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Letztes Update: 05.06.2004

Wells, H.G.
"Die Zeitmaschine" (Org. "The Time Machine")
  10/10 Punkte
Copyright: 1???
Verlag: ??
Erschienen: 19??
Übersetzer: ???
Form: ???
Umfang: ??? Seiten
ISBN: ???
Preis: DM ?????

Ein Klassiker ist bekanntermaßen ein Buch, das jeder kennt, aber keiner je gelesen hat. Darunter fallen neben den unvermeidlichen Goethe und Schiller auch Werke wie Wells Zeitmaschine. Warum nennt man dieses Buch einen Klassiker? Ganz Einfach, in einer Zeit, als der Begriff Science Fiction nicht mal existierte, also noch bevor die ersten Essays in der Amateurfunkerzeitschrift Hugo Gernsbacks erschienen, haben sich kluge Köpfe Gedanken über die Zukunft gemacht. Darunter auch H.G Wells. In einer Zeit, als der Fortschritt alle Probleme der Menschheit in absehbarer Zeit zu beseitigen schien, Krieg als überholt abgetan wurde und die Theorien von Darwin, Planck und Einstein alle Fragen zu beantworten schienen, die die Bibel nicht mehr zufriedenstellend beantworten konnte, in jener Zeit also schrieb er seine berühmte Dystopie.

Sein Protagonist reist mittels einer selbstgebauten Maschine über 800 000 Jahre in die Zukunft. Die Welt hat sich sehr verändert, Krankheit gibt es nicht mehr, die Eloy leben in kindlicher Naivität in den Tag und freuen sich am Sonnenschein und den blühenden Wiesen. Diese Wesen scheinen auf den geistigen und körperlichen Stand von fünfjährigen Kindern degeneriert zu sein. Doch unter ihnen, in ewiger Nacht verlassener Fabrikanlagen hausen die Morlocks, finstere Kreaturen, die das Licht fürchten und sich von den Eloy ernähren, die sie nachts entführen und schlachten. Wells hat hier die Entwicklung seiner Zeit fortgeführt. In dem am fortschrittlichsten industrialisierten England ging man dazu über, die Fabriken und die Wohnungen der Arbeiter unter die Erde zu verlegen, die Londoner Untergrundbahn entstand in der selben Zeit wie der Roman, während sich die kapitalistische Aristokratie des Lebens und des Müßigganges erfreute. Wells dachte diese Entwicklung in darwinistischen Maßstäben weiter und mit beeindruckender Wortgewalt seine Zeitkritik zu Papier. Eine weitere Reise führt den Reisenden schließlich in eine ferne Zukunft, in dem der Mensch gänzlich von der Erde verschwunden ist, und fremdartige Organismen den Planeten beherrschen, bevor er schließlich mitsamt seiner Zeitmaschine spurlos verschwindet.

Urteil: Sollte man gelesen haben, schließlich schöpften alle nachfolgende Generationen von SF-Schreibern aus dieser Quelle. Dies hier ist das Original, der Archetypus, wenn man so will. Und noch eine Randnotiz aus der paranoiden Ecke: Nehmt mal die Quersumme der Jahreszahl so habt ihr 18, diese achtzehn geteilt durch die 3 Reisen ergibt 6 und dreimal 6 ist, ja, richtig, die Zahl des Tieres aus der Offenbarung des Johannnes. Offenbarung auf griechisch heißt übrigens Apokalypse ... diese Art der Zahlenspiele kann man zwar auch mit jedem belibigen ALDI-Prospekt treiben, aber es macht irgendwie Spaß. (cp)

Williams, Tad
Otherland 1/4 - "Stadt der goldenen Schatten" (Org. "City of Golden Shadow")
  6/10 Punkte
Copyright: 1996
Verlag: Orbit
Erschienen: 1998
Übersetzer: n.a.
Form: Taschenbuch
Umfang: 943 Seiten
ISBN: 1-85723-604-1
Preis: £ 6,99

Tad Williams dürfte bisher nur in Fantasykreisen bekannt gewesen sein, doch mit seinem auf vier Bände angelegten Mammutwerk versucht er sich nun auch in der Science Fiction.

