menschliche Evolution eingreifen werden, was es natürlich unter allen Umständen zu verhindern gilt. (Bemerkenswert ist hier, daß eben diese Praxis - Eingriff in die Entwicklung anderer Spezies - bei den Menschen jahrhundertelang gang und gebe gewesen ist.)
In den 80er Jahren häufen sich nun rätselhafte Raum- und Xenophobien sowie andere Phänomene, was für den von Kammerer beauftragten Toivo Glumow eindeutige Hinweise für eine verstärkte Aktivität der Wanderer darstellt: bei seinen Ermittlungen scheinen die Puzzlestücke immer besser zueinander zu passen und die Aufdeckung des außerirdischen Komplotts nur eine Frage der Zeit ... bis dann doch alles ganz anders kommt, als man denkt.
Urteil: Vom Stil her fühlt man sich unweigerlich an Stanislaw Lem erinnert, obwohl die beiden Brüder in Sachen Realismus noch ein Stück weiter gehen - die fiktionale Biographie ist von zahlreichen "Dokumenten" (beispielsweise Forschungsberichte und Korrespondenz) durchsetzt, allesamt im kühlen und sachlichen Stil der Bürokratie gehalten. Einzig bei den von Kammerer nachträglich "rekonstruierten" Ereignissen erlauben sich die Strugatzkis einen eher erzählenden Schreibstil.
Das Buch ist zwar auf alle Fälle lesenswert, doch wirklich herausragend ist es keinesfalls. Weder der Stil noch die Handlung rissen mich vom Hocker, so daß ich eine echte Empfehlung höchstens für Liebhaber Lems und ähnlicher Autoren aussprechen kann ... (of)
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Sullivan, Tricia "Lethe" (Org. "Lethe") |
5/10 Punkte
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Copyright: 1995 Verlag: Heyne |
Erschienen: März 1998 Übersetzer: Jakob Leutner |
Form: Hardcoverchen Umfang: 574 Seiten |
ISBN: 3-453-13966-6 Preis: DM 24,90 |
Im 22. Jahrhundert beginnt sich die Erde langsam von den Sünden der Vergangenheit zu erholen: Rund 100 Jahre vorher kam es zu "Genkriegen", bei denen die führenden biotechnischen Megakonzerne Killer- und andere Viren freisetzen, die zur Ausrottung eines großen Teils der Menschheit führten. Nur wer sich retten konnte und nun geschützt in autarken Reservaten lebt, ist vor Mutationen oder dem schnellen Tod sicher. Ein Teil der Bevölkerung zeigte sich jedoch resistent gegen alle Arten von Verseuchung, diese "Einaugen" sind nun als billige Arbeitskräfte für die Versorgung der restlichen Menschheit verantwortlich. Eine weitere Art der Mutation ist die "Altermodalität", die der betreffenden Person ermöglicht im Wasser zu atmen und - die wichtigste Auswirkung - mit Delphinen und Walen zu kommunizieren. Diese Tiere bilden nämlich (in den Augen der Autorin) eine Art telepathisches Netz, das die Fähigkeiten der einzelnen Individuen verbindet und so ein enormes Potential besitzt - eine Art "Super-Computer". Jeana, die Protagonistin, ist eine solche Altermodale, die im Auftrag der "Heads" als Vermittler zwischen dem globalen Datennetz und den Delphinen auftritt. Die "Heads" sind eine Symbiose zwischen Gehirn und Computer, die nach der Vernichtung des Ingenix-Genkonzerns entdeckt wurden und allem Anschein nach eines der letzten perversen Experimente der Manager darstellten ... mittlerweile liegt in den Händen der "Heads" jedoch ein Großteil der Macht, da erst durch ihre Hilfe der Bau von Reservaten und eine Neuordnung der globalen Situation möglich war.
Als Jenae eines Tages auf die Spuren eines dunklen Geheimnisses stößt, ist es jedoch mit ihrem angenehmen Leben vorbei und sie ist fortan nur noch damit beschäftigt ihren Verfolgern zu entkommen und die von ihr entdeckte Wahrheit an die Öffentlichkeit zu bringen: mit Hilfe einer Gruppe Einaugen entkommt sie den ersten Problemen, nur um sich in noch tieferem Schlamassel wiederzufinden.
Der zweite Protagonist, dessen Erlebnisse immer abwechselnd zu denen Jenaes erzählt werden, ist Daire, der sich auf einer Forschungsmission befindet. Er soll das geheimnisvolle Objekt am Rande unseres Sonnensystems - "Unterkohling" genannt - näher untersuchen, da die dort gefundenen "Tore" wahrscheinlich eine Art Wurmloch zu anderen Orten bzw. anderen Zivilisationen darstellen. Bei einer Erkundung der Oberfläche Unterkohlings wird er jedoch in eines der Tore hineingezogen, nur um sich plötzlich auf einem anderen Planeten wiederzufinden. Dort stößt er auf eine Gruppe Kinder, die nach deren Aussagen vor 80 Jahren ebenfalls dort strandeten, und seitdem eine kleine primitive Gesellschaft gründeten ... nach und nach stößt er auf Ungereimtheiten und kaum für möglich gehaltene Erscheinungen, täglich stellen sich ihm neue Fragen, doch schließlich entdeckt auch er die erschreckende Wahrheit.