Über den Zweck von Otherland läßt sich auch am Ende dieses Auftaktbandes nichts Genaues sagen, nur soviel ist bekannt: einige der mächstigsten (und damit auch skrupellosesten) Männer der Welt haben sich zu der sogenannten "Gralsbruderschaft" zusammengeschlossen und über Jahrzehnte hinweg an der Erschaffung einer ungeheuer komplexen virtuellen Welt gearbeitet: Unbemerkt von der Öffentlichkeit entstand so eine Art zweite Realität, die sich von der Wirklichkeit kaum noch unterscheiden läßt. Auf den ersten Blick relativ harmlos, läßt sich nur an den "Nebenwirkungen" abschätzen, welche Dimensionen das Ganze hat: alle an Otherland beteiligten Programmierer verunglücken auf unerklärliche Weise, und quer durch die Kontinente fallen Jugendliche scheinbar grundlos ins Koma.

Einer dieser Betroffenen ist der Bruder von Renie, einer afrikanischen Lehrerin, und zusammen mit ihrem Buschmann-Freund !Xabbu (Williams bemüht sich an vielen Stellen, dem Leser dessen archaische Kultur näherzubringen) macht sie sich auf die Suche nach den Ursachen, wobei sie beinahe zu spät erkennt, welchen Staub ihre Recherchen aufwirbeln - erst als sie Wohnung, Arbeit und Freunde verliert, beginnt sie zu begreifen.

Neben diesem Haupthandlungsstrang gibt es noch mehrere andere Plots, die Otherland aus anderen Perspektiven zeigen: sowohl aus der Sicht der Bruderschaft, als auch aus der eines im Netzwerk Gefangenen. Und natürlich auch die Erlebnisse der Personen, die unabhängig voneinander einen Weg in diese andere Realität suchen, aus Gründen so unterschiedlich wie die Charaktere selbst ...

Urteil: Obwohl das Buch zu dem Komplexesten zählt, was ich in letzter Zeit gelesen habe, ist es mal wieder ein Beispiel dafür, daß dies nicht immer gleichbedeutend mit Anspruch bzw. Qualität ist.

Einer der auffälligsten Kritikpunkte ist der Cliffhanger, das Ende hätte abrupter und unbefriedigender kaum sein können ... wenn man auf knapp 1000 Seiten mehrere Handlungsstränge und ein gutes Dutzend Protagonisten entwickelt, sich mehr oder weniger zielstrebig dem Klimax nähert, dann sollte man dem Leser am Schluß auch einen solchen präsentieren - oder zumindest einige Antworten. (Vor allem, wenn man ein Jahr auf die Forsetzung warten muß.)

Ein weiteres Manko ist die Art und Weise, wie Williams das Konzept "Virtual Reality" benutzt: anstatt visionär eine eigene Welt zu erschaffen, beschreibt er größtenteils Altbekanntes wie die Götterwelt der ägyptische Mythologie oder ein Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs - und wenn er dann doch mal Eigeninitiative zeigt, wirkt es irgendwie gekünstelt. Wie Williams auch selbst zugibt, sieht er Otherland als Chance, die verschiedensten Welten unter einen Hut zu bringen und so die Möglichkeit zu haben, aus dem Vollen zu schöpfen. Ob solch eine Aussage nun von besonderem Talent zeugt, sei hier einmal dahingestellt. Auch die Frage, ob die Vielzahl der virtuellen Handlungsschauplätze und Individuen nicht eher störend wirken (ganz nach dem Motto "immer mehr von immer weniger"), muß jeder für sich beantworten.

Nach all der Kritik sollte ich vielleicht das Bild etwas zurechtrücken, denn wirklich schlecht ist das Buch beileibe nicht: sein Problem ist nur, daß es ihm zu einem guten Buch an Qualität fehlt - und auf der anderen Seite zu komplex und umfangreich für bloße Unterhaltung ist. (of)

Wilson, Robert A.
"Der neue Prometheus" (Org. "Prometheus Rising")
keine Wertung
Copyright: 1983
Verlag: rororo
Erschienen: 1985
Übersetzer: Pociao
Form: Taschenbuch
Umfang: 278 Seiten
ISBN: 3-499-18350-1
Preis: DM 14,90

Was hat ein Sachbuch über Psychologie, Tarot, Bewußtseinsmanipulation und Intelligenzsteigerung mit Science Fiction zu tun? Eigentlich nichts, aber wer es gelesen hat, wird mir beipflichten, daß es unbedingt in die Liste gehört.

Zukunftsvisionen, die Transformation sowohl des "inner" als auch des "outer Space" sind essentielle Bestandteile der Science Fiction-Literatur. Deshalb wird dieses Buch hier aufgeführt. Ob man Wilson nun begeistert zustimmt, ihn als Spinner verachtet oder sich einfach neutral verhält, das Buch ist es wert, gelesen zu werden. Ich enthalte mich jeglicher Wertung, möchte aber jedem empfehlen, sich diese 278 Seiten zu Gemüte zu führen, wenn ihm die "Illuminatus!"-Trilogie gefallen hat, denn dies ist nichts anderes als die non-fiktionale Umsetzung des Romans - tiefergehend, theoretischer, wissenschaftlicher. (cp)

Winterer, Andreas
"Cosmo Pollite" (Org. "Cosmo Pollite")
  7/10 Punkte
Copyright: 2000
Verlag: Schwarten
Erschienen: 2000
Übersetzer: n.a.
Form: Taschenbuch
Umfang: 263 Seiten
ISBN: 3-929303-15-9
Preis: DM 24,50

Andreas Winterer, bisher vor allem als Journalist im IT-Bereich tätig, präsentiert mit "Cosmo Pollite" sein Romandebüt. Wie bereits in den Episoden um seinen trashigen Raum-"Helden" Scott Bradley, zieht er so ziemlich alles bisher Dagewesene durch den Kakao – der Untertitel "Wodka, Warp und Laserwummen" lässt es vermuten. Nicht nur Star Trek und Star Wars werden von ihm bedacht, sondern auch Bladerunner, Alien und Konsorten bekommen ihr Fett ab: angefangen beim kryptischen Cash ("Chhr ... Fühle ... Die Macht ... Chrrr") über das Porg-Kollektiv bis hin zum Quacksal Hadernich, alle haben sie ihren Auftritt.

Die eigentliche Story um den Weltraum-Philosophen Cosmo Pollite und seinen rambomäßigen Freund Mark tritt dabei in den Hintergrund. Ihre Suche nach dem legendären Ring der Haluten, immer gejagt von den schurkischen Helfern der Lady Vadrine, dient im Prinzip nur als Plattform für die Gags des Autoren. Diese machen anfangs einen etwas gezwungenen und platten Eindruck, werden aber ab etwa Mitte des Buches merklich besser. Das liegt vor allem daran, dass die Seitenhiebe auch mal auf andere Bereiche abzielen und Winterer sich nicht mehr darauf beschränkt, bekannte SF-Klischees und -Charaktere zu verballhornen. Als echte Bereicherung entpuppen sich zudem die bereits erwähnten Bradley-Geschichten, die durch einen Kunstgriff in den Roman integriert wurden.

Schwächen sind – wie bei einem Erstlingswerk nicht anders zu erwarten – sicherlich vorhanden, doch alles in allem liest sich der Roman flüssiger und unterhaltsamer als so manch anderes Debüt der letzten Jahre. Auch (oder gerade) weil sich Winterers Humor von der Masse abhebt, sei jedem Freund der Fun-SF ein Blick auf die Online-Leseproben ans Herz gelegt. Dort findet sich übrigens noch ein weiteres Schmankerl: der "nonmotion nonpicture soundtrack", quasi die Musik zum Buch. (of)

Wolfe, Gene
Das Buch der langen Sonne 1/4 - "Die Nachtseite der langen Sonne" (Org. "Nightside the Long Sun")
  6/10 Punkte
Copyright: 1991
Verlag: Heyne
Erschienen: 1998
Übersetzer: Jürgen Langowski
Form: Hardcoverchen
Umfang: 397 Seiten
ISBN: 3-453-13334-X
Preis: DM 19,90

Der Whorl, eine riesige Weltraum-Arche, die seit Urzeiten durch den Kosmos zieht, ist Schauplatz der Handlung. Die Menschen haben das Universum außerhalb bereits völlig vergessen, die Zivilisation hat sich auf eine vorindustrielle Stufe zurückentwickelt, die die Artefakte aus ihrer Vorzeit als Götterwerk betrachtet.

Ein Geistlicher aus einem bettelarmen Tempel wird unfreiwillig in den Mittelpunkt gezogen, als ihm in einer Vision einer der mysteriösen Götter erscheint und ihm Großes prophezeit. Zuvor muß er jedoch verhindern, daß sein Tempel in die Hände eines skrupellosen Geschäftemachers fällt. Er muß binnen kurzer Zeit eine Unmenge Geldes beschaffen, so daß ihm nur zwei Alternativen bleiben: Entweder er sieht zu, wie der ihm anvertraute Tempel zum Bordell umgebaut wird, oder er wird kriminell und beschafft, was von ihm verlangt wird.