Urteil: Anfangs liest sich das Buch flüssig und die von Sullivan entwickelte Welt ist sehr attraktiv ... doch mit der Zeit schleichen sich Längen ein, bis dann schließlich gegen Schluß hin das Tempo wieder erhöht wird, um in einem äußerst "metaphyischen" Showdown zu enden, der mir persönlich ziemlich unbefriedigend erschien.
Auch schafft es die Autorin in ihrem Erstlingswerk nicht, den Leser auf Dauer zu fesseln, was vielleicht daran liegt, daß das von ihr entworfene Szenario nicht in allen Punkten glaubwürdig ist und die von ihr geschilderten Geschehnisse doch recht unwahrscheinlich erscheinen (wer schon mal eine Rakete geklaut hat, weiß wie schwer das ist). Alles in allem würde ich das Attribut "durchschnittlich" als angemessen empfinden, denn wirklich schlecht ist das Buch nicht - Sullivan entwickelt einige interessante Ideen, aber eben auch einige weniger gute. (of)
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Swanwick, Michael "Engel der Schwerkraft" (Org. "Gravity's Angels") |
5/10 Punkte
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Copyright: 1991 Verlag: Heyne |
Erschienen: Juni 1998 Übersetzer: Norbert Stöbe |
Form: Taschenbuch Umfang: 460 Seiten |
ISBN: 3-453-13993-3 Preis: DM 16,90 |
Diese Kurzgeschichtensammlung enthält:
01. "Ein Wintermärchen" (Org.: "A Midwinter's Tale") ©1988
02. "Das Fest der Heiligen Janis" (Org.: "The Feast of Saint Janis") ©1980
03. "Der blinde Minotaurus" (Org.: "The blind Minotaur") ©1984
04. "Die Seelenwanderung des Philip K." (Org.: "The Transmigration of Philip K.") ©1984
05. "Die Kirche der göttlichen Verheißung" (Org.: "Covenant of Souls") ©1986
06. "Die Drachenlinie" (Org.: "The Dragon Line") ©1988
07. "Mummenkuss" (Org.: "Mummer Kiss") ©1981
08. "Das trojanische Pferd" (Org.: "Trojan Horse") ©1984
09. "Schnee-Engel" (Org.: "Snow-Angel") ©1989
10. "Der Mann, der Picasso kannte" (Org.: "The Man who met Picasso") ©1982
11. "Weitsicht" (Org.: "Foresight") ©1987
12. "Ginungagap" (Org.: "Ginungagap") ©1980
13. "Der Rand der Welt" (Org.: "The Edge of the World") ©1989
Stilistisch am interessantesten ist in dieser Kollektion die Story "Weitsicht": Durch ein nicht mehr nachvollziehbares Ereignis invertierte sich die Funktionsweise des menschlichen Gehirns derart, daß die Zukunft bekannt ist, die eigene Vergangenheit jedoch im Dunkel liegt. Dementsprechend verläuft auch die Erzählung rückwärts, beginnend mit dem Tod des Protagonisten (der sich der unabänderlichen Tatsache schon lange im voraus bewußt war) Schritt für Schritt rückwärts in die Vergangenheit. Sieht man darüber hinweg, daß das Szenario (vom heutigen Stand der Wissenschaft aus) Humbug ist - worüber sich Swanwick wahrscheinlich selbst im klaren ist und das Ganze eher als Experiment ansieht - und daß der Autor stellenweise inkonsequent wird, macht die Geschichte einen durchaus interessanten Eindruck.