Urteil: Anfangs schleppt sich die Handlung sehr zäh dahin, der Leser erhält eigentlich keine Informationen über den Hintergrund der Charaktere - erst im weiteren Verlauf werden zusehends deutlichere Anspielungen gemacht, so daß sich vor dem geistigen Auge ein deutliches Bild abzuzeichnen beginnt. Auch entwickelt sich der Protagonist langsam aber sicher zu einem SF-untypischen Helden mit überlegenen kognitiven und körperlichen Talenten, die er selbst erst entdeckt, wenn er in extreme Situationen gerät.

Auf die weiteren Romane des Zyklus darf man gespannt sein, der Anfang war jedenfalls vielversprechend; die Reihe hat definitiv das Zeug zu einem gewaltigen, farbenprächtigen Epos á la Star Wars (wenngleich die Fantasy-Elemente hier noch nicht so stark die Oberhand gewinnen). (cp)

Wolfe, Gene
Das Buch der langen Sonne 2/4 - "Der See der langen Sonne" (Org. "Lake of the Long Sun")
  4/10 Punkte
Copyright: 1994
Verlag: Heyne
Erschienen: Mai 1998
Übersetzer: Jürgen Langowski
Form: Hardcoverchen
Umfang: 430 Seiten
ISBN: 3-453-13335-8
Preis: DM 24,90

Im vorliegenden zweiten Band des Buches der langen Sonne werden die weiteren Bemühungen des Patera Silk geschildert, sein Manteion zu retten. Im Zuge seiner Aktivitäten gerät er jedoch zwischen die Mühlsteine politischer Gruppen, die ihn jeweils für ihre Zwecke einspannen wollen, notfalls auch mit Gewalt. Dabei erfährt er (und der Leser) mehr über den Whorl, seine Erbauer und die mysteriösen "Götter" die anscheinend nicht nur Einbildungen von Menschen sind, sondern sehr real erscheinen und ihrerseits eigene Ziele verfolgen. Am Ende jedoch scheint es, als ob Silk teils durch seinen Scharfsinn, teils durch schieres Glück seinem Ziel näherkommt, während sich seine Gegner gegenseitig umbringen.

Urteil: Der 2. Teil hält leider nicht das, was der 1. versprochen hat; zu konfus und sprunghaft wird hier die Handlung vorwärts getrieben, inhaltliche Geschlossenheit und Logik bleiben auf der Strecke. Die Dialoge muß man teilweise mehrmals lesen um zu kapieren, worum es eigentlich geht, bzw. wer gerade spricht, die völlig übergangslos eingeflochtenen Traumsequenzen machen das Chaos perfekt. Bleibt das "open end" und die Hoffnung auf Band 3. P.S.: Die Umschlaggemälde der Hardcoverchen sind entgegen dem sonst üblichen Heyne-Layout-Stil bemerkenswert gut. (cp)

Wolfe, Gene
Das Buch der langen Sonne 3/4 - "Der Caldé der langen Sonne" (Org. "Caldé of the Long Sun")
  5/10 Punkte
Copyright: 1994
Verlag: Heyne
Erschienen: Juni 1998
Übersetzer: Jürgen Langowski
Form: Hardcoverchen
Umfang: 495 Seiten
ISBN: 3-453-13982-8
Preis: DM 19,90

Dies ist der dritte Teil des Buches der langen Sonne, die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen - doch zunächst eine kleine Zusammenfassung der Vorgeschichte: Patera Silk, ein junger Priester, erhält von einem mysteriösen Gott eine Vision, die ihm zunächst unklar bleibt. Der Nebel lichtet sich, als er erfährt, daß sein Manteion (sein Heiligtum) von einem skrupellosen Geschäftsmann aufgekauft wurde. Um die Schließung zu verhindern, bricht er bei Blood (so der Name des Gangsters) ein. Bei dieser Aktion wird er gefangengenommen, aber Blood bietet ihm an gegen Zahlung einer astronomischen Summe, ihm sein Manteion zurüchzugeben. Silks verschiedene Versuch an das Geld zu kommen, führen zu keinem unmittelbarem Erfolg, aber die Götter des Mainframes schenken ihm Beachtung und treten bei seinen Messen in Erscheinung, bzw. ergreifen währenddessen Besitz von einigen Personen. Dadurch gewinnt der ohnehin schon populäre Patera zusätzlich an öffentlicher Aufmerksamkeit. Bald tauchen Parolen auf, ihn zum Caldé zu ernennen, einem seit langem unbesetzten Amt in der Stadtverwaltung. Dies ist jedoch den herrschenden Stadträten ein Dorn im Auge und während Silk sich aufgrund eines anonymen Hinweises in ein Höhlensystem außerhalb der Stadt begibt, wird er in einen Hinterhalt gelockt. Seine Gefährten, die nach ihm suchen geraten ebenfalls immer tiefer in die Höhlen, wo sie auf allerlei seltsame Dinge stoßen: eine Armee Androiden, die dort stationiert sind, um im Fall von Unruhen in der Stadt einzugreifen; ein Strafkolonie voller Häftlinge, die sich ihren eigenen Staat aufgebaut haben (Richtig - es erinnert an "Chton"); sowie einen geheimen Zugang zur Ratskammer. Währenddessen überschlagen sich die Ereignisse in der Stadt: Eine der Tempeldienerinnen, Maytera Mint, wird von dem Geist einer Göttin besetzt, übernimmt die Anführerschaft über die Rebellenarmee und versucht das Hauptquartier der Stadt zu erstürmen. Als Silk aus den Höhlen entkommt, steht bereits die halbe Stadt in Flammen. Einige Einheiten der regulären Armee sind bereit zu ihm übergelaufen, jedoch wurde die Androidenarmee gegen die Aufständischen in Marsch gesetzt und in der kritischen Phase der Kämpfe wird Silk schwer verwundet und erneut gefangengenommen. Zusätzlich verkompliziert wird die Lage dadurch, daß ein Luftschiff aus einem anderen Gebiet des Whorl erscheint und sich in die Kämpfe einmischt, wobei allerdings unklar bleibt, auf welcher Seite diese fliegenden Soldaten eigentlich stehen und welche Ziele sie verfolgen. Die Protagonisten befinden sich in einer Art Pattsituation, als Blood wieder ins Geschehen eingreift.

Urteil: Eine gelungene Fortsetzung, besser sogar als Teil zwei, da hier die Handlung wesentlich detaillierter ausgearbeitet wird. Allerdings sollte man sich Zeit für die Lektüre nehmen, da einige der Handlungssprünge das Nachvollziehen für den Leser erschwert. So ist z.B. Silk in Bloods Haus gefangengenommen, im nächsten Moment gehen die Dialoge fast unvermittelt weiter ... das einzige, das darauf hinweist, daß etwas geschah, ist die Tatsache, daß Blood schwer atmet. Alles weitere kommt erst später ans Licht. Man könnte sagen, daß dieser Roman eigentlich für eine dramatische Umsetzung wie geschaffen wäre: die Handlung wird hauptsächlich durch Dialoge getragen, es spielt sich fast alles innerhalb weniger Stunden ab, d. h. man kann fast von einer Zeitdehnung sprechen.

Dort liegt auch die Schwierigkeit beim Lesen, denn die Handlung springt unvermittelt zwischen den einzelnen Strängen hin und her, außerdem wird der personale Erzähler (Silk) nicht konsequent durchgehalten. Das Schwierigste sind allerdings die Auslassungen: wichtige Elemente der Handlung werden einfach verschwiegen, so daß der Leser kombinieren muß, was eigentlich passiert ist: beispielsweise scheint Maytera Rose ihre Persönlichkeit auf Maytera Marble übertragen zu haben, direkt erwähnt wird es jedoch nicht.

Fazit: Gutes, aber nicht gerade leicht verdauliches Lesefutter, da man sich nicht einfach im Stile eines Trivialromans berieseln lassen kann, sondern sein Gehirn anstrengen muß. (cp)

Womack, Jack
"Zufällige Akte sinnloser Gewalt" (Org. "Random Acts of Senseless Violence")
  6/10 Punkte
Copyright: 1993
Verlag: Heyne
Erschienen: August 1998 (DE)
Übersetzer: Karl Bruckmaier
Form: Hardcoverchen
Umfang: 348 Seiten + Interview
ISBN: 3-453-13992-5
Preis: DM 14,90