Inhaltlich gefielen mir jedoch andere Stories besser: So zum Beispiel "Ginungagap", in der durch ein Schwarzes Loch mit einer unbekannten Spezies Kontakt aufgenommen wird. Die Kernfrage ist dabei, was das Menschsein ausmacht ... aber natürlich spart Swanwick auch nicht mit den üblichen (ob zufreffend oder nicht, sei hier mal dahingestellt) Klischees von der menschlichen Xenophobie bzw. Paranoia. Oder "Die Seelenwanderung des Philip K.", die das Leben eines Menschen, der unwissentlich die Realität vor dem Zusammenbruch bewahrt. Als er sich dessen bewußt wird, durchbricht er endlich die Illusion und erkennt die "wahre" Realität ... doch nur, um gleich darauf zu erfahren, daß auch diese nur Schein ist. (erinnert ein bißchen an Lems "futorologischen Kongreß")
Meistens bringt Swanwick für meinen (Realo-)Geschmack zu viele metaphyische Elemente in seine Stories: Eine ehemalige Ski-Fahrerin zieht sich in eine Berghütte zurück um Gott zu werden ("Schnee-Engel"); drei Kids steigen eine Treppe am "Rand der Welt" herunter als ihre Wünsche in Erfüllung gehen; und in "Das trojanische Pferd" hat es eine Frau mit Hilfe eines Programmes geschafft das absolute Bewußtsein zu erreichen und besitzt nun gottgleiche Kräfte. All dies mögen Metaphern sein, doch wenn Mordred und Merlin (ja, die aus der Arthur-Sage) ins heutige England kommen um die Welt vor dem Untergang zu retten (wie in "Die Drachenlinie") oder in "Die Kirche der göttlichen Verheißung" ein Farbe essendes Kind sich aus dem gleichen Grund (wenn auch mit anderem Ausgang) in einer Kirche einnistet, geht das meiner Meinung nach doch etwas zu weit.
Urteil: Wie für Kurzgeschichtensammlungen üblich, sind sowohl gute als auch schlechte Exemplare dieser Gattung dabei, doch wirklich herausragende Beispiele sucht man hier vergebens. Wer nach obigen Inhaltsangaben jedoch Interesse gewonnen hat, sollte ruhig zugreifen. (of)
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Swanwick, Michael "In Zeiten der Flut" (Org. "Stations of the Tide") |
6/10 Punkte
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Copyright: 1991 Verlag: Heyne |
Erschienen: November 1997 Übersetzer: Norbert Stöbe |
Form: Hardcoverchen Umfang: 301 Seiten |
ISBN: 3-453-12669-6 Preis: DM 18,90 |
| Nebula Award 1991 |
Miranda ist ein ökologisches Kuriosum: Alle paar hundert Jahre, mit Eintreten des "Großsommers", beginnen die Polkappen des Planeten zu schmelzen und die gesamte Oberfläche wird überflutet. Die einheimische Flora und Fauna hat sich in Jahrmillionen an diese Tatsache angepaßt und verwandelt sich zu Beginn des Sommers von Land- zu Wasserbewohnern. Einzig die menschlichen Kolonisten müssen den Planeten bis zum Eintreten des Winters verlassen, was zu chaotischen Zuständen führt, je näher der Zeitpunkt der Flut rückt.
Die Einfuhr von verbotener - sprich fortschrittlicher - Technik auf den Planeten ist strengstens untersagt und wird von der Behörde für Techniktransfer peinlich genau überwacht. So kommt es, daß bei den Bewohnern angebliche Magier und Hexen leichtes Spiel haben ... vor allem einer, Gregorian, erreicht zunehmende Popularität, da er sogar Fernsehspots schaltet, um sein Angebot anzupreisen: die Kolonisten in Wasserbewohner zu verwandeln, damit sie während des Sommers auf dem Planeten bleiben können. Gregorian würde normalerweise als Spinner abgestempelt werden, doch da er lange Zeit im Dienste der Regierung als Biowissenschaftler gearbeitet hat, schickt die Behörde für Techniktransfer einen ihrer Männer, um herauszufinden, ob Gregorian verbotene Technik entwendet hat und auf Miranda benutzt.
Hier setzt die Geschichte ein, als "der Bürokrat" (sein Name wird während des ganzen Buches nicht erwähnt) begleitet von seinem Aktenkoffer (einer Art KI kombiniert mit einem Replikator) auf Miranda eintrifft. Zusammen mit einer Verbindungsfrau der einheimischen Behörden, die ihn bei seinen Nachforschungen unterstützen soll, versucht er nun Gregorian aufzuspüren und wird immer tiefer in die Geschehnisse verstrickt. Zu allem Übel muß er zusätzlich zu seinen offensichtlichen Feinden auch seinen Vertreter im Auge behalten, denn auch dieser scheint ihm nicht besonders wohlwollend gesonnen zu sein.
Urteil: Swanwick liefert mit diesem Werk eine sehr flüssig zu lesende Detektivgeschichte ab, bei der der Protagonist gegen Ende hin alle Spuren zusammensetzt und den Gegner stellt (Zugegeben, das Ende an sich ist dann doch etwas überraschend). Gestört haben mich vor allem die expliziten sexuellen Schilderungen, zum Beispiel die Anleitung zum Orgasmus ohne Ejakulation, die meiner Meinung nach in dieser Form eher beim "Dr. Sommer-Team" als in einem SF-Roman Platz hat. Auch sind einige Absätze recht verwirrend geschrieben, was allerdings auch auf den Übersetzer (Norbert Stöbe) zurückzuführen sein könnte. Alles in allem trotz Gewinn des "Nebula Awards 1991" nur eine durchschnittliche Lektüre, die zwar stellenweise Tiefgang entwickelt, doch diesen durch teils konfusen Stil dann wieder verliert. (of)