Kennt man nur den Klappentext bekommt man den Eindruck eine Art "Shadowrun" vor sich zu haben, daher stutzt man zunächst nach den ersten paar Seiten: Man liest nämlich das Tagebuch der 12jährigen Lola, die im New York der nahen Zukunft lebt. Ihre Eltern besitzen eine geräumige Wohnung in einem guten Viertel, und sie und ihre kleine Schwester gehen beide auf eine der besten Privatschulen der Stadt. Alles scheint in Ordnung, doch - quasi in Nebensätzen - erkennt der Leser auch die andere Seite: Die Schwester benimmt sich manchmal, als habe sie zuviel "Itchy & Scratchy" gesehen, die Mutter ist immer öfter durch Beruhigungsmittel benebelt und der Vater versucht wieder und wieder erfolglos seine Drehbücher an den Mann zu bringen. Dagegen wirken für Lola die nationalen Probleme noch zu weit entfernt; immer öfter berichten die Nachrichten über Unruhen in den Großstädten und Soldaten ziehen ein, um die Bevölkerung zu "schützen".

Als Lolas Mutter entlassen wird und keinen Job mehr findet, und auch ihr Vater einsieht, daß an einen Verkauf seiner Drehbücher in der jetzigen Situation nicht zu denken ist, wird klar, daß sich an ihrem Lebensstil etwas ändern muß. Die finanzielle Situation wird von Tag zu Tag schlimmer, bis schließlich nur noch ein Umzug in eine ziemlich üble - aber billige - Gegend hilft. Auch wenn die Eltern sich selbst und ihren Kindern immer wieder einreden, daß sie nur eine Zeit lang in der neuen Wohnung bleiben wollen, weiß Lola tief in ihrem Inneren, daß sie nie mehr zurückkehren werden.

Schon bei ihrem Einzug beginnt sie das neue Viertel zu hassen. Nur bei ihren beiden "besten Freundinnen", Lori und Katharine, findet sie noch Halt. Doch auch hier zeichnet sich eine tragische Wende ab, denn Lori wird in ein Umerziehungslager geschickt und Katherine wird scheinbar von ihrem Vater vergewaltigt, kapselt sich immer mehr ab. Zu allem Überfluß sagen sich auch noch alle anderen Freundinnen von Lola los, zum einen aufgrund ihrer "Slum"-Wohnung und zum anderen wegen dem Gerücht, sie sei "andersrum".

So ist sie nun also alleine und einsam, bekommt auch immer mehr die rauhen Sitten der Stadt zu spüren ... als sie Iz und ihre Freundinnen kennenlernt; Mädchen aus der Unterschicht (zu der mittlerweile auch Lolas Familie gehört), die die Gesetze der Straßen kennen und wissen, wie man überlebt. Erst fällt Lola durch ihren Jargon und ihr Benehmen noch auf, aber im Laufe des Buches paßt sie sich immer mehr den anderen an, bis sie schließlich selbst eine von ihnen wird. Doch als Lolas familiäre Situation einen Grad erreicht, der sogar ihre Eltern zusammenbrechen läßt, und auch die Freundschaft zu Iz (der sie tiefe Liebe entgegenbringt, die jedoch - in dem Ausmaß - unerwidert bleibt) vor unlösbaren Problemen steht, führen ihre Konflikte und Gefühle zu einer Gewaltbereitschaft, die sogar die der Hartgesottensten übersteigt - und man ahnt, daß Lola verloren ist, daß die Geschichte unweigerlich ihrem tragischen Ende entgegenstrebt ...

Urteil: Es ist schon erschreckend, wie schnell ein intelligentes Mädchen (gerade in dem Alter, in dem die sexuelle Selbstfindung einen hohen Stellenwert besitzt, wie man an dem Verlauf der Geschichte sieht) aus seinem gesicherten Umfeld gerissen werden kann und die soziale Leiter bis ins Bodenlose absteigt. Vor allem hätte es vermieden werden können, wenn ihre Freundinnen wirkliche "Freundinnen" gewesen wären oder wenn ihre Mutter nicht die Flucht nach hinten angetreten hätte ... aber so kam es, und auch wenn einige der Probleme nicht eingetreten wären, hätte es irgendwann doch den gleichen Lauf genommen.

Wie Womack im Interview sagt, stellt die Sprache einen der Hauptaspekte in seinen Büchern dar. Das sieht man an diesem Werk sehr deutlich, denn die Tagebucheinträge, anfangs in normalem Deutsch gehalten, bekommen nach und nach - als sie in einem anderen Milieu verkehrt - mehr Einflüsse des Slangs der Stadtsprache, bis dann am Ende nur noch ein Brei ohne viel Interpunktion und Grammtik übrigbleibt. Man kann Lola praktisch als Metapher auffassen, für das was mit New York passiert ist - nur im Zeitraffer, denn das ganze Buch erstreckt sich nur über knapp ein halbes Jahr. Wie Womack außerdem berichtet, ist der Übersetzer Karl Bruckmaier ein Freund von ihm, und er sei guter Hoffnung, daß auch die deutsche Ausgabe die von ihm erzielte Funktion der Sprache besitzt (was meiner Meinung nach gelungen ist).

Als Randbemerkung sollte ich (da es von Heyne wohl niemand für nötig hielt) noch erwähnen, daß das vorliegende Buch lose zu Womacks "Dryco"-Zyklus gehört und die Anfänge der von ihm erschaffenen Welt schildert ... als Fazit läßt sich sagen, daß "Zufällige Akte ..." ein stilistisch und technisch wirklich gutes Buch ist, dem allein aufgrund des mich persönlich weniger ansprechenden Plots eine höhere Wertung verwehrt geblieben ist. (of)

Wood, N. Lee
"In Erwartung des Mahdi" (Org. "Looking for the Mahdi")
  2/10 Punkte
Copyright: 1996
Verlag: Heyne
Erschienen: November 1998 (DE)
Übersetzer: Walter Brumm
Form: Taschenbuch
Umfang: 431 Seiten
ISBN: 3-453-14875-4
Preis: DM 17,90

John Halton ist kein Mensch, er ist mehr - oder weniger, je nach dem, ob man Genetiker oder Moralapostel befrägt. Er ist ein Biokonstrukt des amerikanischen Geheimdienstes, er verfügt über supernatürliche Reflexe, kann einige dutzend Sprachen fehlerfrei sprechen und erholt sich binnen Minuten von drei Lungendurchschüssen. Dieser John Halton soll nach dem Willen des Geheimdienstes in einem kleinen arabischen Land den Bodyguard spielen für einen jungen Schnösel von Scheich, der außer Computerspiele nicht viel im Kopf hat. Damit er einigermaßen glaubhaft dort eingeführt werden kann, reist Halton als Kameramann einer abgetakelten Journalistin in dem Land ein, wo er bei einer Audienz ein getürktes Attentat auf den Scheich verhindern soll. Das gelingt auch zu vollster Zufriedenheit aller Beteiligten. Lediglich der Microchip, den Halon ins Land brachte, scheint einige unvorhergesehene Leute auf den Plan gerufen zu haben. So wurde bereits am Flughafen versucht mittels einer Entführung an den Chip zu kommen. Dummerweise rechneten die Araber nicht mit den Reflexen des Klon-James Bonds. Allerdings weckt das die Neugier von K. B., der Journalistin, die Halton begleitet. Sie beginnt einige Nachforschungen anzustellen und es gelingt ihr, die Informationen auf dem Microchip zu entschlüsseln. Es handelt sich nämlich hierbei um eine sehr hochentwickelte künstliche Intelligenz, wieso sie allerdings in ein Land geschmuggelt wird, wo etwas natürliche Intelligenz vonnöten wäre, bleibt zunächst im Dunkeln. Als jedoch alle meinen, der Fall wäre abgeschlossen, der Job erledigt, in dem Moment geht die Jagd erst richtig los.

Anmerkung: Äh, ja. Was soll man nur zu sowas sagen. Also wenn jemand ein leidlich spannendes Buch sucht, weil er entweder mit Grippe (oder sonstwem) Zuhause im Bett liegt, sich vor einer längeren Zugfahrt noch mit Lesefutter eindecken will, oder einfach Langeweile hat, der kann "In Erwartung des Mahdi" ruhig lesen. Leider ist weder das Cover (das weit unter dem üblichen Heyne-Standard liegt) noch der Inhalt irgendwie ansprechend gestaltet. Es ist ein Thriller, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ach ja, niemand muß sich Sorgen machen, daß er das Buch nicht verstünde: Wer jetzt, wie mein alter Freund und Kupferstecher nicht weiß, wer oder was ein Mahdi ist, muß nicht extra in islamischer Religionsgeschichte stöbern, es wird im Buch erwähnt, aber so moderat, daß die Gefahr einer zerebralen Überlastung nicht gegeben ist. Garantiert. (cp)